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Loccum / „Kobergscher Hof“ Klosters Kneipe

Himmlische Zeiten standen am Anfang. Weder zehnt- noch abgabepflichtig ist der „Kobergsche Hof“ gewesen, als er im Jahr 1604 der erste Freihof im Stiftsbezirk des Klosters Loccum wurde. Manchmal träumt der jetzige Eigentümer Cord Rode davon, solche Zeiten selbst zu erleben.

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Mitten im Dorf seit 400 Jahren: was als „Kobergscher Hof“ vor mehr als 400 Jahren begann führt heute die Familie Rode als „Hotel Rode“.

Quelle: ade

Loccum (ade). Die Liebe war es, die dem „Kobergschen Hof“ zu seinen Vorrechten verhalf. Die Liebe – und die Reformation. Denn wenn Martin Luther nicht seine 95 Thesen an die Schlosskirche zu Wittenberg genagelt hätte und wenn nicht eine davon besagt hätte, dass das Zölibat aufgehoben werden solle, dann hätte sich ein Loccumer Abt wohl kaum zu dem Kind bekannt, das er mit einer Loccumerin zeugte. Unter dem Einfluss Martin Luthers und weil das Zisterzienser-Kloster in Loccum in den Bann der Reformation geriet, sorgte Theodor Stracke, obwohl und weil er der Abt des ehrwürdigen Klosters war, für seinen Nachwuchs – und zwar mit einem Zeichen, das auch mehr als 400 Jahre später immer noch ein gut sichtbarer Bestandteil des Loccumer Ortbildes ist.
Anna Koberg hieß die Loccumerin, in die Abt Stracke sich verliebte. Dem gemeinsamen Kind gaben sie den Namen Diderich. Um diesem Sprössling seine Existenz zu sichern, kaufte Stracke im Jahr 1604 – vier Jahre, nachdem er Abt geworden war – ein Baugrundstück samt ertragreicher Ländereien. Weitaus wertvoller wurde dieses Geschenk noch durch die Zusicherung, dass es „in ewigkeit zehntpflicht- und dienstfrey zu gebrauchen“ sei. Die Verpflichtungen aller anderen Einwohner des Loccumer Stiftsbezirks galten also nicht für die Eigentümer des „Kobergschen Hofes“: Sie mussten weder Teile ihrer Ernte in die Zehntscheune des Klosters bringen noch dabei sein, wenn die sogenannten Hand- und Spanndienste geleistet werden mussten. Sowohl ihre Ernte als auch ihre Arbeitskraft konnten die Kobergs allein für sich nutzen.
Hatte sich die Liaison mit Abt Stracke für Anna Koberg schon auf diesem Wege bezahlt gemacht, so sorgte der Vater des Kindes weitere vier Jahre später noch einmal dafür, dass es dem kleinen Diderich an nichts fehlte. 1608 war es, als er dem Vater Anna Kobergs im Namen des Klosters die Brenn-, Brau- und Schankrechte verlieh: Das war die eigentliche Geburtsstunde des „Kobergschen Hofs“. Als Gegenleistung forderte das Kloster lediglich jährlich „eine Tonne Mindener Bier“. Das Kloster hingegen verpflichtete sich zusätzlich noch zur jährlichen Lieferung einer „großen Buche aus dem Loccer Berge“. Beides – das Bier und die Buche – wechseln selbst heutzutage noch gelegentlich die Besitzer, wenn ein Jubiläum des „Kobergschen Hofs“ ansteht. Zuletzt brachte Cord Rode samt Familie im Jahr 2008 ein Fass Bier vor die Tür der Klosterkirche. Abt Horst Hirschler bedankte sich mit einer – kleinen – Buche, die noch in einem Topf ihre Wurzeln zu recken versuchte.
Doch nicht nur die Liebe, auch rein geschäftliche Erwägungen haben die innige Verbindung zwischen Kloster und Gasthof in den folgenden Jahrhunderten geprägt. So hat etwa das Kloster im Jahr 1829 seinen Zehnten an Friedrich Lohe verpachtet, den damaligen Eigentümer des Freihofs. Fortan hatten also die Klosterherren nicht mehr die Last mit dem Eintreiben des Zehnten bei den Bauern, sondern überließen das einem Mann aus dem Dorf. Lohes Schaden war diese Regelung nicht, auch wenn vorstellbar ist, dass er – quasi als „Steuereintreiber“ des Klosters – seinen Beliebtheitsgrad innerhalb der Bevölkerung nicht eben steigerte. Garben und gedroschenes Getreide musste Lohe im Namen des Klosters von den Bauern ebenso fordern wie ein Huhn zu Fastnacht. Und auch dann, wenn die eigenbehörigen Loccumer sich frei kaufen wollten, wenn jemand nach Loccum ziehen wollte oder wenn ein Loccumer verstarb, stand Friedrich Lohe bereit, um das einzunehmen, worauf das Kloster als freier Stiftsbezirk ein Recht hatte.
Von den Braurechten auf dem Hof machte indes Wilhelm Busch reichlich Gebrauch. „Buschmanns zu Biere“ hieß der Hof zu Buschs Zeiten – dort endeten meistens die Besuche, die er seinen Neffen abstattete. Sowohl Hermann als auch Otto Nöldeke lernten im Predigerseminar des Klosters das Pastorenhandwerk. Der Onkel aus dem benachbarten Wiedensahl, der bei ihnen die Vaterstelle vertrat, besuchte sie gelegentlich in Loccum. So manches Bier sollen sie gemeinsam bei Buschmann gepichelt haben – dass Wilhelm Busch in dieser Beziehung kein Kostverächter war, ist hinreichend bekannt.
Einen Vers im Gästebuch hat Wilhelm Busch den Kobergschen Nachfolgern leider nicht hinterlassen. Statt des handschriftlichen Dokuments vom „Vater des Comics“ brüstet sich die Familie Rode stattdessen aber mit einem kleinen, heute schwarz gefärbten Stückchen Fensterglas.
Ob aus Ermangelung an Papier oder aus purem Übermut – jedenfalls ritzte der Freiherr Ernst Friedrich von Trotha im Jahr 1796 seinen Gruß in eine der Fensterscheiben des Freihofs. Weniger originell, dafür aber für Menschen der heutigen Zeit von höherem Bekanntheitsgrad sind die Eintragungen im Gästebuch aus den 1970er Jahren. Auf Gustav Knuth folgt da Heidi Kabel – ein rühriger Buchhändler holte damals so manche Berühmtheit in den Klosterort und verschaffte den Herrschaften Zimmer in dem alten Gasthof – da hatte die Familie Rode schon lange das Hausrecht und nannte ihren Hof ‚Hotel Rode‘.
19 Generationen von Gastwirten bewirtschafteten den Hof in den vier Jahrhunderten. Und wenn die Erblinie der Kobergs zwischenzeitig auf dem Hof auch verloren ging, so hat die Familie Rode doch tief in die Ahnentafeln geschaut und festgestellt, dass sie – wenn auch nicht in direkter Linie – mit jener Anna Koberg verwandt ist.
Cord Rode, der heute das Hotel samt Gastwirtschaft, Ferienwohnungen und Kegelbahn führt, ist immerhin die vierte Generation der Rodes, die das tun, was mit Theodor Stracke und Anna Koberg vor mehr als 400 Jahren seinen Anfang nahm. Und wenn er auch die Brau- und Brennrechte, die dem Hof einst verliehen wurden, nicht mehr in Anspruch nimmt, so hält er doch an den Schankrechten gut und gern fest. Und spätestens 2029, wenn die Vergabe dieses Rechtes 425 Jahre zurückliegt, dann wird sich wohl wieder ein Mitglied der Familie Rode die Brauer-Schürze umbinden, ein Fass auf einen Wagen laden und dieses durch das Klostertor rollen - auch wenn die schöne Steuerfreiheit von einst für das „Hotel Rode“ nicht mehr existiert.

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