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Burgwedel Messerattacke: Die Kleinstadt-Ruhe ist dahin
Aus der Region Region Hannover Burgwedel Messerattacke: Die Kleinstadt-Ruhe ist dahin
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00:31 29.03.2018
Fernsehteams belagern seit Sonntag den Tatort Dammstraße. Quelle: Martin Lauber
Großburgwedel

 „Mit großem Bedauern“ hat Burgwedels Stadtspitze am Montag in einer offiziellen Erklärung auf die Messerattacke auf eine 24-jährige Großburgwedelerin reagiert und dem Opfer völlige Genesung gewünscht. Gleichzeitig sei man „sehr erleichtert“ darüber, dass der mutmaßliche Täter gefasst werden konnte – dem Vernehmen handelt es sich bei dem 17-Jährigen, der die Frau mit einem Stich in den Bauch verletzte, um einen Palästinenser. Der Gesundheitszustand der 24-Jährigen, die am Sonntag ins künstliche Koma versetzt worden war, war am Montag nach Aussage von Oberstaatsanwalt Thomas Klinge unverändert lebensbedrohlich. Das Opfer ist Kassiererin in einem Supermarkt und wohnt in Großburgwedel.

Die Messerattacke ist nicht nur Stadtgespräch, sondern beschäftigt im Kontext weiterer ähnlicher Straftaten in anderen Städten mittlerweile die ganze Republik.  TV-Kameras und -Mikrofone allüberall – die eigentlich eher diskreten Großburgwedeler kennen das noch gut von der „Affäre Wulff“. Am Montag aber war es eine blutige Tat, die so gar nicht in die Stadt passt, in der laut Polizeichef Günter Heller Geflüchtete bislang allenfalls niederschwellig auffällig geworden seien – in mehreren Jahren gab es Heller zufolge keine einzige schwere Körperverletzung.

Die Medienleute lockte am Montag die böse Ausnahme vom friedlichen Kleinstadtalltag  an den Tatort Dammstraße, wo selbst noch das eingetrocknete Blut auf der Bordsteinkante für eine Großeinstellung gut war. Mancher Großburgwedeler bekannte sich vor laufender Kamera zu seiner Verunsicherung,  andere sehen den Einzelfall. Schon fühmorgens, kurz nachdem der Edeka-Markt an der Dammstraße öffnete, in dem die Messerattacke ihren Ausgang genommen hatte, war das erste Team eines Privatsenders vor Ort. Aber keiner der Mitarbeiter des Supermarktes habe am Sonnabend gegen 19 Uhr etwas von einem Streit mitbekommen, berichtete Markt-Inhaber Uwe-Karsten Lüders

Etwas Licht ins Dunkle der Vorgeschichte bringt mittlerweile die Aussage des 25-jährigen Lebensgefährten der Schwerverletzten, die dieser am Montag bei der Staatsanwaltschaft Hannover machte. Danach habe sich der folgenschwere Streit daran entzündet, dass er im Edeka-Markt zu zwei 13- und 14-jährigen Kindern gesagt habe, sie sollten sich ordentlich benehmen, gab der 25-Jährige an. Daraus habe sich, so Klinge, zunächst eine verbale Auseinandersetzung entwickelt. Beim zweiten Aufeinandertreffen wenige Minuten später draußen, keine 100 Meter die Dammstraße hoch in Richtung Bissendorfer Straße, war dann der 17-Jährige, der quasi um die Ecke wohnt, als Verstärkung bei den beiden jüngeren Verwandten. Wie und warum das anfängliche Schubsen dann so eskalierte, dass der 17-Jährige  zustach?  „Da bleibt noch ein Stück zu ermitteln“, so Klinge am Montagnachmittag. 

Am Sonntagnachmittag hatte Amtsrichter Michael Siebrecht den 17-Jährigen in Unersuchungshaft nehmen lassen. Er gehört zu einer größeren palästinenschen Familie, die als Kontingentflüchtlinge aus einem Randbezirk der syrischen Hauptstadt Damaskus nach Deutschland eingereist waren und seit 2013 in Großburgwedel leben. Auffälligkeiten rund um diese Familie seien bei der Stadt nicht bekannt, sagte Bürgermeister Axel Düker am Montag. Der Ikm-Treff an der Von-Alten-Straße, eine Anlaufstelle für zahlreiche Flüchtlinge, hatte keinerlei Kontakte. „Wir kennen niemanden aus dieser Familie“, sagt Sabine Teschner von dem Interkulturellen Zentrum. Die Messerattacke sei „mehr als traurig für die ganze Stadt“. Sie befürchtet, dass sich das Klima in Großburgwedel verschlechtern wird.  Stephan Nikolaus-Bredemeier, ebenfalls Ikm-Organisator und SPD-Ratsherr,  fordert für den Treffpunkt: Um noch mehr Migranten einzubinden, „müssen wir versuchen, mit Flüchtlingen, die sich engagieren und bemühen, mehr in die Öffentlichkeit zu kommen“.

Die Stadtverwaltung bekannte sich am Montag in ihrer öffentlichen Erklärung dazu, dass „in Burgwedel Integration gelebt“ werde. „Unterstützung erhalten wir dabei von den städtischen Sozialarbeitenden, den Ehrenamtlichen und der Stadtgesellschaft. Diesen Weg möchten wir weiterhin mit allen Akteuren beschreiten und das gute Zusammenleben in unserer Stadt trotz des schrecklichen Vorfalls positiv gestalten.“ Dass dieser Kurs nicht nur Freunde hat, weiß Bürgermeister Axel Düker nur allzu gut. Wie im Januar, nachdem zwei syrische Flüchtlingsfamilien einen städtischen Neubau in Engensen beziehen durften, hätten er, seine Stellvertreterin Christiane Concilio und die Stadtverwaltung erneut E-Mails mit ausländerfeindlichem Inhalt erhalten. 

Die Verwaltung stehe in enger Abstimmung mit der Polizei, so Düker. Dass in Großburgwedel ein zweites Kandel drohe, zeichne sich nach Aussage der Polizei nicht ab. In der südpfälzischen 9000-Einwohner-Stadt wird, seit ein junger Afghane ein 15-jähriges Mädchen erstochen hatte, regelmäßig demonstriert - auf der einen Seite für die Schließung der Grenzen, auf der anderen – wie am vergangenen Wochenende – gegen rechtspopulistische Demonstranten, Demokratiefeindlichkeit und eine Spaltung der Gesellschaft.

Wie ist die Stimmung nach der Messerattacke in Burgwedel?

 Die Messerattacke auf eine Großburgwedelerin ist am Montag Stadtgespräch in Großburgwedel. HAZ-Mitarbeiterin Laura Ebeling hat Stimmen gesammelt. 

Klaus Bemmann trifft den allgemeinen Tenor: „Dass in einem Ort wie Burgwedel so etwas passiert, ist schon sehr beunruhigend“, sagt der frühere Direktor des Amtsgerichts Burgwedel. „In der Großstadt gibt es immer mehr Kriminalität, aber dass das jetzt auch hier schon anfängt, konnte ich gar nicht glauben“, so beschreibt eine besorgte Mutter ihre erste Reaktion auf die schlimme Nachricht. Vor zehn Jahren sei sie mit ihrer Familie eigens aus Hannover nach Großburgwedel umgezogen, „weil es hier ruhiger ist“.  Anders der 87-jährige Günter Matschullat: „Ich fühle mich unwohl dabei, dass so ein schlimme Tat in Burgwedel passiert ist“, sagt der 87-Jährige. Eine mittelalte Burgwedelerin, die anonym bleiben möchte, sagt: „Ich traue mich als Frau gar nicht mehr alleine vor die Tür.“

Es gibt aber auch nicht wenige Stimmen, die vor einer Dramatisierung warnen.  „Es ist nunmal leider passiert, aber so etwas passiert ja nicht ständig in Großburgwedel“, sagt die 32-jährige Sandra Untiedt.  „Die ganze Situation ist traurig, aber irritieren lassen sollte man sich von der Attacke nicht“, pflichtet ihr eine ältere Burgwedelerin bei. Auch Karin Kleffmann sieht das so: „Ich fühle mich nicht unsicher, auch nicht durch Ausländer“, sagt sie, betont aber auch: „Messerstechen geht gar nicht!“ Christina Hartmann war am Tatabend um 19 Uhr noch im Supermarkt an der Dammstraße, wo die Messerattacke ihren Ausgang genommen hatte. Von einem Streit hat die ältere Burgwedelerin aber nichts mitbekommen. „Die verletzte Frau tut mir sehr leid. Ich verstehe nicht,  warum der Jugendliche ein Messer in der Tasche hatte.“

Ein Großburgwedeler, der in der Nähe des Krankenhauses wohnt, stellt sich ausdrücklich vor die ausländischen Mitbürger in Burgwedel: „Wir haben Syrer in der Nachbarschaft, die sich wahnsinnig gut benehmen“, sagt er.  Auch ein Anwohner der Dammstraße erklärt: „Bisher waren die Flüchtlinge sehr unauffällig.“ Der Rentner kam eine halbe Stunde nach der Tat nach Hause. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite sah er Polizisten mit Taschenlampen. „Zuerst dachte ich, es sei ein Einbruch passiert“, sagte er. Genauere Informationen habe er dann aus der Zeitung erhalten.

Auch Öznur Tuna hat die Tat aus nächster Nähe mitbekommen. Sie passte am Sonnabendabend in der Bissendorfer Straße gemeinsam mit einer Freundin und ihrem Bruder auf zwei Hunde auf. Die beiden waren allerdings gerade mit einem der Hunde spazieren. „Wir haben nur den Krankentransport und die Kripo wahrgenommen“, sagt die 34-Jährige. „Das war schon ein bisschen erschreckend.“ Die ganze Situation findet sie „sehr traurig und beängstigend“.

Von Martin Lauber

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