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Stadt Hannover Die Rache des alten Mannes
Aus der Region Stadt Hannover Die Rache des alten Mannes
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22:12 09.02.2017
Schwieriges Verhältnis: Stephan Weil (r.) und Ferdinand Piëch – mit Ehefrau Ursula – sah man selten zusammen.  Quelle: dpa
Wolfsburg

 Der Mythos lebt. „Der alte Mann macht das nicht einfach so“, sagt ein VW-Mann. Er hat Ferdinand Piëch zu seinen Glanzzeiten erlebt, als der wirklich noch „der Alte“ war. Sein Elefantengedächtnis, seinen eisernen Willen und die taktische Finesse haben sie gleichermaßen gefürchtet wie bewundert. Man wusste nie, wann er welche Waffe ziehen würde. Und warum. Wenn er also jetzt die früheren Kollegen im Aufsichtsrat in der Dieselaffäre belaste, „dann hat der noch was“, sagt der VWler.

Ferdinand Piëch wird diese Sicht der Dinge mögen. In frühen Jahren war er einfach ein brillanter, aber verschrobener Techniker mit wechselhaftem Sozialverhalten. Aber irgendwann begann er die Rolle des geheimnisvollen Magiers zu kultivieren. Dass er mit Blicken vernichtet und mit Halbsätzen die Konzernwelt verändert – das sollte der Rest der Welt ruhig mitbekommen. Wie der Dieselskandal „sein“ Unternehmen durchschüttele, verfolge er mit kaltem Interesse, glaubt einer, der ihn auch in heiklen Momenten erlebte: „Der sitzt in Salzburg mit einem Stück Apfelkuchen und lässt sich die Presselage vortragen.“

Heute liest er viel über Stephan Weil. Eine dieser vielsagend unvollständigen Nachrichten aus Piëch-Land hat den niedersächsischen Ministerpräsidenten schwer in Bedrängnis gebracht: Piëch behauptet, er habe schon im Frühjahr 2015 die damaligen Kollegen im VW-Aufsichtsratspräsidium auf Vorwürfe der Abgasmanipulation in den USA hingewiesen – ein halbes Jahr bevor sie sich offiziell erschüttert zeigten. Weil beklagte damals, dass er erst aus den Medien von dem Skandal erfahren habe.

Weil gibt sich schmallippig

Der Ministerpräsident ist kein aufbrausender Mensch. Aber man merkt ihm an, wenn er sauer wird: Er wird im Wortsinne schmallippiger, der Gesichtsausdruck versteinert, die Sätze werden abgehackter. So wie gestern, als er vor Journalisten erklären wollte, was er von den Anschuldigungen hält. „Fake News“ zu verbreiten, wirft er Piëch vor. Dessen Behauptungen seien alle Quatsch: „Sie sind nicht bewiesen und nicht beweisbar.“ Und er schiebt noch einmal nach: „Ich hatte keine Hinweise auf Dieselgate.“

Schon vor einem Jahr hat Piëch bei VW-internen Untersuchungen der Anwaltskanzlei Jones Day seine Version der Dinge geschildert, später soll er sie bei der Staatsanwaltschaft wiederholt haben. Danach hatte er im Februar 2015 erste Hinweise, dass amerikanische Behörden VW der Abgasmanipulation verdächtigten und sich bereits offiziell an den Konzern gewandt hätten. Den entsprechenden Brief soll er aus israelischen Quellen erhalten haben, die bisher aber trübe sind: Der „Spiegel“ verbreitet die Version, ein Sicherheitsunternehmer und Geschäftspartner von VW – früher Chef des israelischen Inlands-Geheimdienstes Schin Bet – habe ihn informiert. Vermittelt habe das der frühere israelische Botschafter Avi Primor, ein Bekannter Piëchs, der dazu schweigt.

Mit diesem Wissen soll Piëch zum damaligen Vorstandschef Martin Winterkorn gegangen sein, doch der habe die Existenz eines solchen Schreibens bestritten. Das hinzugezogene Aufsichtsratspräsidium, gewissermaßen der Konzernolymp, habe Winterkorn das Vertrauen ausgesprochen. Vertreten waren im Präsidium neben Piëch und Weil unter anderem Betriebsratschef Bernd Osterloh und Großaktionär Wolfgang Porsche.

Alle weisen Piëchs Darstellung zurück

Reihum weisen sie die Darstellung zurück – schneller und drastischer, als es sonst ihre Art ist. Piëchs Vorwürfe waren am Mittwochabend noch keine Stunde in der Welt, da wurden sie vom VW-Aufsichtsrat „mit allem Nachdruck als falsch“ zurückgewiesen. „Die Behauptungen von Herrn Piëch seien unglaubwürdig und auch unwahr“, befand Stephan Weil, und ein VW-Manager sagte schlicht, „der führt sich auf wie Donald Trump“ und: „Damit steht er allein im Wald.“

Vielleicht ist das so, vielleicht auch nicht – es steht Aussage gegen Aussage. Für Piëchs Version spricht, dass die US-Behörden bereits im Frühjahr 2015 aufmerksam geworden waren und vom amerikanischen VW-Management massiv Aufklärung über das erstaunliche Abgasverhalten seiner Autos forderten. Zudem wurde just zu jener Zeit eine Schlüsselfigur des Skandals, der später inhaftierte VW-Manager Oliver S., aus den USA nach Wolfsburg abberufen – Anlass unbekannt. Es könnte also etwas passiert sein in jenem Februar 2015.

Gegen Piëchs Version spricht, dass es über eine ernsthafte Intervention Protokollnotizen geben müsste. Zudem hat Piëch nie etwas einfach laufen lassen, was er für potenziell gefährlich hielt. Es geht bei VW schließlich auch um das Privatvermögen des Großaktionärs. Stimmt seine Version, hätte er den Konzern genauso fahrlässig in Gefahr gebracht wie alle anderen.

Piëch blieben Politiker fremd

Weil vermutet hinter Piëchs Darstellung schlicht Rache, was er auch öffentlich andeutet: Piëch sei 2015 im Streit aus dem Aufsichtsratsgremium gegangen, „möglicherweise besteht da ein Zusammenhang“. Ohnehin galt das Verhältnis des Patriarchen zum Regierungschef nie als ganz einfach.

Als Ministerpräsident und Repräsentant des 20-Prozent-Aktionärs Niedersachsen stolpert man in der Regel unvorbereitet in den Aufsichtsrat des Weltkonzerns. Piëch hat sie zuerst als Vorsitzender des Vorstands und dann des Aufsichtsrats kommen und gehen sehen und zunächst meist mit leiser Verachtung gestraft. Die einzige Ausnahme ist Gerhard Schröder, der ihn 1993 zusammen mit der IG Metall auf den Chefsessel gehievt hatte.

Doch die Politiker blieben dem Ingenieur fremd. Sie kamen aus einer schwatzhaften, öffentlichen und zu Kompromissen neigenden Welt, die er nie verstanden und geliebt hat. Und das ließ er die Landespolitiker auch spüren. Auch von Weil soll Piëch nie große Stücke gehalten haben, und dem Regierungschef dürfte diese Arroganz nicht gefallen haben. Der Ministerpräsident hatte aber nie öffentlich Kritik an Piëch geübt.

Als das Denkmal abgeräumt wurde

Erst im April 2015, also wenige Wochen nach den angeblichen Dieselgesprächen, tat sich der Graben auf. Piëch ging „auf Distanz“ zu Winterkorn. Er habe seine Frau Ursula als Schlüsselfigur installieren wollen, sagen jene, die damals nah dran waren – vom Patriarchat zum Matriarchat. Doch eine ganz große Koalition aus dem stillen Milliardär Wolfgang Porsche, dem trockenen Sozi Stephan Weil und dem unverblümten Gewerkschafter Bernd Osterloh hatte genug von der unheimlichen Macht in Salzburg und räumte das Denkmal ab.

Ein paar Monate war Ruhe. Im Konzernstab stellte man sich darauf ein, dass „der Alte“ die große Bühne der Automesse IAA im September für einen Gegenschlag nutzen werde. Doch in Salzburg blieb es still. Stattdessen meldete die US-Umweltbehörde EPA am 18. September 2015 – es war der zweite Tag der IAA – , dass der VW-Konzern amerikanisches Umweltrecht verletzt habe. An den Tag dieser „Notice of violation“ kann sich jeder VW-Manager erinnern, und viele spekulierten sofort, dass möglicherweise ein Tipp aus Salzburg die Ermittler aktiviert habe.

Alles für die Familie?

Das jedenfalls ist einigermaßen gesichert falsch: Sie waren schon unterwegs, als in Wolfsburg noch Frieden herrschte, und in Marsch hatte sie kein Aufsichtsratsvorsitzender gesetzt, sondern das Institut ICCT. In der Folge rauschte der Kurs der VW-Aktie in den Keller, und wieder fragten sich die Wolfsburger: Kauft er jetzt Anteile zusammen, womöglich das Paket des ungeliebten Mitaktionärs Katar oder gar den des Landes Niedersachsen? Letzteres ist nicht geschehen, andere Zukäufe sind jedenfalls nicht bekannt.

Doch hätte Piëch heute, zwei Monate vor seinem 80. Geburtstag, noch einen großen Plan, dann wäre es sicher dieser: der Familie mehr Macht im VW-Konzern verschaffen, als einfach nur die Stimmenmehrheit der Aktien. Die kontrollieren sie seit dem 2009 nur halb gescheiterten Übernahmekampf mit VW.

Piëchs Vision: ein Familienkonzern globaler Dimension

Ferdinand Piëch schlug sich damals gegen die eigene Familie auf die VW-Seite. Doch das Manöver führt doppelt in die Irre: Er tat es nicht für die Unabhängigkeit von VW, sondern um den Zusammenbruch des ganzen Deals zu verhindern. Und mag er mit seiner verzweigten Familie noch so oft über Kreuz liegen: Die große Vision des Ferdinand Piëch ist ein Familienkonzern globaler Dimension.

Der Mann, der sich nach eigener Aussage nicht mit Vergangenheit beschäftigt, bezieht sich oft auf Großvater Ferdinand Porsche. Über Familienunternehmen lästert er gern, erzählt von katastrophalen Therapiegesprächen des Clans im großem Stuhlkreis – und berichtet stolz von technischem und unternehmerischem Verstand bei Sohn und Ehefrau. Läuft also der letzte Versuch, andere Mächte im Konzern auszuschalten? Wird er mit der Wahrheit oder der Unwahrheit unternommen? Man sollte sich nicht zu schnell festlegen, sagt einer, der ihn gut kennt: „Mit dem Wissen, das er hat, kann er jeden killen.“

Von RND/Stefan Winter und Heiko Randermann

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