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Stadt Hannover AWO Hannover: „Wir haben die Wende geschafft“
Aus der Region Stadt Hannover AWO Hannover: „Wir haben die Wende geschafft“
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00:15 23.06.2018
“Es war eine dramatische Zeit“: AWO-Bezirkschef Walter Richter im Interview. Quelle: Philipp von Ditfurth
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Hannover

Zwischen 2010 und 2014 kam der AWO-Bezirk Hannover nicht aus den negativen Schlagzeilen: Einer Klinik drohte die Insolvenz, Kur- und Pflegeheime sowie Kitas waren unwirtschaftlich, Banken strichen Kreditlinien, Mitarbeiter mussten auf Gehalt verzichten. Nach vier Jahren harten Sanierungskurses hat sich das soziale Unternehmen stabilisiert. Die Bilanz stimmt wieder, in Kürze werden Millionen in ein Wohn- und Pflegeprojekt in Vahrenwald investiert. Ein Interview mit Walter Richter, Vorstandschef des AWO-Bezirks.

Herr Richter, müssen die 2000 Mitarbeiter der AWO im Bezirk weiter um ihre Jobs fürchten?

Nein, wir haben die Wende geschafft. Wir haben die Strukturen sowohl im Bezirksverband wie auch in den Tochtergesellschaften komplett umgebaut. Das war hart für alle Beteiligten - aber wir können jetzt beruhigt in die Zukunft schauen und nehmen sogar neue Projekte in Angriff. Unser Jahresabschluss für 2017 zeigt bei 108 Millionen Euro Umsatz ein positives Ergebnis von 2,6 Millionen Euro und eine verbesserte Eigenkapitalquote. Wir haben die Krise überwunden, seit 3 Jahren geht es kontinuierlich aufwärts.

Jahrelang mussten die Mitarbeiter auf Gehaltsteile verzichten, unter anderem das Weihnachtsgeld, um den defizitären AWO-Einrichtungen das Überleben zu sichern. Ist das vorbei?

Ich bin 2014 ins Unternehmen geholt worden, eigentlich zunächst als Geschäftsführer nur für vier Monate, als Interimslösung. Die damalige Vorsitzende Kerstin Tack hatte mich gefragt, weil ich unter anderem durch meinen Job als langjähriger Controllingchef der Stadtverwaltung Erfahrungen mitbringe, wie man sozialverträglich althergebrachte Strukturen erneuert. Aus den vier Monaten wurden vier Jahre, wovon ich jetzt seit zwei Jahren geschäftsführender Vorstand bin. Aber schon im ersten Jahr haben wir den Verzicht auf das Weihnachtsgeld gestoppt – als vertrauensbildende Maßnahme, weil die Mitarbeiter lange genug Opfer für die Tochterfirmen der AWO gebracht haben. Seit 2016 haben wir einen Haustarifvertrag, der sich in der Struktur am Tarif des öffentlichen Dienstes orientiert, allerdings mit einigen Abstrichen.

Aber die Hausbank hatte doch Kredite gestrichen – wie haben die Unternehmen der AWO trotzdem überlebt?

Es war tatsächlich eine dramatische Zeit, ständig folgte auf eine Hiobsbotschaft die nächste. Gleich zu Beginn kam unsere Tochtergesellschaft für Gesundheitsdienste in die Insolvenz. Die AWO hatte völlig veraltete Strukturen. Sie wurde von einem vielköpfigen Vorstand ehrenamtlich geleitet. So kann man ein Unternehmen dieser Größe nicht mehr managen. Wir hatten zudem vier Tochtergesellschaften für den Betrieb der 52 Kitas zwischen Cuxhaven und Göttingen, 10 Pflegeheime, zwei Kurkliniken und 30 sozialpsychiatrische Einrichtungen. Aus diesen vier Gesellschaften haben wir eine gemacht, haben dabei Verwaltungseinheiten stark verschlankt und uns von Einrichtungen getrennt, etwa der Kinderkrebsklinik auf Sylt.

Und dann war da noch die Sache mit den insolventen Kliniken in Hann. Münden und Bad Münder ...

Ja, das waren eklatante Fehler der damaligen Geschäftsführung der GSD. Zu diesen Konditionen hätte man die Kliniken nicht kaufen dürfen, aber auch einige Banken haben Fehler gemacht. Sie haben noch Geld reingeschossen, als klar war, dass das Problem nicht mehr lösbar war. Die Zeche zahlte der AWO-Bezirksverband mit einem mehrstelligen Millionenverlust, aber auch das haben wir überwunden.

Haben Sie Personalstellen abgebaut?

Im Pflege- und Betreuungsbereich können wir gar kein Personal abbauen, da sind die Schlüssel festgelegt. Wir haben aber sehr wohl in der Verwaltung Personal reduzieren müssen. Allein schon durch die Digitalisierung fallen Aufgaben weg. Wir bauen aber jetzt wieder Stellen auf, weil wir dringend Fachkräfte in der Verwaltung brauchen. Und wir stellen zu unserer Freude fest: Obwohl wir etwas schlechter zahlen als mancher privater Anbieter, finden wir Personal. Manchmal kommen Mitarbeiter sogar zurück zu uns – denn wir sind ein sozialer Arbeitgeber, in unseren Einrichtungen sind die Arbeitsbedingungen vielfach besser als anderswo, und wir gehen anders mit Menschen um.

Sie wollen jetzt sogar Neubauprojekte in Angriff nehmen. In Vahrenwald planen Sie auf dem Grundstück Ihres Seniorenzentrums Schleswiger Straße ein Sozialzentrum mit Tagespflege und Café für 17,5 Millionen Euro.

Wir wollen im Juli den Teilabriss anfangen und hoffen, bald die Baugenehmigung zu bekommen, damit im Herbst der Neubau starten kann. Wir wollen die stationäre Pflege ausweiten von 101 auf 125 Betten, eine Tagespflege mit bis zu 20 Plätzen einrichten, das Betreute Wohnen auf 76 Wohneinheiten mehr als verdoppeln, die Krippenplätze um eine Gruppe aufstocken, ein Café einrichten, das auch für den Stadtteil offen ist, und mehr Veranstaltungen und Quartiersmanagement anbieten. Ähnliche Projekte planen wir in Bröckel im Landkreis Celle, wo uns der örtliche Bürgermeister gefragt hat, ob wir helfen können, und perspektivisch in Marklohe bei Nienburg und in Sorsum bei Hildesheim.

Ist das nicht riskant, so kurz nach der Krise wieder zu investieren?

Im Gegenteil: Wir brauchen das Wachstum. Im Sozialen- und Pflegebereich müssen Sie im Management heutzutage sehr viel Knowhow vorhalten, weil sich ständig die Gesetze und Vorgaben ändern. Dadurch ist die Verwaltung relativ teuer – sie lohnt sich erst ab einer bestimmten Größe von Einrichtungen, die von ihr organisiert werden. Darüberhinaus sind wir überzeugt, dass eine sozial ausgerichtete Organisation wie die AWO soziale Einrichtungen besser betreiben kann als private Firmen – deshalb ist es auch eine Herzensangelegenheit, wieder mehr Betreuungs-, Pflege- und Kitaplätze anbieten zu können.

Zur Person: Walter Richter

Auch wenn er den Begriff nicht gerne hört: Walter Richter gilt als einer der besten Strippenzieher der SPD im Raum Hannover. 1947 geboren, war der Stadtplaner zunächst im Rathaus als Planer beschäftigt, später persönlicher Referent des Stadtbaurats Hanns Adrian, dann Leiter des Wohnungsamts und unter Oberstadtdirektor Jobst Fiedler als Chefcontroller verantwortlich für die ersten drei Konsolidierungsprogramme, mit denen die Verwaltung verschlankt und modernisiert wurde. Von 2003 bis 2012 war er Geschäftsführer der städtischen Parkhausfirma Union-Boden. Der Vater zweier erwachsener Kinder ist seit 1968 SPD-Mitglied und seit 2001 Regionsabgeordneter, aktuell Vorsitzender der Regionsversammlung. Privat ist der 71-Jährige leidenschaftlicher Kleingärtner, hat er im Ruhestand den Job als Geschäftsführer des AWO-Bezirks angenommen. Zum Jahreswechsel will er ihn abgeben.

Das ist der AWO-Bezirk

17.000 Mitglieder hat der AWO-Bezirk Hannover, die in 18 Kreisverbänden zwischen Cuchaven und Göttingenorganisiert sind – es ist der mitgliederstärkste der drei AWO-Bezirke in Niedersachsen. Über seine gemeinnützige Tochtergesellschaft AWO Soziale Dienste betreibt er mit rund 2000 Mitarbeitern mehr als 80 Einrichtungen in den Bereichen Altenpflege, Kitas, Sozialpsychiatrie, Kur, Reha, Hospiz-, Integrations- und Flüchtlingsarbeit.

Vorsitzender ist derzeit der ehemalige SPD-Landtagsabgeordnete Marco Brunotte. Er will sein Amt an diesem Freitag zur Verfügung stellen. Als Nachfolgerin kandidiert die 48-jährige SPD-Bundestagsabgeordnete Yasmin Fahimi. Die Gewerkschafterin von der IG BCE war ab 2014 Generalsekretärin der Bundes-SPD und bis 2017 Staatssekretärin im Bundesarbeitsministerium.

Von Conrad von Meding

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