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Stadt Hannover Dieser Mann entschärfte die Bombe in Vahrenwald
Aus der Region Stadt Hannover Dieser Mann entschärfte die Bombe in Vahrenwald
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18:35 29.05.2017
Marcus Rausch ist Sprengmeister beim Kampfmittelbeseitigungsdienst Niedersachsen.
Hannover

Was muss man für ein Mensch sein, um freiwillig mit scharfen Sprengsätzen zu hantieren? „Ich versuche, so gelassen zu sein wie möglich“, sagt Rausch bei einem Vortrag in der katholischen Begegnungsstätte Ka:Punkt. Im entscheidenden Moment denke er nicht über mögliche Folgen nach oder ob die Situation etwas Besonderes sei. „Ich sehe das Ganze eher technisch und gebe den Dingern keine Seele“, sagt Rausch. Der Familienvater gehört zur stillen Sorte Mensch, jeder Satz und jede Handlung wirken überlegt. Eine gute Eigenschaft für einen Bombenentschärfer.

Keine Silvesterkracher

Der 42-Jährige berichtet fast schon nüchtern von seinem gefährlichen Job: Er spricht über amerikanische oder britische Fliegerbomben, Aufschlagzünder, Langzeitzünder, Acetonkapseln. Im Gespräch klingt alles so einfach und ungefährlich. „Natürlich sind es keine Silvesterkracher“, sagt Rausch dann. „Ein mulmiges Gefühl ist selbstverständlich.“ Im letzten und entscheidenden Moment sind sie zu zweit am Blindgänger, in einem Radius von 1000 Metern befindet sich kein weiterer Mensch. In jüngster Zeit lässt Rausch sogar alle Videokameras rund um seinen Arbeitsort abschalten. Man wisse nie, wie die Entschärfung ausgehe und was bei Youtube lande. „Ich möchte nicht, dass mein Sohn als letztes einen Kugelblitz von mir sieht.“

Etwa zehn Jahre lang ist Rausch bereits beim KBD. Schon als Kind hatte er mit Blindgängern zu tun – Rausch stammt aus Hambühren bei Celle. Dort stand im Dritten Reich eine sogenannte Lufthauptmunitionsanstalt, nach dem Krieg blieb jede Menge Flugabwehrmunition übrig. „Insofern bin ich gewissermaßen vorbelastet“, sagt Rausch. Als Kind spielte er oft in Bunkern und Ruinen. Doch bereits da ließ er die Finger von den gefährlichen Sachen. „Der Sicherheitsgedanke war bereits gut ausgeprägt“, sagt Rausch.

Beim Bund verfestigte sich der Weg in Richtung Bombenentschärfer. Der 42-Jährige besuchte zahlreiche Lehrgänge zum Thema Kampfmittelräumung, nach dem Ausscheiden aus der Armee führte ihn der Weg zum KBD. Dort war er zunächst ein Jahr lang Praktikant am Standort Munster, ehe er nach und nach näher ans Entschärfen herangeführt wurde. „Anfangs gehst du nur mit“, sagt Rausch. Niemand lasse den Neuen sofort am Sprengsatz herumhantieren. Später werden die Aufgaben mehr: Die Sonde halten, die Bombe freilegen, den Zünder begutachten.

Neben Marcus Rausch gibt es in Niedersachsen nur sechs weitere Sprengmeister beim KBD. „Die Jobs sind schwer zu bekommen“, sagt der 42-Jährige. Die Sechs entschärfen alles, was nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg in der Erde zurückblieb – von der Handgranate bis hin zur Fliegerbombe. Unter anderem mehr als 120 000 Luftbilder der Alliierten werden für die Suche ausgewertet. Am Ende geht meist alles gut.

Einmal ist nichts gut gegangen. 2010 in Göttingen explodierte eine Bombe, drei von Rauschs Kollegen kamen ums Leben. Er nennt das ein „einschneidendes Erlebnis“. Zwar wusste man es immer. Aber in jenen Tagen wurde allen wieder bewusst, wie riskant der Beruf ist.
Doch die Angst um die Gefahren rücke stets in den Hintergrund, wenn ein Einsatz anstehe. „Ich muss sie beiseite schieben, sonst kann ich die Arbeit nicht machen.“ Wenn der 42-Jährige schließlich vor der Bombe steht, „bin ich mit dem Entschärfen so beschäftigt, dass ich mir über anderes keine Gedanken mache“.

Die wahren Helden sind andere

Die wahren Helden seien sowieso andere. „Vor all den Helfern während einer Evakuierung ziehe ich den Hut“, sagt Rausch. Sie alle sorgten erst dafür, dass er seine Arbeit machen könne. Und umgekehrt regt sich der 42-Jährige über die Menschen auf, die partout nicht aus ihren Wohnungen wollen. Ihretwegen könne Rausch nicht immer pünktlich anfangen, ihretwegen müssten viele unnötig lange in Ersatzunterkünften ausharren.

Doch natürlich ist Rauschs Job nicht nur für ihn selbst anstrengend, sondern auch für die Familie. Seine Frau stecke alles aber gut weg. „Wir verabschieden uns ganz normal, wenn ich zur Arbeit gehe.“ Beide fänden es seltsam, „wenn man morgens schon plant, abends eventuell nicht wiederzukommen“. Vor Entschärfungen gebe es aber aufmunternde E-Mails oder SMS.

Erleichterung mache sich bei dem 42-Jährigen erst dann breit, wenn die Bombe unschädlich gemacht worden sei. Und selbst dann bleibt Marcus Rausch leise und bescheiden. Er habe Hannover nicht ein Stück sicherer gemacht, das sei bei der Anzahl an mutmaßlichen Blindgängern übertrieben. „Aber es ist schön, dass es wieder einer weniger ist.“  

Von Peer Hellerling

Der Ausbildungsweg

Der Job als Kampfmittelbeseitiger ist kein klassischer Ausbildungsberuf. Komplett ohne Vorkenntnisse muss der 14-tägige Lehrgang zum Munitionsräumarbeiter/Sondierer absolviert werden. „Dabei lernt man den Aufbau und die Funktionsweise verschiedener Detektierungsgeräte“, sagt Bernd Lausch von der Sprengschule Dresden, die auch Marcus Rausch besucht hat. Er konnte sich den Kurs aufgrund des Vorwissens aus der Bundeswehrzeit allerdings sparen.

Nach zwei Jahren Arbeiten unter Aufsicht steht der staatlich anerkannte, neunwöchige Lehrgang zum fachtechnischen Aufsichtspersonal in der Kampfmittelbeseitigung an. „Danach ist man berechtigt, Bomben aufzusuchen, freizulegen und zu bergen“, sagt Lausch, „die klassische Tätigkeit gewerblicher Kampfmittelbeseitiger.“ Das Sprengen und Entschärfen ist hingegen eine hoheitliche Aufgabe und erfordert einen dritten Lehrgang. Beide Kurse müssen alle fünf Jahre aufgefrischt werden.

Interessenten müssen volljährig und körperlich geeignet sein. Für die beiden staatlich anerkannten Kurse bedarf es zudem einer Unbedenklichkeitsbescheinigung.pah     

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