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Helden in Badehosen

Deutsche Lebensrettungsgesellschaft Helden in Badehosen

Die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) feiert 100. Geburtstag. Von den Anfängen mit dem Rettungsball am Maschsee, der Vereinnahmung durch die Nazis und den Problemen von heute.

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An der Gründung der DLRG waren auch hannoversche Schwimmer beteiligt

Quelle: DLRG

Hannover. Ertrinken kann ja jeder, und weil das so ist, hatte Diederich Heinrich Schrader aus Hannover ein Berufsleben lang alle Hände voll zu tun. Die Badestellen waren nicht eben die sichersten Orte in der Stadt, und obwohl viele Menschen nicht richtig schwimmen konnten, hielt das sie nicht davon ab, Gefahren zu unterschätzen. Dann musste Schrader, der Bademeister, loslaufen und ins Wasser hechten. Immer wieder. Als er starb, nur 45 Jahre alt, zählte jemand seine Lebensleistung, und so kam die Zahl von 560 Männern, Frauen und Kindern zusammen, die er vor einem furchtbaren Tod gerettet haben soll. 1896 wurde Schrader dafür mit einem Denkmal an der Waterloostraße belohnt. Da lebte er längst nicht mehr.

Das Wasser blieb eine ständige Gefahr. Männer wie Bademeister Schrader waren Lebensretter und damit Vorbilder einer Organisation, die erst Jahre später gegründet werden sollte. Anlass war eine Katastrophe. Gerade hatte der Dampfer „Kronprinz Wilhelm“ an der Seebrücke in Binz auf Rügen festgemacht, da stürzten 80 Menschen in die Ostsee, Hunderte Urlauber und Spaziergänger sahen mit an, wie sie um ihr Leben kämpften. 16 Opfer schafften es nicht, das nahe Ufer vor Augen ertranken auch zwei Kinder.

So konnte es nicht weitergehen, dachten sich ein paar tatkräftige Männer im Land. Ein Jahr nach dem Unglück, Mitte Oktober 1913, gründeten sie in Leipzig die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft, bis heute abgekürzt bekannter als DLRG. Damit begann auch ihre Geschichte in Hannover. Von hier aus reisten zwei Männer in den Osten, unter ihnen Johannes Gedrat. Einer der ersten Klubs, die beitraten, war der SV Neptun Hannover-Linden. Gedrat wiederum gründete wohl bald eine Lebensretter-Abteilung in Hannover, auch existieren undeutliche Hinweise auf eine Gruppe zu Beginn der zwanziger Jahre.

Ehrenpräsident Friedel Steffen, 75, kennt die Historie der Lebensretter, wie sie ältere Mitglieder erzählt und in einer Vereinschronik festgehalten haben. „Nach dem Ersten Weltkrieg fanden sich ein paar Überlebende zusammen“, sagt Steffen, und sie setzten fort, was Jahre zuvor in den Anfängen steckte. Gedrat erlebte es nicht, er starb auf einem Schlachtfeld dieses Krieges. Viel mehr weiß man nicht, die Dokumentenlage gilt bis heute als nicht hieb- und stichfest. Deshalb feiert die hannoversche DLRG auch nicht, wie vor Kurzem der Bundesverband, 100. Geburtstag. Die Gesellschaft nimmt erste Tage im November 1925 als Gründungsdatum für den Bezirk Hannover-Stadt an. So soll es im Stadtarchiv belegt sein.

DLRG stand in Kontakt zu hannoverschen Schulen und Schwimmklubs

Die kleine Gemeinschaft tat, was in der Vereinssatzung geschrieben stand: Sie verbreitete „sachgemäße Kenntnisse und Fertigkeiten in Rettung und Wiederbelebung Ertrinkender“. Und weil es besser ist, wenn Menschen gar nicht in Not geraten, verbreiteten die Lebensretter in der Bevölkerung ebenfalls Kenntnisse und Fertigkeiten im selbstständigen Schwimmen. Die DLRG stand in Kontakt zu hannoverschen Schulen und Schwimmklubs, wo Mitglieder gelegentlich vorführten, was sie gelernt hatten. Es war auch als Werbung gedacht, neue Mitglieder konnte man immer gebrauchen. Die technischen Mittel an den Badestellen waren primitiv. An der Leine bezogen Rettungsschwimmer der DLRG 1930 erstmals Station, zunächst in Höhe Altenbekener Damm, dann am Leinewehr in Döhren. Die Ausrüstung war primitiv: Eine Bude aus Holz, Rettungsring und ein Rettungsball mit daran befestigten Leinen. Ein Foto aus dieser Zeit zeigt gut trainierte junge Männer in Badehosen.

Dann kamen die neuen Herren, und im Furor der Gleichschaltung übersahen Nationalsozialisten nicht die Gesellschaft, die die Körper junger Menschen ertüchtigte. Im November 1933 forderte die Stadt von der DLRG den Nachweis, dass keine Juden Mitglieder seien. Die Verwaltung forderte eine neue Satzung, um ihnen, und „Versippten“ dazu, eine Zugehörigkeit grundsätzlich zu verweigern. Das Rathaus drohte, Zuschüsse zu streichen. Die Lebensrettungsgesellschaft lieferte, was verlangt wurde und blieb auch später, wie eine ganze Nation, auf Linie. Lehrgänge und Wachstunden wurden nun als „Dienst an der Volksgemeinschaft“ überhöht, Jugendarbeit diente der „Wehrertüchtigung“, Rettungsdienste wurden nützlich zur „Erhaltung wertvollen Menschenmaterials“. Da ruft aus dem Mitteilungsblatt die Kriegsverwendung. Folgerichtig hofft der Autor auf den Endsieg und schließt: „Der Führer hat gerufen – wir folgen!“

Der Krieg ging verloren, Hannover lag in Trümmern. Jetzt machte Gleichgültigkeit denjenigen zu schaffen, die den Schutt wegräumen wollten. Im März 1948, der letzte Schuss des Zweiten Weltkrieges lag fast drei Jahre zurück, druckte das DLRG-Blatt „Lebensretter“ den Jahresrückblick. Hannovers Vorsitzender Ernst Kesselhaus schrieb: „Die große Notzeit, in der wir uns befinden, und der ungeheure wirtschaftliche Niedergang haben viele Menschen abgestumpft und gleichgültig gemacht gegenüber unseren Ideen und Aufgaben. Es ist nötig, sie aus ihrer Lethargie herauszuschütteln und sie wieder Verpflichtungen zuzuführen, die sie der Allgemeinheit gegenüber haben.“
Der Mangel regierte auch bei der Lebensrettung. Es fehlte an erfahrenen Ehrenamtlichen, es fehlte an Lebensmitteln, es fehlte Papier, weshalb Mitgliedsausweise nur bekam, wer als Ersatz Altpapier mitbrachte. Kesselhut notierte, dass manche Zeitgenossen mit Neid auf die Schwimmer sahen. Wer für so etwas wie Schwimmen Kraft habe, müsse ja wohl Kalorien im Überfluss haben. Was da wohl das Ausland denke.

Das einzige Hallenbad an der Goseriede war bei einem Bombenangriff zerstört worden, Mitglieder der DLRG halfen beim Aufbau, 1948 konnte ein Teil eröffnet werden. Endlich hatten die Schwimmer wieder ein Dach über dem Kopf. Weil das Bad fehlte, war ein beachtlicher Teil von Prüfungen ausgefallen. Aber schon 1947war die Organisation so weit aufgestellt, dass Rettungsschwimmer in Bädern und Gewässern 1180 Stunden Wache schoben. Mit Gewinn: in 74 Fällen wurde Erste Hilfe geleistet, 62 Menschen konnten wiederbelebt werden.

Rettungsstation am Silbersee in Langenhagen

Von nun an ging es stetig bergauf mit den Rettungsschwimmern in Hannover und Umgebung. Am Silbersee in Langenhagen entstand eine Rettungsstation, Wettkampfgruppen wurden gebildet, Mädchen begannen damit, „Figurenlegen“ zu trainieren, den Vorläufer des Synchronschwimmens. Wenn man Ausflüge mit dem Rad machte, legte man für jeden auf der Strecke begrabenen deutschen Soldaten eine Gedenkminute ein. Von 1952 an postierte die DLRG Boote und Mannschaft für den Rettungsdienst am Maschsee. Wenige Jahre später übernahm die Organisation auch das Strandbad. Hier waren die Lebensretter jahrzehntelang zu Hause, im Klubheim wurde eine Kegelbahn verlegt.

Dann kam das Fitness-Studio Aspria, und die Lebensretter gingen weg vom Maschsee. Das Klubhaus für 480 Mitglieder liegt nahe der Hildesheimer Straße, nichts ist zu sehen vom Wasser, nebenan parken in einer Halle Boote, Fahrzeuge, Taucheranzüge, Funkgeräte. Ehrenpräsident Friedel Steffen erzählt, dass es nicht mehr so leicht sei, Mitglieder für Wachdienste zu finden. Man könne aber nicht ständig um weitere freiwillige Mitarbeit bitten. Er selbst hört auf am Beckenrand, nach 35 Jahren. Noch im Mai nahm er Seepferdchen-Prüfungen ab. Noch etwas hat sich geändert: „Heute haben wir viel mehr Einsätze beim Katastrophenschutz.“ Und hätte Steffen einen Wunsch frei, dann würde er sich mehr Zeit für die DLRG in Hannovers Bädern wünschen – wie viele andere Vereine auch. Er sagt: „Mehr Wasserfläche.“ Zwei Bahnen, jeweils eine Stunde. Und nicht so, wie es Scherzbolde vorschlagen: Könnten ja unten die Taucher üben und oben die Schwimmer.

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