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„Nur wissen, ob Du noch lebst“

Rehburg / Feldpost „Nur wissen, ob Du noch lebst“

Die blecherne Schachtel schlummert schon einige Jahre im Haus von Margret Polacek. Als ihr Onkel starb und sie dessen landwirtschaftlichen Betrieb ausräumte, gehörte diese Schachtel zu den Dingen, die sie nicht wegwerfen mochte.

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Wohl verwahrt hat Margret Polacek nicht nur die Post aus dem Ersten Weltkrieg, sondern auch das Bild, das den ersten Mann ihrer Großmutter als Reservisten zeigt.

Quelle: ade

Und nun, seit allerorten über den Beginn des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren geredet werde, habe sie sich wieder daran erinnert, sagt sie. Manche Stunde hat sie seitdem damit verbracht, in den alten Papieren zu lesen – um einem winzigen Teil dieses Weltkrieges etwas mehr auf die Spur zu kommen: dem Leben des ersten Mannes ihrer Großmutter.

Welche Beziehung hat Margret Polacek zu diesem Heinrich Busse? Eigentlich kaum eine, denn sie hat ihn weder gekannt noch ist sie mit ihm verwandt. Aber immerhin war er der Mann ihrer Großmutter und der Vater ihres Onkels, der viele Jahre in ihrer Nachbarschaft lebte und dem sie immer nahe stand. Und außerdem ist da diese Kindheitserinnerung an die „Ahnengalerie“, die ihre Großmutter im Schlafzimmer hängen hatte und zu der ganz selbstverständlich auch das Foto ihres ersten Mannes gehörte. Eine weitere Erinnerung an Heinrich Busse hat sie im Haus ihres Onkels gefunden: einen schönen Rahmen mit einer Collage darin – teils gestickt und mit Fotos bestückt, auf denen Heinrich Busse stolz in Uniform zu sehen ist. Als Reservist hat er dieses Bild wohl 1909 bekommen. „Ruft einst das Vaterland uns wieder, so legen wir die Arbeit nieder und folgen treu der Fahne dann“, ist darauf zu lesen.

Scheint er auf diesen Bildern die Uniform noch gerne getragen und vielleicht auch gemeint zu haben, dass er gerne fürs Vaterland in den Krieg ziehen wolle, so meint Margret Polacek aus dem Inhalt der blechernen Schachtel ganz andere Töne herauszulesen.

1914, nur fünf Jahre später, wurde Heinrich Busse tatsächlich „zur Fahne gerufen“, war wohl unter den Ersten, die anrücken mussten, als am 1. August 1914 der erste der Weltkriege begann. Ein Brief ist in der Schachtel vom 14. August, geschrieben an seine Frau. „Mir geht’s noch ganz gut“, schreibt er ihr dort und wenige Sätze weiter: „Das 74. Regiment marschiert am 15. morgens um 2 nach Belgien ein, den Kanonendonner haben wir schon immer gehört. Jetzt müssen wir aber selbst dahin, dann wissen wir nicht, wie es da weitergeht.“

 Seine Frau Marie schreibt ihm danach Feldpostkarten: „Mein lieber Heinrich, schreib doch bitte mal. Die von den Rehburgern sind, haben alle schon geschrieben. Dass wir doch nur wissen, ob Du noch lebst und wie es Dir geht.“ Wenn sie diese Postkarte ihrer Großmutter lese, sagt Margret Polacek, sei sie immer noch ergriffen. Und wenn sie heute, 100 Jahre später, in Ehren gehalten wird und sorgsam verwahrt in einer Blechschachtel ruht, so hat sie den Adressaten doch nie erreicht. Bei Marie Busse kam die Nachricht an, dass ihr Mann am 20. September 1914 „im Gefecht bei Reims den Heldentod gefunden hat“. Die Feldpostkarte der Ehefrau mit der dringenden Bitte um Antwort landete ebenfalls wieder in Rehburg – sie erreichte den Ehemann nicht mehr und wies nur den lapidaren Hinweis „Gefallen“ auf.

 Das „Ehrenkreuz für Witwen“ wurde Marie Busse Jahrzehnte später mit Datum vom 21. Mai 1935 zugeschickt. An ihre Brust hat sie es vermutlich nie geheftet – noch heute ruht es ordentlich in einer durchsichtigen Hülle.   ade

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