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Stadt Hannover Das lernen Sterbebegleiter bei der Arbeit fürs Leben
Aus der Region Stadt Hannover Das lernen Sterbebegleiter bei der Arbeit fürs Leben
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00:15 20.05.2017
Von Gunnar Menkens
Helfen Sterbenden und lernen dabei auch für ihr eigenes Leben: Ulrich Zorn und Ulrike Häßler.  Quelle: Samantha Franson
Hannover

Im Zusammenhang mit einer Plage der Menschheit, dem Tod, hat Ulrich Zorn zwei Dinge gelernt. Erstens: Ärzte können irren. Einmal erklärten ihm Mediziner, dass ein Patient nur noch auf eine kurze Frist Leben hoffen dürfe. „Daraus wurden dann eineinhalb Jahre.“

Und zweitens: Wer mit Sterbenden zu tun hat, lernt selbst dazu. Zorn ist ein Mensch von stillem Humor, den der Tod nicht schreckt, aber eigentlich niemand, der sich für Hannover 96 interessiert. Dann besuchte er regelmäßig einen tödlich erkrankten Mann, einen glühenden Verehrer des Vereins, und plötzlich sah er sich gemeinsam mit ihm Spiele an. Den bevorstehenden Aufstieg des Clubs erlebte der Mann nicht mehr, vor ein paar Tagen ist er gestorben. „An seinem letzten Abend hat er Fernsehen geguckt, in der Nacht ist er verstorben, wunderbar“, sagt Ulrich Zorn, und wenn diesem Satz etwas fehlt, dann ist es Schwulst und Pathos.

Nur jeder Fünfte stirbt zu Hause

Seit nun 25 Jahren gibt es den ambulanten Palliativ- und Hospizdienst der Diakonie. Mit 14 Ehrenamtlichen fing es an, heute helfen 116 Männer und Frauen bei der kirchlichen Sterbebegleitung, dazu kommen neun hauptberufliche Mitarbeiterinnen. Ambulant bedeutet: Sie besuchen Menschen in ihrer letzten Lebenszeit zu Hause, was sehr oft heißt: in einem Pflegeheim. Wohl jeder Mensch, der es sich aussuchen könnte, würde in vertrauter Umgebung sterben wollen, doch nur jeder Fünfte, sagt Diakoniepastor Rainer Müller-Brandes, erlebt dieses Glück.

In der Zeit bis zum Tod geht es bei den Besuchen längst nicht nur um die ungeheuerliche Vorstellung, schon bald verschwunden zu sein. Ulrich Zorn erzählt, dass er mit einem Mann im Baumarkt Material einkaufte, was ihm allein nicht mehr möglich war - ein Hirntumor äußerte sich in furchtbarer Vergesslichkeit. Einmal fühlte Zorn sich fehl am Platze, als ein Mann über Formel 1 und Computer reden wollte. Er meditierte mit einem Sterbenskranken. Gut, dachte Zorn, „meditieren ist besser als Nichtstun“. Ein Vater wollte ein letztes Gespräch mit seinem in Afrika lebenden Sohn führen, die Vermittlung gelang.

Cornelia Häßler, eine Frau mit warmen Augen und seit fünf Jahren bei der Diakonie, stellt oft eine Frage: „Was möchten Sie noch klären?“ Schwer war es für sie zu erleben, wie eine krebskranke Mutter Anfang 50 eine dritte Chemotherapie begann, im Bewusstsein, dass diese Behandlung ihrem geschwächten Körper den Tod bringen könnte. So kam es auch. Ihr Wunsch, weiter ihre Kinder begleiten zu können, erfüllte sich nicht.

Der Alltag fällt leichter. Manchmal gehen Helfer und Patienten in der Eilenriede spazieren, den Rollstuhl dabei, manchmal kochen sie gemeinsam. Eine todkranke Frau wurde von zwei ehrenamtlichen Helfern betreut, mit einem besprach sie Dinge von Leben und Tod, mit dem anderen Details über Kosmetik.

Man ahnt schon: Wer kein Interesse an Menschen hat, sich selbst für den Mittelpunkt der Welt hält, nicht neugierig ist und nicht damit umgehen kann, dass Todkranke Schmerzen fürchten und an ihrem Schicksal verzweifeln, der sollte sich besser nicht für die freiwillige Arbeit beim Palliativ- und Hospizdienst melden. Wer diese Menschen zu Hause besucht - einmal in der Woche zwischen zwei und vier Stunden und öfters, wenn es dem Ende entgegengeht -, hilft aber nicht nur ihnen selbst, sondern auch Angehörigen, die oft keine eigene Ruhe finden und keine Pause haben von der ständigen Betreuung. Einmal wieder ausschlafen können, einmal wieder in Ruhe einkaufen oder zum Sport gehen, selbst einen Arzt aufsuchen, ein eigener Mensch sein können, wenigstens für ein paar Stunden, weil man weiß, dass jemand zu Hause ist beim Angehörigen - auch darum geht es bei der Hilfe der Diakonie. Pastor Müller-Brandes beschreibt die Situation, in die pflegende Angehörige, darunter sehr oft Berufstätige, geraten können: „Manchmal kann man einfach nicht mehr.“

Helfer des ambulanten Dienstes sollte man allerdings nicht verwechseln mit anderen Professionen. Sie sind kein Ersatz für den Pflegedienst. Und sie sind keine Sterbehelfer. Ulrike Häßler ist oft beeindruckt davon, „wie kraftvoll Menschen diesen Weg gehen“, und sie meint den Weg in den natürlichen Tod. Aber es gibt auch Sterbenskranke, die eine Abkürzung wünschen, um ihr Leiden zu verringern. Immer wieder hören Helfer den Wunsch nach aktiver Sterbehilfe. Aber dafür ist die Diakonie die falsche Adresse. Sie verteilt keine tödlichen Tabletten und organisiert keine Reisen in die Schweiz, dem Paradies der Sterbehilfe.

Bessere Hinweise auf Hilfe

Pastor Müller-Brandes würde sich, bei allem Aufschwung, den die ambulante Hilfe in den vergangenen 25 Jahren genommen hat, mehr Vermittlung wünschen. Etwa, wenn Patienten aus Kliniken entlassen werden. Hinweise auf diesen kirchlichen Dienst gebe es zwar meist für Menschen auf Palliativ- und Onkologiestationen, aber in anderen Abteilungen laufe es noch nicht so gut. „Ich weiß, dass Ärzte und Pfleger wenig Zeit haben“, sagt Müller-Brandes, es passe nicht zusammen, dass medizinische Methoden immer besser würden, die personelle Situation aber immer schlechter. Umso mehr wünscht er sich ein Entlassungsmanagement mit Hinweisen auf existierende Hilfen.

Mit Hinweisen auf Menschen wie Ulrike Häßler. Nach ihrer Zeit beim ambulanten Dienst sagt sie: „Ich bekomme viel mehr, als ich gebe. Die Besuche sind auch eine gute Vorbereitung für den Abschluss des eigenen Lebens.“

Kassen zahlen ambulante Hilfe

Patienten, die die Hilfe von anerkannten Palliativdiensten in Anspruch nehmen möchten, müssen sich um Geld nicht sorgen. Nach Auskunft des Stadtkirchenverbandes übernehmen Krankenkassen die Kosten für die Besuche, „dafür muss bei Kranken eine ausgeprägte Symptomatik vorliegen“.

Der 1992 gegründete ambulante Palliativ- und Hospizdienst der Diakonie Hannover ist der zweitgrößte in der Landeshauptstadt, neben dem Angebot der Malteser. Die ehrenamtlich tätigen Helfer werden in einem zehn Monate dauerndem Kursus geschult. 90 Prozent der Absolventen sind Frauen, die jüngste Helferin ist 23 Jahre alt, im vergangenen Jahr schied mit 86 Jahren die älteste Mitarbeiterin aus. Ehrenamtliche und Patienten kommen zusammen, indem etwa Interessen abgeglichen werden, eine Rolle kann auch die Nähe des Wohnorts spielen. In der Regel kümmern sich Helfer nur um einen Patienten und begleiten ihn bis zu dessen Tod.

Palliativdienste haben gewöhnlich eine Rufbereitschaft für betreute Patienten – etwa, wenn Ärzte über das Wochenende nicht erreichbar sind. Bei der Diakonie helfen ausgebildete Krankenschwestern mit einer Weiterbildung in Schmerztherapie.

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