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Stadt Hannover Erste Schülerin einer Sprachlernklasse macht Abitur
Aus der Region Stadt Hannover Erste Schülerin einer Sprachlernklasse macht Abitur
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18:35 28.05.2017
Von Gunnar Menkens
Die Duldung in Deutschland ist nicht sicher, aber Leyla Gasanovas Ziel ist klar: Rechtsanwaltsgehilfin, Jurastudium, dann zu Interpol.  Quelle: Samantha Franson
Hannover

Als Leyla Gasanova zwölf Jahre alt war, verlor sie ihre Heimat zum ersten Mal. Die Eltern hatten sich entschlossen, Moskau zu verlassen, zu bedrohlich erschien ihnen die antisemitische Stimmung in Russlands Zentrum.

Ihr Weg führte die Familie ans Mittelmeer nach Israel, in die Küstenstadt Haifa. Doch drei Jahre später musste Leyla erneut ihre Koffer packen. Dieses Mal ging es nach Hannover, und wieder war der Plan, dass es kein Zurück geben sollte zu Freunden und der vertrauten Umgebung. Noch einmal ein neuer Anfang in einem unbekannten Land. „Das war meine zweite Migration“, sagt Leyla. Sie sprach Russisch, Hebräisch und Englisch. Was sie nicht konnte, war Deutsch. Die Sprache, die sie brauchte.

Lehrer laufen nicht hinterher

Das war im August 2012. In diesem Sommer, fünf Jahre später, hofft Leyla, inzwischen 20, dass sie das Abitur schafft. Sie hat alle Prüfungen absolviert, mit keinem schlechten Gefühl, und wenn die Noten vergeben sind, wird die junge Russin die erste Schülerin einer Sprachlernklasse am Georg-Büchner-Gymnasium in Letter sein, die das Reifezeugnis bekommt. Eine erstaunliche Leistung. Leyla Gasanova erklärt sich ihren Erfolg mit harter Arbeit und einer besonderen Einstellung. „Ohne Disziplin“, sagt sie, „wird man nichts erreichen.“

Was ein wenig klingt wie das Wort zum Sonntag aus dem Verband konservativer Pädagogen, hat bei der jungen Russin einen realen Hintergrund. Leyla Gasanova hat gelernt, dass Fortschritte hierzulande auch an Schülern selbst liegen. In Moskau war oft stures Auswendiglernen gefragt. In Deutschland habe sie erfahren, dass Lehrer ihr nicht hinterherliefen und eigene Motivation wichtig sei. Leyla ist ehrgeizig, sie wollte trotz Notenschutzes im Jahr nach der Sprachlernklasse schnell Zensuren bekommen, sie wollte bewertet werden, um zu wissen, wo sie stand, auch im Vergleich zu Mitschülern. Sie wusste, dass sie selbst Erfolg braucht, nicht die Schule.

Das Georg-Büchner-Gymnasium in Letter war das erste Gymnasium in Niedersachsen, das 2013 eine Sprachlernklasse bekam. Prinzip dieses Förderunterrichts ist, dass Schüler zunächst intensiv Deutsch lernen, bevor sie in den regulären Unterricht wechseln. In Letter hat Veronika Mörke Leyla und anderen Schülern Grammatik und Wortschatz beigebracht. Nicht die beliebteste Aufgabe in den Lernklassen. Grammatik zum Beispiel. Ein Beispiel wird an die Tafel geschrieben, „und dann übt man und übt man, es ist ein Lernmarathon“, erzählt Mörke. Dativ, Akkusativ, Genitiv.

Auch wenn dieses Programm aufgelockert ist, um Schülern aus aller Welt, zuletzt immer mehr Flüchtlingen, deutsche Leitkultur näherzubringen (Fasching, Abi-Streiche): Leyla ging doch lieber zum Theaterspiel. Dort ging es entspannter zu, man erzählte mehr und hörte Geschichten vom Leben seiner Mitschüler über Flucht und Vertreibung. Später, integriert im normalen Unterricht, müssen Schüler in Sprachlernklassen zudem schnell auf den aktuellen Stand des jeweiligen Stoffes kommen. Auch dabei hat Leyla Gasanova etwas gelernt. „Wenn du in der Ecke sitzt und nichts sagst, dann wirkt das komisch.“ Also sprach sie Mitschüler an, wenn sie Hilfe brauchte und auch sonst, und siehe: Hilfe kam.

Ihr Weg also wird sie wohl zum Abitur führen, als eine der Ersten in Niedersachsen aus einer Sprachlernklasse und Erste von 86 Jungen und Mädchen am Georg-Büchner-Gymnasium, die dort bisher in einer Sprachklasse Deutsch lernten. Nach dem ersten Jahr bekommen die Schüler eine Empfehlung für ihre weitere Schullaufbahn. Veronika Mörke sagt, dass in Letter etwa ein Viertel auf dem Gymnasium bleiben kann.

Einige Kilometer weiter Richtung Hannover unterrichtet an der IGS Linden Diana Helmstedt ausländische Schüler. Zwei Sprachlernklassen gibt es in der Gesamtschule, die Schüler kommen aus Syrien und Irak, Bulgarien und Polen und vielen weiteren Ländern. Die Plätze indes reichen nicht, es gibt Wartelisten. Und die Lage werde nicht besser, sagt Helmstedt: „Wir haben hier Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlinge, und Familiennachzug bedeutet eben manchmal, dass vier, fünf oder sechs Kinder nachkommen.“ Dass Niedersachsens Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) vor Kurzem ankündigte, die Zahl der Sprachlernklassen zu verringern, hält Helmstedt deshalb für keine gute Idee. Außerdem wünscht sie sich, dass Schüler einen Rechtsanspruch bekommen, an der Schule bleiben zu können, die sie in einer Sprachlernklasse aufgenommen hat.

Weniger Lernklasssen in Niedersachsen

An Niedersachsens Schulen gibt es rund 700 Sprachlernklassen. Hier werden Kinder unterrichtet, die nur rudimentäre oder gar keine Deutschkenntnisse haben. In den Klassen sollen nicht mehr als 16 Schüler sitzen, wobei jüngere und ältere Jungen und Mädchen gemeinsam Deutsch lernen. Der konzentrierte Sprachunterricht ist für ein Jahr angesetzt, in dessen Verlauf die Schüler bereits in den regulären Unterricht eingegliedert werden, was meist dort geschieht, wo es nicht so sehr auf Sprache ankommt, etwa in Musik, Sport und Kunst.

Schüler mit großen Fortschritten können schon vor Ablauf eines Jahres aus dem Förderunterricht für Deutsch herausgenommen werden. Das Bildungsniveau in den Lernklassen ist sehr unterschiedlich. Akademikerkinder werden ebenso unterrichtet wie Schüler, die nicht einmal in der Sprache ihres Herkunftslandes alphabetisiert sind.

Niedersachsens Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) kündigte im April an, die Zahl der Sprachlernklassen zu verringern. Sie begründete dies mit zurückgehenden Flüchtlingszahlen. Im Schuljahr 2014/2015 habe es 37 000 Lehrerstunden gegeben, ein Jahr darauf bereits 58 000. Nach einem Jahr in Sprachlernklassen würden diese Kinder nun in den Unterricht mit deutschen Schülern wechseln.    

Angst vor der Abschiebung

Manchmal ist jedoch nicht Unterricht das größte Problem. Viele Schüler und deren Eltern, sind von Abschiebung bedroht. Leyla drohte vor zwei Jahren die Ausweisung. Damals setzten sich Lehrer für die Schülerin ein, Mitglieder der Liberalen Jüdischen Gemeinde, in der sie aktiv ist, die Stadt suchte nach einem Weg, Landtagspolitiker engagierten sich für die junge Russin. Heute, 2017, ist die Zukunft ihrer Familie in Deutschland ungewiss, Leyla hat während der Vorbereitungen fürs Abitur davon erfahren, dass die Duldung ihrer Familie in Gefahr ist. Der Weg, den sie für sich plant, geht im Idealfall so: Ausbildung zur Rechtsanwaltsgehilfin, Jurastudium. Und dann zu Interpol.

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