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Kein Kind darf vergessen werden

Rehburg / Förderschule Kein Kind darf vergessen werden

Allgemeine Euphorie scheint in Niedersachsen beim Stichwort „inklusiver Unterricht“ zu herrschen. In der Förderschule in Rehburg, der Wilhelm-Busch-Schule, ist Inklusion hingegen eher ein Reizthema bei Lehrern und auch Eltern.

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Eltern, Erziehungsberechtigte und Lehrer der Wilhelm-Busch-Schule sind unzufrieden mit der Umsetzung der Inklusion in Niedersachsen.

Quelle: ade

Rehburg. Mit einer Lese-Rechtschreib-Schwäche hat für Nicole Aselmanns Sohn alles angefangen. Deshalb bekam er in der Grundschule eine besondere Förderung, in manchen Stunden einen Pädagogen zu sich gesetzt, der ihn unterstützen sollte, deshalb stand bei ihm keine 5 als Note unter der Arbeit wie bei anderen Kindern – immer wieder war bei ihm etwas anders als bei den anderen. Und so gehörte er irgendwie nie richtig zu der Klasse dazu. Mobbing war die Folge – bis hin zu Prügeln, die er einstecken musste. Kaum verwunderlich, dass Schule für ihn ein rotes Tuch war, dass er mehr als nur jede Gelegenheit nutzte, um sich von seiner Mutter vorzeitig aus der Schule holen zu lassen.

 Angst vor Rückkehr der alten Probleme

 „Solche Kinder werden in regulären Schulen komplett ausgegrenzt“, sagt Aselmann. Nach drei Grundschuljahren war für ihren Sohn aber Schluss damit. Seitdem besucht er die Förderschule in Rehburg – und nun, als Wilhelm-Busch-Schüler, sagt seine Mutter, fühle er sich richtig wohl. „Sollte er wieder auf eine andere Schule gehen, dann könnte ich nicht mehr arbeiten“, ist sie sich sicher. Dann würde der Kreis aus Angst und Widerwillen wieder aufbrechen, würden die Noten wieder schlecht und die Erfolgserlebnisse blieben aus. An der Wilhelm-Busch-Schule seien die Klassen klein, gingen die Lehrer auf die Grundbedürfnisse der Kinder ein und würden nicht nur den Lehrstoff durchziehen, sondern hätten die Zeit, darauf zu achten, dass keines der Kinder zurückbleibe.

 Ähnliches hat das Ehepaar Nina und Stefan Duits mit seiner Tochter erlebt. Bei ihr wurde während der Grundschulzeit Schulangst diagnostiziert. Die Rehburger Schule besucht sie aber gerne. Und auch der Sohn von Lydia Grote hat es in seiner kleinen Klasse deutlich leichter. An anderen Schulen, sagen alle Eltern, würden ihre Kinder sang- und klanglos untergehen.

 Mit „anderen Schulen“ meinen die Eltern solche, an denen künftig Kinder wie ihre beschult werden sollen. Inklusion ist das Stichwort, das ab diesem Schuljahr greift und besagt, dass Kinder nicht mehr in Förderschulen unterrichtet werden sollen, sondern allesamt gemeinsam in einen Klassenverband kommen.

 Zwei Stunden Förderbedarf pro Woche durch Sonderpädagogen gesteht das Kultusministerium jeder Klasse zu, zu der solche Kinder gehören. Das wiederum sehen Aselmann, Duits und Grote als völlig unzureichend an und sind sich darin mit dem Leiter der Rehburger Schule, Jens Notzke, und dessen Stellvertreterin Christiane Henne vollkommen einig. Mehr Stunden durch die Sonderpädagogen, Zeit für diese Lehrer, auch mit den Klassenlehrern zu kommunizieren, wesentlich kleinere Klassenverbände und ein Umfeld, das es ermöglicht, auf jedes Kind einzugehen: Das ist es, was sie alle für zumindest erforderlich halten.

 Inklusion werde in Niedersachsen inkonsequent umgesetzt, fasst Notzke zusammen. Für ihn und sein Kollegium bedeute es momentan, dass sie nicht nur die Schüler der eigenen Schule betreuen, sondern auch noch den sonderpädagogischen Bereich in den Grundschulen in Hagenburg, Leese und Rehburg, in der Oberschule Loccum und teils auch in der Haupt- und Realschule Steinhude sowie der IGS Wunstorf abdecken müssten. Kaum zu organisieren sei das, die vielen Fahrtzeiten belasteten die Lehrer und würden zudem nicht als Arbeitszeit angerechnet.

 Fortbestand der Förderschulen offen

 Das sind aber nur die kleinen Dinge am Rand, die Notzke ärgern. Dass viele Kinder bei dieser unvollständig umgesetzten Inklusion mit ihren monetären und organisatorischen Schwächen auf der Strecke bleiben könnten und der Fortbestand der Förderschulen noch ungewiss ist, macht ihm viel mehr zu schaffen.

 Auch Klaus Nagel, Leiter der pädagogisch-therapeutischen Kindereinrichtung „Güldene Sonne“ in Rehburg, beurteilt die Situation so wie Notzke. Wenn Kinder zu ihnen in die Einrichtung kämen, die ohnehin stigmatisiert und ständige Misserfolge gewöhnt seien, dann sei oftmals die Förderschule genau die richtige Schulform für sie. Keiner in dieser Runde sei gegen Inklusion, sagt Nagel. Aber erst, wenn kein Kind vergessen werde, keines auf der Strecke bleibe, dann sei Inklusion auch gut, fügt Henne hinzu.

 Seiner Unzufriedenheit mit den halbherzigen Lösungen hat das Kollegium der Wilhelm-Busch-Schule gerade mit einem Brief an Kultusministerin Frauke Heiligenstadt Ausdruck verliehen und hofft darauf, dass Fragen und Probleme ernst genommen und Anliegen berücksichtigt werden. Auf die Antwort sind alle gespannt. ade

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