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Stadt Hannover Als die Vertriebenen nach Hannover kamen
Aus der Region Stadt Hannover Als die Vertriebenen nach Hannover kamen
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00:17 29.05.2017
Von Simon Benne
Im September 1950 waren von 443.941 Einwohnern im zerstörten Hannover 20,9 Prozent Flüchtlinge (undatiertes Foto). Quelle: HMH Hauschild
Hannover

Einen Schrank hatten sie nicht. In dem Zimmer, das man ihnen zugeteilt hatte, hatten sie ihre wenigen Habseligkeiten mit Nägeln an die Wand gehängt. Und schlafen mussten seine Eltern auf dem Fußboden. „Eines Tages hatte mein Vater zwei Säcke besorgt, die aber noch mit Stroh gefüllt werden mussten“, erinnert sich Rudolf Schramm, der mit seinen Eltern als 13-Jähriger nach Monaten der Zwangsarbeit in der Tschechoslowakei in Ronnenberg gelandet war.

Mit einem geliehenen Handwagen zog er also los, Stroh besorgen. „Ich steuerte mehrere Bauern an, doch sie alle hatten angeblich keins“, erinnert sich Rudolf Schramm. Einer der großen Bauern wies ihn sogar brüsk ab: „Ich habe nicht einmal mehr Stroh für meine eigenen Kühe.“ Unter Tränen zog der Junge nach Hause: „Der Bauer hatte mich mit seinem Viehzeug auf eine Stufe gestellt.“

„Ständige Gefahr für die Moral“

An die Episode erinnert sich Rudolf Schramm, der noch immer in Ronnenberg lebt, bis heute. Sie wirft ein Schlaglicht auf die Haltung, mit der viele Alteingesessene den Vertriebenen begegneten. Immer und überall wurden Zugezogene von den Sesshaften mit Herablassung behandelt, insbesondere in Zeiten sozialer Not. Auch nach dem Krieg hofften viele Vertriebene vergeblich auf Solidarität: Ihnen schlugen massive Ressentiments entgegen. Die von den Nazis beschworene Volksgemeinschaft erwies sich als reine Illusion.

„Oft bekam ich zu hören, wir sollten dahin verschwinden, wo wir hergekommen waren“, erinnert sich ein Mann aus Pommern. Flüchtlinge wurden vielerorts - ein Nachklang der NS-Rassenideologie - als „Polacken“ beschimpft; man unterstellte ihnen, sie seien schmutzig, faul und lebten auf Kosten der Einheimischen. „Die Kartoffelkäfer und die Flüchtlinge werden wir nicht wieder los“, hieß es. Verächtlich sprachen Alteingesessene von der „Flüchtlingspest“ und der „Flüchtlingsflut“.

Wurden die ersten Trecks aus Ostpreußen noch vergleichsweise wohlwollend aufgenommen, schlug die Stimmung angesichts des anhaltenden Zustroms Vertriebener nach dem Krieg bald um. Im September 1950 waren von 443 941 Einwohnern im zerstörten Hannover 20,9 Prozent Flüchtlinge, in Niedersachsen stellten sie fast ein Drittel der Bevölkerung.

Kühl bemerkte Verkehrsminister Ernst Martens (FDP) in einem Schreiben an Ministerpräsident Hinrich Wilhelm Kopf, die Flüchtlinge hätten „zu weitaus überwiegender Mehrzahl nicht das geringste Interesse an der Ausübung ihres früheren Berufs“. Stattdessen trieben sie nur Schwarzhandel: „Sie bilden deshalb eine ständige Gefahr für die ordnungsmäßige Wirtschaft und die Moral.“ Einzige Lösung: „Die Rückkehr in die alte Heimat.“

Appelle an die Menschlichkeit

Auch die britische Militärregierung wäre die Flüchtlinge, die mit Wohnraum und Nahrung versorgt werden mussten, am liebsten wieder losgeworden - zumal Polen und Russen keine verlässlichen Angaben dazu machten, wie viele Vertriebene noch kommen sollten: „Wir sollten die Menschen zurück Richtung Osten schicken“, erklärte allen Ernstes der britische Provinzgouverneur, Oberst Bruce: „Wir sollten mit den Russen darüber verhandeln.“ Nur mit Mühe ließ er sich davon überzeugen, dass Sowjets und Polen die Vertriebenen kaum zurücknehmen würden.

Hinrich Wilhelm Kopf hingegen rief schon kurz nach Kriegsende zu Solidarität mit den Entrechteten auf: „Es ist Menschen- und Christenpflicht, für den bedauernswerten Mitmenschen zu sorgen“, beschwor er die Einheimischen.

Öffentlich wandte sich auch Oberst Hume von der britischen Militärregierung in einem dramatischen Appell im Oktober 1945 an die Deutschen: „Hier in Niedersachsen haben Sie seit Jahrhunderten den Ruf, konservativ und misstrauisch gegenüber Fremden zu sein“, sagte er vor Landräten im Rathaus. „Überwinden Sie dieses Misstrauen. Sie und wir alle müssen jetzt unser Bestes tun, die Flüchtlinge als nützliche Mitglieder einer Gemeinschaft anzusehen. Die Arbeit der Flüchtlinge sollte für den Aufbau einer besseren Zukunft Deutschlands willkommen sein.“

Rat will Zustrom stoppen

Die Appelle hatten eher mäßigen Erfolg: Bitter beschrieb der „Flüchtlingspfarrer“ und spätere niedersächsische Vertriebenenminister Heinrich Albertz, wie Bauern ihre „gute Stube“ leer stehen ließen, während nebenan Flüchtlinge in elenden Quartieren dahinvegetierten. An eine Rückkehr in die alte Heimat glaubte Albertz, der selbst aus Breslau stammte, nicht. Er pochte früh auf eine rasche Integration der Vertriebenen - doch angesichts der hartherzigen Haltung der Einheimischen nannte er diese einen „mühsamen Stellungskampf mit ungenügender Munition“.

Die Vertriebenen selbst waren oft nicht nur besitzlos, krank und traumatisiert, sie hatten - anders als die Einheimischen - in der Regel auch ihr soziales Umfeld verloren: Städter verschlug es aufs Land, Katholiken in evangelische Dörfer. Dort trafen sie auf eine Welt, deren Milieus allen Zerstörungen zum Trotz intakt geblieben waren. Für die Einheimischen bestand die einzige Veränderung der Sozialstruktur oft in der Aufnahme eben jener Flüchtlinge, die einen anderen Dialekt sprachen und alte Bräuche infrage stellten.

Die meisten Einheimischen spürten schon, dass es eigentlich ein moralisches Gebot war, den Fremden zu helfen. Zugleich fühlten sie sich jedoch überfordert. Und um kein schlechtes Gewissen zu bekommen, setzten sie die Neubürger herab - als arbeitsscheue Kriminelle, die an ihrem Schicksal sicher selbst schuld waren. Ein Phänomen, das abertausendfach zu beobachten war.

Die Massierung bitterarmer, entwurzelter Menschen barg folglich enormen sozialen Sprengstoff. Hannovers Rat trat am 8. August 1946 zu einer Krisensitzung zusammen. Er erklärte mit Nachdruck, es sei „unmöglich, noch Tausende von Ostflüchtlingen in einen Trümmerhaufen hineinzunehmen“. Es drohten Gefahren, „welche die mühsam bewahrte Zivilisationsgemeinschaft aufs Schwerste bedrohen“.

Für massive Spannungen sorgte etwa die Zwangseinquartierung Vertriebener in halbwegs intakte Wohnungen. Die Folge der erzwungenen Nähe war oft eine betonte Distanz.

Die Familie von Helmut Schulz wurde bei einem Ehepaar am Karl-Peters-Platz einquartiert. „Diese Leute waren natürlich nicht begeistert darüber, einen Raum an Fremde abzutreten, die dort dann zu viert hausten“, erinnert sich der gebürtige Schlesier. „Es gab strenge Regeln für die Küchen- und Toilettenbenutzung.“ Sein Vater habe den „Vermietern“ versprochen, so schnell wie möglich wieder auszuziehen: „Doch dieser für beide Seiten schlimme Zustand dauerte fast ein ganzes Jahr lang an.“

Erst Jahre nach dem Krieg entspannten Wirtschaftswunder, Wohnungsbau und wachsender Wohlstand die Situation. Als 1955 die ersten Gastarbeiter ins Land kamen, gaben die Flüchtlinge ihre soziale Stellung als „Fremde“ an diese ab. Wo es Vorurteile gab, richteten diese sich jetzt gegen die Ausländer. Einträchtig erkannten Einheimische und Flüchtlinge plötzlich, dass schlesische Kartoffelkließla und niedersächsischer Grünkohl sich angesichts einer Pizza Napoli doch sehr ähnlich sind.

Buch zur HAZ-Serie

Nach dem Krieg verschlug es Zehntausende von Vertriebenen nach Hannover. In einer großen HAZ-Serie halten wir Rückschau auf ihre Ankunft und ihren Alltag. Voraussichtlich im November erscheint dazu das Buch „Fremde Heimat – Als die Vertriebenen nach Hannover kamen“. Der etwa 100 Seiten starke Band (14,90 Euro) kann im Internet bereits jetzt unter shop.haz.de vorbestellt werden.

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