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Lehrte Zytanien: Die Mieter sind gekündigt
Aus der Region Region Hannover Lehrte Zytanien: Die Mieter sind gekündigt
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11:38 28.12.2018
Aussteigerdorf in Nöten: Die Mieter von Zytanien haben die Kündigung bekommen. Quelle: Archiv
Immensen

Das weit und breit einzigartige Aussteigerdorf Zytanien erlebt stürmische Zeiten. Der Eigentümer des Geländes, Bauunternehmer Günter Papenburg, hat den Mietvertrag mit den Bewohnern zum Ende dieses Jahres gekündigt. Er möchte die Flächen und Gebäude südlich von Immensen verkaufen und hat es auch den Zytaniern selbst zum Erwerb angeboten. Diese wiederum sprechen von einem völlig überhöhten Preis, stehen in Kontakt mit einem Anwalt und wollen um ihr Refugium kämpfen.

Der 79-jährige Papenburg kündigt unterdessen Gespräche für das nächste Jahr an, lässt aber keinen Zweifel an seiner Absicht, Zytanien loszuwerden. „Irgendwann will ich das Thema mal geklärt haben“, sagt er und spricht davon, dass es in Zytanien „einige Dinge“ gebe, die er als Eigentümer nicht mehr dulden könne. Konkreter benennt er diese jedoch nicht.

Die Bewohner des Aussteigerdorfs wiederum können sich moralischer Unterstützung sicher sein: Der Immenser Ortsrat hat sich bereits in einer einstimmig verabschiedeten Resolution für den Erhalt Zytaniens ausgesprochen. Man werde „alle Hilfe“ bieten, die man bieten könne, sagte Ortsbürgermeister Falk Kothe (CDU). Sozialdemokrat Michael Clement sagte, das Gelände müsse so, wie es jetzt ist, erhalten bleiben.

Papenburg hatte das Zytanienareal und die dortigen Gebäude nach Informationen dieser Zeitung Anfang der Neunzigerjahre gekauft. Damals lebten bereits seit mehreren Jahren dort Aussteiger, die das verlassene Industriegelände der früheren Zytan-Werke Mitte der Achtzigerjahre besetzt hatten. Diese zunächst illegale Situation wurde durch einen Mietvertrag, bei dessen Zustandekommen auch der frühere Immenser und spätere Bundeskanzler Gerhard Schörder mitwirkte, auf rechtlich sichere Fuße gestellt. Papenburg kassierte seither eine kleine Miete, die Zytanier lebten unbehelligt und bauten ihr Refugium sogar nach und nach wohnlich aus.

Im Spätsommer, kurz nach dem diesjährigen Zytanien-Festival, flatterte dann die Kündigung mit Wirkung zum Jahresende ins Haus. Kurz darauf kam das schriftliche Angebot an die Bewohner, das gesamte Gelände für 800.000 Euro zu erwerben. „Das überschreitet den Wert des Geländes weit“, sagte Florian Ričko, einer der derzeit 21 Zytanier, in der Ortsratssitzung. Und schon im Mai 2017 habe es ein erstes Kaufangebot gegeben – und zwar über 495.000 Euro. Ričko nennt das zweite, viel höhere Kaufangebot „einen Witz“, über den man aber in Zytanien nicht wirklich lachen könne.

Erst im vergangen Jahr hatten die Zytanier eine gemeinnützige GmbH gegründet. Deren Zwecke sind der Erhalt von Zytanien, die Musikförderung und die offene Jugendarbeit. Die Mietkündigung ist für die Zytanier zwar ein Schock, sie wissen aber auch, dass sie nach so langer Zeit nicht ohne vorherige Mahnungen von dem Gelände fliegen können. Und weil Papenburg zwar betont, er habe immer wieder mal Kaufinteressenten, das Vorkaufsrecht aber bei den Zytaniern liegt, sind diese noch recht gelassen. „Wir zahlen fristgerecht unsere Miete und bauen auf Verhandlungen“, sagt Ričko. Im Ortsrat hatte er auch davon gesprochen, dass man eine Finanzierung für die Übernahme des Geländes plane.

So sieht es beim zytanien-Festival aus: Ein Bild aus dem Sommer 2018. Quelle: Archiv

In den vergangenen Jahrzehnten hatten die Bewohner von Zytanien immer wieder selbst für ihr weitab in der Feldmark liegendes Aussteigerdorf in die Hände gespuckt, welches nicht einmal an ein öffentliches Wasser- und Abwassersystem angeschlossen ist. Das Wasser beziehen die Zytanier aus einem Hausbrunnen, eine Zentralheizung gibt es nicht. Laut Ortsbürgermeister Kothe schufen die Bewohner unter anderem ein Drei-Kammer-Klärsystem, sanierten einzelne Häuser grundlegend und bauten diese sogar teilweise neu auf.

Papenburg bemüht sich unterdessen, ein wenig Wind aus der ganzen Sache zu nehmen. Er habe die Angelegenheit wohl einige Zeit aus den Augen verloren, deutet er an. Er wolle nun mit den Zytaniern direkt ins Gespräch kommen – und zwar sehr bald im neuen Jahr. Über seine preislichen Vorstellungen äußert sich der Bauunternehmer nicht, aber er hofft, dass man „miteinander klar kommt“. Denn er sei ja grundsätzlich nicht abgeneigt, Zytanien nun den Zytaniern zu verkaufen.

Im Dorf kursieren etliche Gerüchte

Seit in Immensen duchgesickert ist, dass die Zytanier die Kündigung erhalten haben, kursieren im Dorf allerhand Spekulationen. Eigentümer Günter Papenburg wolle an einen Investor verkaufen, der alles abreißen und Luxuswohnungen errichten wolle, heißt es. Auch vom möglichen Bau einer riesigen Lagerhalle ist die Rede. Möglicherweise wolle dort sogar Aldi sein Logistikzentrum errichten, wenn daraus bei Aligse nichts werde. Und sogar über die Hells Angels als möglichem Käufer wird spekuliert.

Die Zytanier selbst nennen all dieses „wilde Gerüchte“, an denen nichts dran sei. Papenburg nennt keine konkreten Interessenten. Aber auch die Stadt Lehrte tritt den Spekulationen entgegen. Für das Zytaniengelände gebe es keinen Bebauungsplan, es sei als „Sonderbaufläche mit der Zweckbestimmung Wohnen und Kultur“ ausgewiesen, betont Stadtsprecher Fabian Nolting: „Was dort jetzt ist, ist baurechtlich gesichert.“ Alles andere, worüber jetzt spekuliert wird, ist es offenbar nicht.

Zwei Festivals: Die Planungen laufen

Zytanien ist nicht nur ein ungewöhnlicher Wohnraum, sondern auch ein Festivalgelände. Im vergangenen Sommer stieg dort zum 32. Mal das Zytanien-Open-Air. Es kamen mehrere tausend Besucher.

Angefangen hatte alles Mitte der Achtzigerjahre mit einem alten Scheunentor, dass auf mehreren Fässern liegend die Bühne darstellte. Mittlerweile ist die an Flower-Power-Zeiten erinnernde dreitägige Musikveranstaltung Jahr für Jahr hundertprozentig durchgeplant und lockt Besucher von weither an. Auch der Termin für das Zytanien-Festival 2019 steht bereits: 23 bis 25. August. Ungeachtet der Querelen mit dem Mietvertrag treibe man sämtliche Planungen voran, sagt Zytanier Florian Ričko: „Das Risiko gehen wir ein.“

Und auch das überregional stark beachtete Fuchsbau-Festival wird im kommenden Jahr wieder auf Zytanien stattfinden. Das dreitägige Happening unter dem Motto „Kunst, Musik, Diskurs“ ist für den 9. bis 11. August geplant. Tickets gibt es für den Fuchsbau, ebenso wie für das Zytanien-Festival, aber noch nicht.

Von Achim Gückel

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