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Stadt Hannover Nicht nur Hallo und Prost
Aus der Region Stadt Hannover Nicht nur Hallo und Prost
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19:31 16.12.2014
Von Gunnar Menkens
Mit zwei Sonderzügen kamen rund 2000 Leipziger nach Hannover. An einen Zug wurden extra zwei zusätzliche Waggons gekoppelt, so groß war der Andrang. Quelle: Claudia Brebach
Hannover

Zu Zehntausenden kamen Menschen aus Leipzig in den Wochen zuvor schon in die Stadt. Der Mauerfall lag nur wenige Wochen zurück, und Trabants und Ladas gehörten bald zum hannoverschen Stadtbild, DDR-Bürger nahmen sich die unvermutet gewonnene Freiheit, um die Landeshauptstadt zu besuchen. Aber dennoch: Als der Sonderzug der Reichsbahn am frühen Morgen des 16. Dezember 1989 im Messebahnhof Laatzen einlief, da waren die Gastgeber doch noch einmal gerührt. Klaus Timaeus, im Rathaus der Mann für alle Fälle, stand am Bahnsteig, schemenhaft sah er Waggons aus dem Trüben ans Licht kommen. „Das war schon toll, wie aus dem Nebel dieser Zug kam.“ In den ungeheizten Wagen froren 1000 Fahrgäste, was in diesem Moment keine Rolle mehr spielte. Sie lehnten sich aus den Fenstern und winkten und riefen. Herbert Schmalstieg grüßte zurück. Noch am selben Tag folgte ein zweiter Zug, Tausende kamen mit ihren Autos nach Hannover.

Timaeus betrachtete die Einfahrt in Laatzen nicht nur als staunender Zeitgenosse. In den Wochen zuvor wurde er noch mehr als üblich zu einer Art Sonderbeauftragter für Spezialfragen. Hatte Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg eine Idee, musste Timaeus, das Energiebündel, alles passend machen.

Es war auf dem Karl-Marx-Platz in Leipzig, Partnerstadt von Hannover seit 1987, als Schmalstieg bei seiner Rede die Bürger dort nach Hannover einlud. Schon in den Wochen nach der Grenzöffnung erreichten etliche Briefe aus Leipzig das Rathaus am Trammplatz, verbunden mit der Bitte, doch Kontakte zu Menschen in Hannover herzustellen. Nun ist es eine Sache, eine gute Idee zu haben; eine ganz andere Sache ist es, Verhältnisse des Alltags zum Tanzen zu bringen. Timaeus und seine Kollegen organisierte aus allen Anfragen und Schmalstiegs Einladung dieses Dezemberwochenende. 4000 Leipziger bei hannoverschen Gastgebern unterzubringen hielt Timaeus für ein realistisches Ziel. Und es gelang. 4000 Ostdeutsche übernachteten bei privaten Quartiermeistern. Der Gedanke war: Sportler zu Sportlern, Kleingärtner zu Kleingärtner, Kirchenleute zu Kirchenleuten, Schüler zu Schülern, Politiker zu Politikern, Narren zu Narren. Die Leute sollten was zu reden haben, „nicht nur Hallo und Prost“, sagt Klaus Timaeus. „Hannover grüßt Leipzig“ war die völkerverständigende Veranstaltung überschrieben, eine Wortfanfare, die auf etlichen Transparenten in der Stadt zu lesen war.

Ein prägendes Bild 

Natürlich begannen die Treffen trotzdem erst einmal mit einem Hallo. In den Messehallen hatte die Stadt Tische und Bänke aufgereiht, die Gäste aus der befreundeten ostdeutschen Messestadt konnten nach der langen Anreise erst einmal in Ruhe frühstücken. An Stellwänden fanden sich die Telefonnummern der Herbergsväter und -mütter. Leipziger in Hannover – das war dann das prägende Bild des Wochenendes vor einem Vierteljahrhundert. Vor der Oper Musik und Tanz. Das Blasorchester Leipzig trat auf, die „Jazz-Enthusiasten“ spielten Dixieland, das alles bei unfreundlichem Niesel- bis Regenwetter. In der Markuskirche wurde diskutiert, welchen Weg die DDR künftig nehmen sollte. Oppositionsgruppen hatten verschiedene Vorstellungen. Sollte das Land einen dritten Weg einschlagen, den zwischen Kapitalismus und Sozialismus? Das schwebte Vertretern der Vereinigten Linken vor. Oder würde doch alles eher nach Westvorbild ausgerichtet sein, wie es ein Sprecher des Demokratischen Aufbruchs vermutete? Fragen, die zu beeinflussen sich auch hannoversche Sozialdemokraten vorgenommen hatten. Die Sozis schenkten praktisch: Eine elektrische Schreibmaschine und eine Vervielfältigungsmaschine mit 30.000 Blatt Papier für die Freunde drüben. In Leipzig musste die SDP, die Ost-SPD, noch lernen, was Wahlkampf bedeutet. Einen Tipp hatten die Leipziger Parteifreunde für die Genossen hier allerdings ebenfalls: Bei Gesprächen sollten sie künftig nicht nur mit SED-Oberbürgermeister Günter Hädrich reden, sondern Oppositionsgruppen einbeziehen. Auch Hädrich war an diesem Wochenende in Hannover. Timaeus erinnert sich, dass die Politfunktionäre mit einem eigenen Bus anreisten. Was ihm noch einfällt: Als ein Leipziger den Zug verpasste, fuhr er im Politbus mit zurück. „Das war die Strafe.“ Timaeus kann am Ende von Sätzen fies kichern.

Bald gab es indes, auch in Hannover, andere Themen: Die Einheit nahm rasant Fahrt auf, von abweichenden Gesellschaftsmodellen war kaum noch die Rede. „Das hat ja keiner gedacht, dass wir so schnell zusammen kommen“, sagt Timaeus, der nun gerade im kleinen Maßstab und schnellen Grenzverkehr das Zusammenkommen von Leipzigern und Hannoveranern ermöglicht hatte. Hädrich schied im Juni 1990 aus dem Amt. Sein Nachfolger: Hannovers Oberstadtdirektor Hinrich Lehmann-Grube, im April 1990 extra Staatsbürger der DDR geworden. Auch diese Formalie hatte sich Monate später erledigt, als es nur noch ein Deutschland gab.

Am Ende blieb ein Dokument

Vom „Hannover grüßt Leipzig“-Tag blieb ein schriftliches Dokument. Beide Städte hätten „ein eindrucksvolles Zeugnis einer lebendigen und von gegenseitiger Sympathie getragenen Partnerschaft“ gegeben. Ein 13 Punkte umfassender Katalog wurde noch am Sonntag dieses Wochenendes umgesetzt. Auf den Weg nach Leipzig machte sich ein Transport mit 39 Krankenhausbetten und 2,6 Millionen Einwegspritzen und Kanülen. Ein Teil der Spontanhilfe: die Ausleihe von fünf Müllfahrzeugen, Personal eingeschlossen.

Dass aus manchen Begegnungen an diesem Wochenende Freundschaften fürs Leben geworden sind, kann Astrid Hansen erzählen. Auch der Karnevalsverein Blau-Weiß Linden hatte in den Wochen vor dem großen vorher Post von der Stadt bekommen, Narren sollten zu Narren unterbringen. Die kamen auch, wenngleich erst im Januar. Präsident und Vizepräsident eines Leipziger Klubs besuchten das Ehepaar Hansen und Veranstaltungen des traditionsreichen hannoverschen Klubs. Am Montag, die Rückreise näherte sich, wollten die beiden Leipziger noch schnell einkaufen. Man fuhr ins Ihme-Zentrum, wo es damals noch einen Aldi gab. Bloß, lacht Astrid Hansen, „war der leer gekauft“. Da hatten wohl schon andere Leipziger vor Ort zugeschlagen. Beim Rewe in der Stadt lief es dann besser. Auf Begeisterung der Gäste stießen besonders prall gefüllte Gemüseregale.

Freundschaft bis heute

Die Freundschaft hält bis heute. Man besucht sich zu einschlägigen Karnevalssitzungen hüben wie drüben, zu Reisen und sonstigen Anlässen. Im Januar sind die Leipziger wieder zu Gast in Hannover. Astrid Hansen berichtet, dass sie und ihr Mann in Leipzig auch schon mal „den einen oder anderen Orden bekommen haben“.     

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