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Stadt Hannover Allergiekind: Was Angelina nicht essen darf
Aus der Region Stadt Hannover Allergiekind: Was Angelina nicht essen darf
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03:09 09.03.2018
Erfolgreiche Therapie: Angelina Lemke mit ihrem Kinderarzt Thomas Buck. Quelle: Foto: Wiechers
Hannover

Angelinas Geschichte könnte im Supermarkt beginnen. Dort, wo sie gelernt hat, die klein gedruckten Zutatenlisten auf den Verpackungen zu lesen und zu verstehen. Für die zierliche Zwölfjährige ist dies mittlerweile so selbstverständlich wie das Warten an der roten Ampel. Und ebenso wichtig. Denn Angelina darf nicht einfach essen, was ihr gefällt. Sie muss damit leben, dass ihr Immunsystem Feinde sieht, wo keine sind. Die Feinde heißen im Fachjargon Lebensmittelallergene, und wenn sie unachtsam ist und einen dieser Feinde verschluckt, rebelliert ihr Körper. Die Nase juckt, die Augen tränen, der Atem pfeift oder der Hals wird pelzig und der Magen rumpelig. Angelina ist ein Allergiekind – eins von 2,2 Millionen. Eins, das sich besonders schützen muss. Denn auch vor einem lebensgefährlichen allergischen Schock ist sie nicht sicher. Eine Notfallinjektion hat die Zwölfjährige immer dabei.

Ein Leben ohne Kuhmilch

Man könnte ihre Geschichte aber auch in jenem Jahr beginnen, in dem Deutschland sein Sommermärchen feierte. Miroslav Klose wurde bei der WM Torschützenkönig. Und aus den Lemkes wurde eine Familie. Im März 2006 kam Angelina zur Welt; das Glück schien vollkommen. Bis zu dem Tag, als auf Beinen und Armen der Kleinen, später auch im Gesicht rote Pusteln auftauchten, die offensichtlich stark juckten und nicht mehr verschwanden. Wenn Angelina im Strampler schwitzte, wurde es besonders schlimm. Sie war gerade einmal sechs Wochen alt, als der Misburger Kinderarzt Thomas Buck eine Diagnose stellte, die das Leben der Lemkes grundlegend veränderte. Buck ist einer der wenigen Ärzte, die auch in der Allergologie bewandert sind. Grund allen Übels, so eröffnete er den besorgten Eltern, sei die Kuhmilch, die ihre Tochter seit Kurzem bekomme. Angelina reagiere allergisch. Der Hautausschlag – eine Neurodermitis.

Auf Milch verzichten? Für einen Erwachsenen kein Problem, für einen Säugling ausgeschlossen. Angelinas Eltern lernten, dass Kuhmilch wertvolle Mineralstoffe wie Kalzium enthält. Sie lernten, dass Protein-Ersatzprodukte ein kleines Vermögen von etwa 500 Euro im Monat kosten. Und sie mussten damit klarkommen, dass die Medizin auf Neurodermitis nicht nur eine, sondern viele Antworten hat, weil jedes Kind auf die herkömmlichen Salben individuell reagiert. Sie kämpften mit der Krankenkasse um Geld, nicht einmal, sondern immer wieder. Um die Pflegekosten, die vorübergehend anfielen, erstattet zu bekommen, reichte Lemke sogar Klage ein. Irgendwann zog er sie wieder zurück. Um Kraft zu sparen.

Zu Partys nur mit Essenskorb

Die brauchte die Familie ganz besonders, als ein Jahr nach der ersten Diagnose eine Blutuntersuchung ergab, dass Angelina nicht nur auf Milch allergisch reagiert, sondern auch auf Hühnerei, Soja, Fisch, Nüsse und Weizen. Die Liste war ein Schock. Womit sollten sie ihre Tochter ernähren? Auf den Wochendiätplänen, die ihnen eine Ökotrophologin schließlich zusammenstellte, standen Gerichte mit Reis, Hirse, Dinkel oder Agavensaft, viele Lebensmittel, die man in der Vor-Veganer-Zeit nicht im Geschäft an der Ecke kaufen konnte. Die Lemkes grasten Supermärkte ab, durchforsteten das Internet und kannten irgendwann jedes Reformhaus in Hannover. „Es war eine sehr schwere Zeit“, erinnert sich Andreas Lemke. Der größte Wunsch sei von Anbeginn gewesen, dass Angelina wie ein normales Kind aufwächst, sagt er. „Das verlangt eine gute Organisation des Alltags.“

Zur Geburtstagsfeier bei Freundinnen erschien Angelina nie ohne ihren Essenskorb. Urlaube im Ausland, Ferien im Hotel mit Halbpension? Unmöglich. In der Küche der Lemkes herrscht bis heute eine strenge Ordnung, selbst ein ungewaschener Löffel, der zuvor im Rührei steckt, kann für Angelina gefährlich sein. 

Was Angelina braucht: Kalorien

Kalorienreiche Kost wird zum Nonplusultra, denn Angelina ist zeitweilig dünn wie ein Spargel. Mit acht wiegt sie gerade einmal 20 Kilo, zehn Kilo weniger als Gleichaltrige. Die private Kita, die Angelina mit drei Jahren besucht, ist ein Glücksfall. Die Kindergruppe ist klein, und die Erzieherin lässt sich für den Fall, dass es zu allergischen Reaktionen kommt, schulen. Später wird Vater Lemke darum kämpfen, dass auch Angelinas Lehrer lernen, im Notfall mit der Krankheit umzugehen.

Und die entwickelt sich erst einmal nicht zum Besseren. Mit drei Jahren reagiert Angelina auf Birkenpollen mit einen Asthmaanfall. Ihr Kinderarzt schickt sie zu einem Provokationstest in die Klinik, bei dem ihr Allergene zugeführt werden, um die Symptome abzuklären. Danach weiß Angelina, was im Ernstfall passieren kann. Später wird sich herausstellen, dass Erdnüsse bei ihr sogar einen allergischen Schock auslösen können. Eine Extremreaktion der Organe, die tödlich enden kann. 

Sie ist sechs, als die Ärzte mit einer Hyposensibilisierung beginnen. Drei Jahre lang wird Angelinas Immunsystem mit seinen „Feinden“ konfrontiert. In steigender Dosierung wird der Allergieauslöser unter die Haut gespritzt, mit dem Ziel, sie gegen die Reize zu immunisieren. Sie besucht außerdem eine der Schulungen, die Kinderarzt Buck gemeinsam mit Kollegen unter dem Dach eines Vereins anbietet. Nicht nur Eltern und Erzieher, auch Angelina selbst soll wissen, was diese Krankheit bedeutet und was sie beachten muss.

Nicht normal, aber glücklich

Und der Lohn für all die Anstrengungen? Es ist der schönste Teil der Geschichte: Angelina muss heute nicht mehr Wassereis essen, wenn andere ihr Milcheis schlecken. Sie darf Pizza essen, und pampige Puddings wurden auf dem Diätplan gestrichen. Auf der Liste mit ihren „Feinden“ stehen „nur“ noch Ei, Fisch und Nüsse. „Es war für uns ein Quantensprung, als Weizen und Milch erlaubt waren“, sagt ihr Vater. Die harten Zeiten seien vorbei, aber nicht vergessen. Angelina sei kein normales, aber ein glückliches Kind.

Man spürt das, wenn sich die Zwölfjährige an die harten Zeiten des Verzichts erinnert, und wenn man zuschaut, wie sie den Einsatz ihrer Notfallspritze demonstriert. Sie hat gelernt, mit der Krankheit zu leben und ihre Grenzen zu testen. Obwohl sie auf manche Tierhaare allergisch reagiert, hat sie zu Hause drei Meerschweinchen. „Es geht!“, sagt sie und strahlt in die Runde. Und wenn die Nase doch mal nach dem Essen verdächtig juckt, dann reibt sie sich eben die Nase – „das typische Allergiker-Reiben“, verrät Kinderarzt Buck. Mittlerweile besucht Angelina das Gymnasium. Die Familie hat etwas Wertvolles geschafft: Sie ist keine Außenseiterin.

Von Gabi Stief

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