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Garbsen Mehr Kinder in Garbsen – aber die Hebammen fehlen
Aus der Region Region Hannover Garbsen Mehr Kinder in Garbsen – aber die Hebammen fehlen
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00:17 07.02.2019
"Ich habe genug zu tun": Hebamme Sandra Rittweger wiegt bei Hausbesuchen die Neugeborenen. Quelle: Privat
Garbsen-Mitte

 Dass die Geburtenrate in Garbsen seit zwei Jahren kontinuierlich steigt, muss man Sandra Rittweger nicht erzählen. Mehr als 600 Kinder wurden laut Statistik im Jahr 2017 geboren – und der Trend hält an. Für die Hebamme heißt das: Ihr Kalender ist schon jetzt bis Juli ausgebucht. „Ich muss mir keine Sorgen machen, Kunden zu finden“, sagt die 40-Jährige. Sobald Frauen wüssten, dass sie schwanger würden, fragten sie bei ihr an. Rittweger, die mit Mann und zwei Kindern in Frielingen lebt, begleitet die Frauen dann die Monate vor der Geburt und im Wochenbett. Ein Gespräch mit der Garbsenerin enthält viel Positives – steigende Kinderzahlen und Mütter in guten Händen – es gibt aber auch einen Einblick in die bedenkliche Situation von freiberuflichen Hebammen heute: die vielen Stunden, die sie unbezahlt leisten, die Paare, die sie abweisen müssen und die gesetzlichen Hürden, die ihre Arbeit immer wieder erschweren.

Rittweger ist eine, die ihren Beruf liebt, ein Grund dafür ist sicherlich, dass sie sich sehr bewusst für ihn entschieden hat. Immer wieder hat die gelernte medizinisch-technische Angestellte mit dem Hebammenberuf geliebäugelt, vor knapp sechs Jahren kam dann die Entscheidung: „Ich probier das jetzt einfach.“ Ihre Ausbildung hat sie am Klinikum Region Hannover gemacht. Danach machte sich die gebürtige Duisburgerin selbstständig und begleitet seitdem Frauen in Garbsen, Seelze, Neustadt und Wunstorf: „Alle, die ich im Umkreis von 20 Kilometern erreichen kann.“ Etwa sechs Frauen im Monat kann Rittweger gleichzeitig betreuen. Mehr schafft sie nicht. Das heißt aber auch, dass sie Anfragen ablehnen muss. „Ob wohl ich weiß, wie schwer es für viele Paare ist, überhaupt eine Hebamme zu finden“, sagt sie. Rittweger ist eine von neun freiberuflichen Hebammen in Garbsen. Das geht aus der Statistik der Region Hannover hervor. In Seelze gibt es derzeit zwei, in Neustadt eine, in Wunstorf elf.

Urlaube lang im Voraus planen

Der Tag der Garbsener Hebamme ist gut durchstrukturiert: Um 9 Uhr erscheint Rittweger beim ersten Hausbesuch, ab 15 Uhr will sie zu Hause bei den Kindern sein. Dazu kommen Aufgaben am Schreibtisch, denn jeder Besuch muss akribisch dokumentiert werden. Gegessen werde zwischen zwei Hausbesuchen häufig auch im Auto, sagt Rittweger. Und in Einzelfällen müsse sie auch abends los. Wenn sie im Sommer Urlaub nehmen möchte, muss sie das schon neun Monate im Voraus planen. „Ich muss rechnen, wann ich eine Schwangere noch annehmen kann und wann nicht.“ Geburten selbst übernimmt die 40-jährige Hebamme nicht – das ließe sich derzeit nicht mit ihrer Familiensituation vereinbaren, außerdem lägen die Kosten für die Haftpflichtversicherung derzeit bei 10.000 Euro pro Jahr, sagt sie. 2014 lagen sie laut dem Deutschen Hebammenverband noch bei 5000 Euro. „Das muss man sich leisten können“, sagt Rittweger. Sie übernimmt die Betreuung erst nach der Entlassung aus dem Krankenhaus.

Viele Stunden bleiben unbezahlt

Bei all der Euphorie, die Rittweger ausstrahlt, wenn sie von ihrer Arbeit spricht, ist auch ein wenig Frust zu spüren. „Als Hebamme muss man auf sich aufpassen und schauen, dass man sich nicht überarbeitet“, sagt sie. Viele der Stunden, die sie bei werdenden Müttern auf dem Sofa sitzt und einfühlsam über Kinderernährung, Ausstattung und Komplikationen aufklärt, bleiben unbezahlt. 38 Euro bekommt sie für einen Besuch während des Wochenbetts. Für das Geld kann sie exakt 20 Minuten bei den frischgebackenen Eltern sein: „Das ist nicht zu schaffen.“ Gerade in den ersten Tagen mit Baby hätten die Frauen viele Fragen, zum Stillen, Baden oder Tragen, erklärt die Hebamme. „Da sitzt man auch mal anderthalb Stunden da.“ Einfach sagen, dass die Zeit abgelaufen ist, sei unmöglich. Und deshalb macht sie Überstunden.

Ob sie jungen Menschen empfehlen würde, Hebamme zu werden? „Man muss sich das gut überlegen“, gibt Rittweger zu. Einerseits könne man in sehr wenigen Gesundheitsberufen so eigenständig arbeiten und habe so viel Kontakt zu Frauen. Alleine eine Familie ernähren könne sie nicht, sagt die 40-Jährige. „Wenn mein Mann nicht Hauptverdiener wäre, würde es nicht gehen.“ Vielleicht würde eine akademische Ausbildung für Hebammen – wie sie eine EU-Richtlinie vorschreibt – etwas ändern. Hebammen bräuchten eine bessere Position im Gesundheitssystem, eine bessere Bezahlung und mehr Anerkennung. „Derzeit haben wir keine große Lobby“, sagt Rittweger.

„Ich wollte das aber unbedingt machen und wusste, worauf ich mich einlasse“, sagt die kommunikative Garbsenerin, die am Sonnabend, 27. April, in der Andreaestraße 28 in Horst eine Hebammenpraxis eröffnen wird. Sie will eine feste Anlaufstelle für Frauen vor und nach der Geburt schaffen, wo sie Beratung und Unterstützung bekommen. Es soll Yoga-Kurse geben, Babymassage, Akkupunktur und eine Wochenbettambulanz – für alle Frauen, die keine Hebamme gefunden haben.

Von Linda Tonn

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