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Springe „Mähen Sie Ihren Rasen nicht zu häufig“
Aus der Region Region Hannover Springe „Mähen Sie Ihren Rasen nicht zu häufig“
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19:31 10.08.2018
Christian Albert (von links) und Michael Borgolte vom Nabu sprechen mit Forstamtschef Christian Boele-Keimer über die Bedeutung der Insekten.      Quelle: Ralf T. Mischer
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Springe

Der Naturschutzbund Springe und das Forstamt Saupark möchten mit einer gemeinsamen Veranstaltung auf das Insektensterben aufmerksam machen. Unser Redakteur Ralf T. Mischer hat darüber mit Forstamtschef Christian Boele-Keimer und Michael Borgolte sowie Christian Albert vom Nabu gesprochen.

 

Zwei Drittel der Wildbienenarten in Niedersachsen gelten als akut gefährdet, ein Teil ist bereits ausgestorben: Kommt Ihre Aktion nicht ein wenig spät?

Borgolte: Es ist verwunderlich, dass die Öffentlichkeit das Thema so spät wahrgenommen hat. Es wurde schon jahrelang darauf hingewiesen, dass der Anteil der Insekten zurückgeht. Dies ist bei den Entomologen schon lange bekannt, wurde aber von der Bevölkerung nicht wahrgenommen.

Albert: Man kann feststellen, dass es jetzt vielen Privatpersonen wirklich aufgefallen ist, dass nicht mehr so viele Insekten da sind. Das Bewusstsein kommt natürlich nicht von heute auf morgen, sondern das ist ein längerer Prozess. Lange Zeit stieß das Naturereignis eben nicht auf die ganz große Aufmerksamkeit.

 

Die Angst vorm Bienentod hat das Blatt gewendet?

Borgolte: Das Bienensterben ist Teil des Insektensterbens. Es wurde nur früher bemerkt, weil die Imker ein Zusammenbrechen ihrer Honigbienen leichter beobachten können. Die Biene ist ja ein Sympathieträger – aber ich denke, es sind die Hummeln und Schmetterlinge gewesen, die in ihrer Artenvielfalt geschrumpft sind. Dies sind Insekten, die für jeden Laien leicht erkennbar sind und gut sichtbar sind – im Gegensatz zu den vielen kleineren Insektenarten. Es fällt den Menschen halt auf, dass sie in Kinderzeiten mehr Hummeln und Schmetterlinge gesehen haben – und diese werden heute viel seltener beobachtet. Gehen Sie mal durch die Feldmark und zählen sie eine Stunde lang die Schmetterlingsarten, die sie sehen. Wenn Sie auf fünf Arten kommen, haben Sie schon sehr gut geschaut. Dabei gibt es über 100 Arten, die man tagsüber eigentlich sehen müsste. Zwar nicht überall. Aber es sollten schon deutlich mehr als fünf sein.

 

Wo sind die denn alle?

Borgolte: Das ist die Frage. Diese sind vielleicht nicht komplett verschwunden – aber die Anzahl der Exemplare ist geringer. Wir sehen während eines Spaziergangs nicht mehr 20 Schillerfalter. Sondern vielleicht noch einen.

 

Warum ist das so?

Boele-Keimer: Das ganze Ökosystem ist nicht monokausal, sondern es gibt immer viele Gründe für Veränderungen. Deshalb kann es nicht darum gehen, einseitig irgendwelche Schuldzuweisungen zu erheben. Es muss um eine sorgsame Analyse gehen – und um die Frage, was der Einzelne bei sich in seinem Bereich verändern kann.

 

Unterm Strich gibt es aber doch mehr landwirtschaftlich genutzte Flächen als etwa Privatgärten?

Albert: Man muss jede Veränderung für sich betrachten: Der Wald hat sich verändert, die Ackerflächen haben sich ganz dramatisch verändert, die Flächen sind größer geworden, Hecken sind verschwunden, Randstreifen sind verschwunden, die Wiesen sind früher bunt gewesen, heute nur noch grün – und da können die Insekten nichts holen. Der Siedlungsbereich, wo jeder Bürger selbst etwas tun kann, der hat sich aber auch drastisch verändert. Wo früher die Eltern noch einen Garten hatten, in dem es auch eine Gemüseecke gab, sowie Staudenbeete angelegt waren, da ist heute in vielen Fällen der vermeintlich pflegeleichtere Rasen. Manche Leute haben sich mittlerweile sogar von den Rasenflächen verabschiedet – und man sieht nur noch Steingärten. Heimische, insektenfreundliche Staudengewächse leider Fehlanzeige .

 

Was müsste jetzt passieren? Oder ist es schon zu spät?

Borgolte: Zu spät würde ich nicht sagen. Denn ein großer Vorteil der Insekten ist ja, dass sie sich, wenn alles wieder passt, auch sehr schnell vermehren können. Aber wir müssen eben an der Umwelt was ändern. Die Insekten brauchen wieder einen guten Lebensraum und ausreichende Nahrungsquellen. Dazu benötigen sie passendes Nistbaumaterial. Wenn eines dieser drei Dinge fehlt, funktioniert das eben nicht mehr.

 

Was machen die Landesforsten denn in der Hinsicht?

Boele-Keimer: Insekten spielen für uns eine große Rolle als Teil des Ökosystems Wald. Das hat sich in den letzten Jahren auch stark verändert. Wir betreiben heute fast keinen Kahlschlag mehr, das heißt, große Flächen, die früher über viele Jahre etwa Schmetterlingen zur Verfügung standen, nehmen durch den Wechsel zum kontinuierlichen Verjüngungsbetrieb in den Buchenwäldern ab. Daher kommt auf uns, wie im Löwe-Programm der Niedersächsischen Landesforsten beschrieben, die Aufgabe zu, Waldinnen- und außenränder zu erhalten oder zu schaffen, oder da, wo wir die Möglichkeit haben, auf Grünlandflächen hier und da auch mal eine Streuobstwiese anzulegen. Und natürlich gibt es auch eine ganze Reihe von Insektenarten, die nicht auf lichte Strukturen angewiesen sind, sondern direkt im Wald vorkommen. Die müssen wir natürlich im Fokus behalten, um ihnen die Möglichkeit zu geben, zu überleben. Wie etwa dem Eremitenkäfer im Wisentgehege.

 

Ein Rückgang bei den Insekten hat ja Auswirkungen auf die Gesamtfauna- und flora. Welche?

Borgolte: Wir wissen, dass wir dadurch einen deutlichen Rückgang der Vogelarten haben. Viele Vögel füttern ihre Jungen mit Insekten, und denen fehlt dadurch schlicht und ergreifend die Nahrungsquelle. Aber auch Körnerfresser leiden, wenn weniger Samen produziert werden. Das geht weiter über die Fledermäuse, die Nachtinsekten jagen, diese Zusammenhänge wollen wir den Bürgern mit der Veranstaltung klar machen.

Boele-Keimer: Da gibt es auch eine aktuelle Studie der Tierärztlichen Hochschule Hannover von 2016, die hat in Zusammenarbeit mit der Landesjägerschaft im Umland von Hannover nachgewiesen, dass junge Rebhühner und Fasanen nicht mehr so viel Insektennahrung aufnehmen können, die ihnen die Vitalität gibt, um zu überleben. Das ist nur ein Indikator für die ganze andere Vogelwelt.

Albert: Ich möchte nicht, dass sich unsere Großkinder eines Tages das Vogelzwitschern als Relikt der Vergangenheit aus dem Internet herunterladen müssen. Das hat man ja dieses Jahr schon gemerkt: Die Vielfalt beim Gesang lässt langsam nach. Die Amseln und Drosseln setzen sich durch, die Elstern hört man und die Tauben und die Meisen noch so ein bisschen. Aber die Vielfalt lässt drastisch nach. Deshalb wird es höchste Zeit.

 

Wie wollen Sie die Leute dazu bringen?

Albert: Durch Aufklärung. Zum Auftakt starten wir mit der Veranstaltung mit kompetenten Referenten. Die zeigen nicht nur die dramatische Situation auf, sondern auch, was jeder Einzelne dagegen tun kann. So werden wir etwa auch Wildblumensamen verteilen, den jeder aussäen kann. Aber diese Aktion ist nur der Startschuss. Wir wollen eine Initiative lostreten und sind deshalb froh, dass uns das Forstamt Saupark unterstützt. Wir haben auch Experten bei der Veranstaltung, die Tipps geben, wie man den Garten insektenfreundlicher gestalten kann. Man findet bestimmt Ecken im Garten, in denen man der Wildnis mehr Raum geben kann.

 

Hinterm Rathaus gibt es bereits eine Wildwiese. Sind noch weitere Flächen geplant?

Albert: Wir wollen mit der Stadt die Gespräche fortsetzen, um zu klären, wo man noch weitere geeignete Flächen für die Anlage von Blühstreifen- oder Inseln ausweisen könnte. Aber wir wollen auch auf Betriebe zugehen. Einige haben wir schon angesprochen, und gefragt, ob sie Möglichkeiten sehen, Blühstreifen anzulegen. Die bisherigen Antworten lassen hoffen. In einem nächsten Schritt wollen wir auch die Landwirte dafür gewinnen, unsere Bemühungen gegen das Insektensterben zu unterstützen

Boele-Keimer: Wir werden auch in der Umgebung des Jagdschlosses eine Exkursion machen, bei der Beispiele dazu gezeigt werden, was jeder Einzelne tun kann, sei es durch Anlage eines Blühstreifens im Garten oder im Feld oder durch Schutz im Wald.

Borgolte: Wer den Aufwand scheut, kann auch durch ein aktives Unterlassen zu einer erheblichen Verbesserung der blühenden Gartenpracht beitragen. Verzichten sie auf Stickstoffdünger, auf Insektizide, Herbizide und sonstige Schädlingsbekämpfungsmittel. Mähen Sie ihren Rasen nicht zu häufig und lassen Sie zumindest einigen Pflanzenarten die Gelegenheit zum Blühen. 

 Die Infoveranstaltung am Sonnabend, 25. August, im Jagdschloss ist offen für alle Bürger. Sie beginnt um 9.30 Uhr mit Grußworten, die Experten-Vorträge starten um 9.45 Uhr. Wer teilnehmen möchte, bezahlt eine Gebühr in Höhe von 15 Euro. Darin enthalten sind Essen und Getränke. Anmeldungen unter (0 50 41) 9 46 80.

Von Ralf T. Mischer

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