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Stadt Hannover Vor 25 Jahren: Der Anschlag beim Altstadtfest
Aus der Region Stadt Hannover Vor 25 Jahren: Der Anschlag beim Altstadtfest
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00:18 31.08.2017
Von Susanna Bauch
Absperrung und Absage: Nach der Detonation der Bombe wird der Bereich großräumig abgeriegelt und das Altstadtfest 1992 vorzeitig beendet. Quelle: Thomas
Hannover

Der Täter war kein Terrorist sondern ein Bombenleger: Vor 25 Jahren verletzt eine per Fernsteuerung gezündete Bombe während des Altstadtfestes 14 Festbesucher zum Teil schwer. Es folgen Drohungen und ein zweiter Anschlag vor dem Brauhaus Ernst-August in der Schmiedestraße. Wieder fliegen messerscharfe Metallsplitter durch die Gegend, wieder ist der Sprengkörper in einer Papiertonne deponiert, verletzt allerdings nur wenige Menschen leicht. Knapp sechs Wochen später nimmt die Soko Altstadt den psychisch kranken Waffennarr und Maschinenbaustudenten Stefan Selke als Täter fest. Eine Stadt atmet auf.

Rund 150.000 Menschen drängen sich auf dem Altstadtfest, als in einem Papierkorb in der Nähe eines Bierstandes eine Bombe explodiert. „Wir saßen mit dem damaligen Stadtimagepfleger Mike Gehrke nicht weit entfernt, als es knallte und plötzlich Plastiktüten vom Himmel fielen“, erinnert sich Brauhaus-Wirt Rainer Aulich. 14 Menschen werden bei dem Sprengstoffanschlag teils lebensgefährlich verletzt, Metallsplitter fliegen bis zu 40 Meter weit.

Der Täter: Psychisch krank, übergewichtig, einsam

Die Bombe, die am 29. August 1992 gegen 19 Uhr detoniert, ist bewusst in einer engen Gasse platziert. Auf dem Altstadtfest ist jede Menge los, die Besucher schieben sich unbekümmert durch die Straßen. Das Szenario erinnert an islamistischen Terror von heute. Doch der 22-jährige Selke ist kein Terrorist, eher ein psychisch kranker, stark übergewichtiger und einsamer Einzelgänger voller Hass auf Menschen. Knapp zwei Wochen nach dem Altstadt-Anschlag explodiert die zweite Papierkorb-Bombe vor dem Brauhaus - glücklicherweise am frühen Nachmittag, als das Lokal nur wenig besetzt und die Außenterrasse bereits abgebaut ist.

Tausende Splitter hat die Soko Altstadt nach den zwei Bombenanschlägen eingesammelt, darunter auch Teile eines Zeitzünders. In mühevoller Kleinstarbeit haben Sprengstoffexperten Einzelheiten über die Bombe herausgefunden: Der Täter hat den Sprengsatz elektronisch mit zwei Batterien gezündet, die mit Klebeband an einer Bierdose befestigt waren. In der Dose befand sich ein selbst hergestelltes Sprengstoffgemisch. Bei dem zweiten Anschlag wurden gleich drei Dosen damit gefüllt – es sollte offensichtlich noch mehr Verletzte geben.

Trittbrettfahrer nutzen die Gelegenheit

Die Ermittler fahnden fieberhaft nach dem Täter. Auch Schutzgelderpressung wird in Betracht gezogen, was Wirt Rainer Aulich allerdings bestreitet. „Mich mag sicher nicht jeder, aber das ist keine Bombe wert“, gab er vor 25 Jahren zu Protokoll. Es handele sich da sicher um einen Spinner. Trittbrettfahrer nutzen zudem die Gelegenheit, um Bomben in Banken, beim Pokalspiel von Hannover 96 gegen Werder Bremen und dem Oktoberfest anzukündigen. Fünf Wochen nach dem ersten Anschlag wird in einer Kleingartenkolonie in Badenstedt das Bombenbastelwerkzeug entdeckt, eine Woche darauf dann dank des Mittschnitts eines Drohanrufes und aufmerksamen Mitmenschen auch Stefan Selke als Täter identifiziert.

Die Öffentlichkeit weiß damals allerdings noch nicht, dass Hannovers Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg bereits seit zwei Jahren von Bombenleger Selke erpresst wird. In mehreren Erpresserbriefen hat der Maschinenbaustudent eine große Anzahl Waffen und Diamanten im Wert von 10 Millionen Mark sowie 50.000 Mark Bargeld gefordert. Die Sachen sollten ihm von einer fast unbekleideten jungen Frau in einem Cabrio überbracht werden. Zur ausgemachten Übergabe ist er nie erschienen.

Während der Anschläge dient Selke bei der Bundeswehr

„Das war schon eine beängstigende und bedrückende Angelegenheit, wenn zwei Jahre lang immer wieder Erpresserbriefe im Rathaus abgegeben werden“, erklärt der damalige Oberbürgermeister Schmalstieg jetzt gegenüber der Nachrichtenagentur dpa. „Am schlimmsten war der Anschlag auf das Altstadtfest, das hat uns sehr betroffen gemacht.“ Für Hannover sei das eine erschütternde Tat gewesen. „Dieser Anschlag vor 25 Jahren war allerdings ein kleiner Fisch im Vergleich zu dem, was die Terroristen heute machen“, betont Schmalstieg. „Was jetzt passiert, hat eine ganz andere Dimension.“

Am 6. Oktober 1992 wird der geständige Stefan Selke festgenommen, während der Anschläge dient er bei der Bundeswehr. Er räumt ein, bereits 1990 im Hauptbahnhof einen selbstgebastelten Sprengkörper installiert zu haben, bei der Verpuffung wurde aber niemand verletzt. Zwei weitere Rohrbomben explodieren nicht.

Das Motiv des jungen Mannes, kommt erst während der Verhandlung vor Gericht zutage. Wie sich im Laufe des Prozesses vor dem Landgericht 1993 zeigt, haben Mobbing und Ausgrenzung eine entscheidende Rolle gespielt. Durch seine Fettsucht sei Selke von frühester Kindheit an stigmatisiert und auf eine Außenseiterrolle festgelegt gewesen, erklärt der Verteidiger. Ein Psychiater attestiert ihm vor Gericht eine paranoide Persönlichkeitsstörung. Dass er das Leben vieler Menschen aufs Spiel gesetzt hat, lässt Selke nahezu unberührt. Fast alle Menschen seien schlecht, erklärt er. Daher habe es auch nicht die Falschen treffen können. Stefan Selke erhält achteinhalb Jahre Jugendhaft - er wird wegen seiner Unreife nach dem Jugendstrafrecht verurteilt - und wird in die Psychiatrie eingewiesen. Dort ist er vor knapp fünf Jahren gestorben.

Im Interview: Rainer Aulich, 
Seniorchef des 
Brauhaus Ernst-August in der 
 Schmiedestraße

Knapp einen Monat nach der Bombe auf dem Altstadtfest ist eine weitere vor Ihrem Brauhaus Ernst-August explodiert. Wie nachhaltig ist das Geschehen in Ihrer Erinnerung?
Mich hat die Nachricht auf der Rückfahrt von Braunschweig über das Autotelefon erreicht. Ich wollte natürlich so schnell wie möglich zum Geschäft, aber ich wurde ja nicht bis dorthin durchgelassen.

Was spielte sich in der Schmiedestraße ab?
Die Polizei hatte alles weiträumig abgesperrt, es kam einfach bis zum frühen Morgen niemand durch. Der 28. September 1992 war der erste und letzte Tag seit der Eröffnung des Brauhauses im Jahr 1986, an dem wir schließen mussten. Zum Glück ist der Sprengsatz bereits in den ruhigeren Nachmittagsstunden detoniert. Die Außenterrasse war bereits wetterbedingt abgebaut, es waren relativ wenig Gäste da, und auch der Türsteher sollte erst um 19 Uhr zum Dienst kommen.

Hatten Sie nach dem ersten Anschlag während des Altstadtfestes Angst vor einer Wiederholung?
In jedem Fall hatte ich den Hausmeister schon vorher gebeten, den Papierkorb an der Laterne unmittelbar vor dem Laden vorsorglich zu entfernen. Die erste Bombe zündete ja auch in einem Papierkorb. Das ist leider nicht geschehen. Den ersten Anschlag habe ich ja fast unmittelbar mitbekommen, wir dachten zunächst alle, es wäre an einem Bierstand ein Fass mit Kohlensäure explodiert. Das war leider ein Irrtum.

Wie haben Sie die Zeit nach der Detonation – gewissermaßen vor Ihrer Haustür – erlebt?
Bis der Täter gefasst war, war es schon unheimlich, da niemand wusste, was da vor sich ging. Seitdem haben wir aber wieder täglich rund um die Uhr geöffnet – und glücklicherweise ist ja auch nie wieder etwas passiert.

Interview: Susanna Bauch     

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