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Stadt Hannover Weshalb sich diese Mieter um ihre Wohnungen sorgen
Aus der Region Stadt Hannover Weshalb sich diese Mieter um ihre Wohnungen sorgen
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06:00 20.07.2017
Von Gunnar Menkens
Kündigen Widerstand in Linden an: Hausbewohner Florian Thurner, Björn Lömker und Peter Ulrich. Quelle: Franson
Hannover

Es ist nicht lange her, da fand Björn Lömker den lang erwarteten Brief im Kasten. Er las, dass ihm nichts passieren wird. Lömker, 33, Ingenieur, wurde auf der Stelle misstrauisch. In ein paar knappen Zeilen versprachen seine Vermieter, der Altbau in Linden mit Lömkers Wohnung werde zwar verkauft, aber ohne Folgen für Bewohner. Die Eigentümer schrieben: „Unsere Befürchtungen, dass ein Verkauf des Hauses der Mietergemeinschaft oder einzelnen Mietern Schaden zufügen würde, konnten im Gespräch mit Herrn Hussein vollständig entkräftet werden.“

Der Verkauf ist vereinbart

Björn Lömker ist nicht der einzige Mieter im Haus, der den guten Worten nicht traut. 17 Hausbewohner fürchten seit ein paar Monaten, dass sie über kurz oder lang ihre Mieten nicht mehr zahlen können, wenn neue Besitzer Rendite wollen. Das Geschäft ist abgemacht, die Eigentümer haben sich mit der Investis GmbH und deren Geschäftsführern Yassin Hussein und Tim-Philipp Redmer über einen Kauf verständigt. Nur die formale Abwicklung steht noch aus.

In Linden steht womöglich ein weiterer Konflikt bevor. Es geht erneut um gegensätzliche Interessen von Mietern und Investoren. Im Haus glauben sie nicht, dass professionelle Wohnungsvermarkter soziale Belange berücksichtigen.
Der Altbau am Pfarrlandplatz ist keiner, der viel hermacht. Vergebens sucht man Schnörkelfassade, restaurierte Eingänge und Räume groß wie Sportplätze. Die Wohnungen sind klein, meist um die 60 Quadratmeter, dafür auf dem Markt gefragt. Balkone gibt es mit einer Ausnahme nicht. Dafür blüht im Hinterhof ein Garten. Man lebt gut hier, Lömker sagt, er zahlt 6,50 Euro Kaltmiete je Quadratmeter.

Die Mieter wollen sich das nicht nehmen lassen. Schon vor Monaten machten sie Linden darauf aufmerksam, dass ein Verkauf droht. Bald hing ein Transparent vor dem Haus, seine Aufschrift klingt kämpferisch: „17 Mieter, 1 Einheit“. Das zweite Transparent greift eine Formel auf, die im eher linken Stadtteil schnell die Glut entfachen kann. „Stop Gentrifizierung“. Für viele Lindener bedeutet Gentrifizierung: Luxussanierer vertreiben finanziell schwache Mieter. Im Hof hängt noch ein Plakat: „Wir bleiben“. Der Protest ist vorsorglich. Was mit dem Objekt passiert, wussten Mieter damals wie heute nicht.

Trotzdem: „Dieser Brief“, erzählt nun im Garten Björn Lömker, „hat uns den Boden unter den Füßen weggezogen“. Oben am Pfarrlandplatz wohnt seit bald 40 Jahren ein altes Lindener Ehepaar, der Mann führte einmal eine Polsterei im Stadtteil. Überlegungen, die Wohnungen selbst zu kaufen, seien gescheitert, weil die Besitzer das Haus nur am Stück abgeben wollte. Sie erzählen von Maklern, die Wohnungen besichtigen wollten, ohne sich frühzeitig anzumelden. Jetzt also der Verkauf an einen Investor. Bewohnerin Schuer sagt: „Da merkt man, dass Mieter eine kleine Nummer sind.“

Bewohner sind nicht schutzlos

Am Telefon wirkt auch Tim-Philipp Redmer ein wenig geladen. Dass Transparente vorm Haus hängen und Mieter Wirbel machen, gefällt dem Investis-Geschäftsführer nicht. „Als wären wir in Berlin-Kreuzberg, das ist eine Frechheit von den Mietern.“ Er bestätigt, dass der Kauf beabsichtigt ist. „Aber wir wissen noch nicht, was wir mit dem Haus machen. Viel hängt vom Zustand des Gebäudes ab.“ Das Unternehmen besichtigte nur eine Wohnung, entschloss sich aber dennoch zum Kauf. Investis sieht offenkundig Aussicht auf Rendite.

Redmer skizziert, was denkbar wäre, es dürfte Mieter kaum beruhigen. Eine Dämmung der hinteren Fassade. Oder Balkone aufständern zur Gartenseite. Vielleicht, nach Auszügen, Wohnungen verkaufen, was ohne Balkone schwieriger sei. „Wir arbeiten mit Mietern zusammen“, sagt er und betont, dass man 1000 Wohnungen im Roderbruch führe.

Aber einen Moment lässt Redmer im Raum stehen, dass man sich wegen angedrohten Widerstands ja auch zurückziehen könne aus dem Geschäft. Dann würden eben andere kaufen, Firmen mit drastischen Methoden, „die lassen drei Jahre ein Gerüst stehen und mauern Fenster zu“. Was heißen soll: Terror als Strategie.

Schutzlos allerdings sind Bewohner neuen Eigentümern nicht ausgeliefert. Randolph Fries vom Mieterverein Hannover zitiert den bekannten Spruch, wonach Kauf Miete nicht bricht. „Der neue Eigentümer übernimmt Rechte und Pflichten des Mietvertrages.“ Womit Bewohner dennoch rechnen müssten, sei die energetische Sanierung. Dämmung zählt dazu. Dann können Investitionskosten mit bis zu elf Prozent pro Jahr auf die Miete geschlagen werden. „Pro Wohnung. Da kommt man schnell in Miethöhen, die nicht jeder bezahlen kann.“ Beim Anbau von Balkonen müsse geklärt werden, ob Mieter zustimmen müssen.

Janina Schuer hat schon eine Meinung zum Thema. „Balkon? Brauch’ ich nicht.“ Die Meinung von Tim-Philipp Redmer ist, dass die Bewohner am Pfarrlandplatz „jahrelang mit günstigen Mieten“ lebten. Man wird sich begegnen, irgendwann im Garten.     

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