Volltextsuche über das Angebot:

19 ° / 7 ° wolkig

Navigation:
Gereimtes und Ungereimtes

Loccum / Poetry Slam Gereimtes und Ungereimtes

„Poesie und Musik mit Tobias Kunze und Freunden“ hat es in der Einladung des Klosters Loccum zu einem Abend mit Poetry Slam geheißen. Bemerkenswert ist so ziemlich alles an diesem Abend gewesen.

Voriger Artikel
Offline schauen
Nächster Artikel
Zwischen und hinter die Dinge schauen

Vier Poeten vor dem Publikum, im Hintergrund das musizierende Trio: So sieht Poetry Slam im Kloster Loccum aus.

Quelle: ade

von Beate Ney-Janssen. Das norddeutsche Publikum ist höflich. Es applaudiert auch dann, wenn ihm etwas offensichtlich nicht gefällt. Oder es nicht verstanden hat, was ihm da präsentiert wurde. Ehrlich gegenüber sich und anderen wird es meistens erst in der Pause. „Hurz“ ist das eindeutige Votum jener gewesen, die im Innenhof des Klosters in dieser Pause bei einer Zigarette beieinander standen. „Hurz“ – für diejenigen, die es nicht kennen – ist eine Darbietung von Hape Kerkeling gewesen, der, in der Maske eines Opernsängers, ein expressives Stück vortrug, das er in dem unvermittelten Ausruf „Hurz!“ münden ließ. Das uneingeweihte Publikum ließ sich ernsthaft auf eine intellektuelle Diskussion über die Aussage des Stückes ein.

 „Hurz!“ also – zunächst bezogen auf die Musiker von „SonARTrio“, die den Abend musikalisch begleiteten. Gerettet und das Publikum zu einem doch noch offensichtlich ehrlichen Beifall verleitet hat dieses Trio das Stück zum Abschluss, das ähnlich unverständlich begann wie die vorhergehenden, dann aber zu einer wilden, mitreißenden Melodie wurde, die tatsächlich berühren konnte.

Die Musiker waren jedoch eigentlich nur das Beiwerk des Abends. Gekommen sind die rund 200 Besucher ins Refektorium des Klosters, um einen Poetry Slam zu erleben. Ein wirklicher Dichterwettstreit ist es nicht gewesen, dafür aber ein Abend, an dem vier solcher Live-Poeten ein gemeinsames Programm präsentiert und dabei ihre jeweiligen Eigenheiten und Spezialitäten gezeigt haben.

 Tobias Kunze war dabei das Zugpferd: ein hannoverscher Poet, der einen bekannten Namen in der Slam-Szene hat, und auch das Programm koordiniert hat. Ein wenig in Busch-Manier startete er seinen Solo-Part mit einem Gedicht über den mit schier zahllosen Schubladen ausgestatteten Apothekerschrank eines Intellektuellen, den dieser Zeit seines Lebens verschlossen hält, und von dem die Fachwelt meint, dass er sämtliche Ergüsse des Meisters enthalte. Schade, dass das überraschende Ende der gereimten Erzählung irgendwo im Mittelteil deutlich zu erahnen war – weniger Wortverliebtheit und die Kürze, in der die Würze bekanntlich ja liegen soll, hätten den „Zettelkasten“ wesentlich eindringlicher gemacht.

 Florian Cieslik – Preisträger des SWR-Slam – beschränkte sich da doch wesentlich mehr in der Anzahl so mancher seiner Zeilen und machte sich damit zum Publikumsliebling, dem Lachen und Beifall sicher waren.

 Etwas schwerer taten sich Zuhörer hingegen mit der Poesie von Pauline Füg. Vielleicht, weil die Bühnenpoetin einst Psychologie studierte und die Schwere ihrer Gedanken zu mitmenschlichen Beziehungen und zum eigenen Leben jedem ihrer Gedichte anhängt. Auch hier wieder ein Zitat aus dem Pausengespräch: „Manchem Gedicht kann ich so schwer folgen.“ – Allzu viele komprimierte Gedanken in ihrer ganzen Tragweite nur durch einen Vortrag zu erfassen, überfordert eben manchmal. Allerdings: der Eindruck, dass es sich lohnt, tiefer in Fügs Gedanken einzusteigen und vielleicht bei Gelegenheit noch einmal zu lesen, was sie gesagt hat, ist durchaus entstanden.

Der letzte in dem Quartett schließlich, Klaus Urban, der in der Nachbarschaft in Stadthagen lebt und einst Professor für Sonderpädagogische Psychologie war, fing die Irritationen, die er anfänglich teilweise ausgelöst hatte, mit seinem letzten Vortrag auf. Mit einem Gedicht über sich selbst, den „faulen alten Sack“, der über sein Alter sinniert und damit auch hadert, der sich aber immer dann jung fühlt, wenn er auf der Bühne stehen und seine Poesie vortragen darf, traf er den Nerv der Lauschenden – und deren Verständnis.

 Zum Abschluss und ganz gleich, ob das Publikum diesen Abend nun geliebt oder als ziemlich furchtbar empfunden hat (die Meinungen sind da durchaus geteilt gewesen) – mit einem Gefühl dürften alle gegangen sein: Darüber kann man was erzählen.

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Möchten Sie uns zu diesem Artikel Ihre Meinung sagen? Dann schicken Sie uns einen Leserbrief.

Leserbrief schreiben

Tauchen Sie ein in ca. 33° warme Natursole, angereichert mit Inhaltsstoffen aus vielen Gesteinsschichten. Fühlen Sie sich wohl, lassen Sie sich in diesem Energiemeer treiben, entspannen Sie und lassen Sie positiven Gedanken freien Raum. mehr