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Stadt Hannover Familie nimmt Flüchtlinge auf – nun droht die Abschiebung
Aus der Region Stadt Hannover Familie nimmt Flüchtlinge auf – nun droht die Abschiebung
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17:26 13.07.2017
Von Jutta Rinas
Wie viel Zeit bleibt der Familie auf Zeit: Die afghanischen Flüchtlinge Taj (l.) und Elham (r.) mit ihrer Gastfamilie Anke Christ und Uwe Konieczny sowie den Hunden Rico und Nele in Barsinghausen. Foto: Kutter Quelle: Katrin Kutter
Hannover

"Die Jungs gehören jetzt zu uns.“ Es war dieser eine schlichte Satz, in dem alles mitschwang: die Freude über die neuen Mitbewohner, der Stolz, nicht mehr zu zweit, sondern zu viert zu sein - eine echte Familie eben. Jeder, der von Anke Christ und Uwe Konieczny wissen wollte, warum sie plötzlich zwei 16 und 17 Jahre alte Jugendliche beherbergten, bekam diesen Satz zu hören. Das Paar aus Barsinghausen, selbst 49 und 54 Jahre alt, wollte noch einmal eine Familie gründen - und nahm im März 2016 zwei minderjährige Flüchtlinge auf.

Es war eine Zeit, in der Willkommenskultur großgeschrieben wurde. Gasteltern für unbegleitete Minderjährige, die allein nach Deutschland geflohen waren, wurden von Stadt und Region händeringend gesucht. Infoveranstaltungen für Menschen, die helfen wollten und sich wie das Paar aus Barsinghausen manchmal sogar ein zweites Familienglück versprachen, platzten aus allen Nähten.

Jetzt, rund ein Jahr später, hat dieser Traum vom Glück für die Neu-Familie aus Barsinghausen harsche Risse erhalten. Elham, der Ältere der Flüchtlinge, hat einen negativen Asylbescheid bekommen. Auch seinem Freund Taj hat man nach der Anhörung bedeutet, dass seine Entscheidung negativ ausfallen wird. Dabei sind die beiden Jungen Paradebeispiele für eine gelungene Integration. Nicht genug damit, dass sie erfolgreich die Schule besuchen, regelmäßig im Verein Sport treiben. Sie haben sogar eine Ausbildung zum Feuerwehrmann absolviert. „Aber was soll die ganze Integration, wenn die Jungs sowieso wieder abgeschoben werden“, sagt Anke Christ frustriert. Sie hat wie ihr Mann fest damit gerechnet, dass sie „ihre Jungs“ durch Schule und Ausbildung begleitet. „Wir haben alles für Deutschland gegeben!“, sagt Elham verzweifelt: „Warum müssen wir jetzt zurück?“

Bescheide unrechtmäßig?

Sie müssen es möglicherweise nur deshalb, weil das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) jetzt wesentlich härter als vor einem Jahr entscheidet. Hunderte von Asylbescheiden für unbegleitete Minderjährige oder Jugendliche, die gerade 18 geworden sind, habe sie in den vergangenen Wochen auf den Tisch bekommen, sagt Dörthe Hinz vom Flüchtlingsrat Niedersachsen. Viele davon von beträfen afghanische Jugendliche, die oft schon seit anderthalb, zwei Jahren hier seien. Die Zahl der Ablehnungen habe sich immens gehäuft, so sehr, dass der Flüchtlingsrat jetzt spezielle Beratungen für die Jugendlichen, ihre Gastfamilien, Vormünder, anbiete. Viele Bescheide seien rechtswidrig, sagt Hinz. Oft werde mit Textbausteinen gearbeitet, um Ablehnungen zu begründen. Einer sei, dass es in Afghanistan „sichere Gebiete“ gebe, in die die jungen Männer gefahrlos zurückkönnten. Manchmal werde sogar damit argumentiert, dass es ihnen ja auch gelungen sei, nach Deutschland zu kommen. Also könnten sie auch zurück. Hinz berichtet von einem Jugendlichen, den Taliban zweimal zu entführen versuchten, um den Vater zu erpressen. Ein anderer wurde mitsamt Vater von Taliban angegriffen, angeschossen, schwer verletzt. Der Vater starb. Selbst solche Asylanträge würden mittlerweile abgelehnt, weil es „jungen arbeitsfähigen Männern“ angeblich zuzumuten sei, sich in diesen „sicheren Gebieten“ ein Existenzminimum aufzubauen, sagt Hinz.

Als Elham Ende 2015 den weiten Weg aus der Provinz Nangarhar in die Region Hannover schafft, kann er noch zuversichtlich sein, Asyl zu bekommen. Gerade mal 229 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (UMF) aus Afghanistan werden nach Angaben des BAMF 2016 abgelehnt. Deutschlandweit. Jetzt - Stand Ende Juni 2017 - sind es bereits 1693. Auch in Elhams Bescheid heißt es: „Der Antragsteller wird aufgefordert, die Bundesrepublik innerhalb von 30 Tagen zu verlassen.“ Dabei hat der im Februar 18 Jahre alt gewordene Jugendliche in Afghanistan niemanden mehr. Sein Vater kehrt 2015 von einer Reise nicht zurück. In der Familie schwelt eine Fehde, der schon einige Verwandte zum Opfer fielen. Elhams zwölfjähriger Bruder geht auf der Flucht verloren, taucht trotz intensiver Suche über Suchdienste wie das Rote Kreuz nie wieder auf: ein Schock für Elham. Und: Mutter und Schwester kommen 2015 bei einer Bombenexplosion in Kabul um.

Zynisch finden es Anke Christ und Uwe Konieczny, dass selbst dieser Anschlag nicht als Beispiel für die Gefährlichkeit Afghanistans als Asylgrund gilt. Der grausame Tod von Mutter und Schwester sei eine „sehr traurige und prägende Erfahrung“, letztlich seien beide aber durch einen „tragischen Zufall“ in Kabul Opfer eines Bombenanschlages geworden, heißt es in dem Bescheid trocken. Datiert ist er auf den 29. Mai 2017. Zwei Tage später wiederholt sich in Kabul so ein „tragischer Zufall“ für mehr als 150 Menschen. Wiederum bei einer Bombenexplosion fallen sie einem der schwersten Anschläge in Afghanistan seit Jahren zum Opfer. Die Bundesregierung setzt seitdem Abschiebungen dort vorläufig weitgehend aus - und will die Sicherheitslage in Afghanistan bis Ende Juli prüfen.

Keine Angst vor Papierkram

Elham wird das nur eine Zeitlang helfen. Genauso wie die Tatsache, dass in Niedersachsen derzeit nur Kriminelle nach Afghanistan abgeschoben werden. Letztlich muss der Junge darauf hoffen, dass die Klage Erfolg hat, die seine Gasteltern beim Verwaltungsgericht eingereicht haben. Sein Anwalt Paulo Dias sieht einige Hebel, an denen er ansetzen kann. Allein die Tatsache, dass Elham im westlichen Ausland gelebt habe, mache ihn zu einem Angriffsziel für die Taliban, sagt er. Dass er schwer traumatisiert sei und ärztlicherseits in seiner Heimat eine Verschlechterung prognostiziert werde, könne er anführen. Wenn Elham sofort eine Ausbildung beginne, statt weiter zur Schule zu gehen, wie er es sich sehnlichst wünscht, habe er zumindest die Chance zu bleiben, bis die Lehre abgeschlossen ist.

Zumindest auf eines ist Verlass: Seine Gasteltern wollen ihm helfen - und sich dabei weder von dem Wust an Papierkram, noch von den Kosten für Anwalt und Ähnliches abschrecken lassen. So oft das Ganze das berufstätige Paar schon jetzt an seine Grenzen bringt. „Die Jungs gehören jetzt zu uns“, sagt Uwe Konieczny. Da ist er wieder, jener eine schlichte Satz aus glücklichen Tagen. „Wir stehen das zusammen durch.“

468 unbegleitete Minderjährige in der Region

Von der Stadt Hannover werden zurzeit 210 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge betreut. Dazu kommen 125 junge volljährige Flüchtlinge. Die Afghanen stellen mit 133 Personen eine große Gruppe. Die Zahl der Abschiedebescheide habe zugenommen, bestätigt die Stadt. Aber nicht alle minderjährigen oder jungen volljährigen Afghanen müssten mit einem Abschiebebescheid rechnen. Konkret von Abschiebung bedroht seien derzeit sieben unbegleitete Minderjährige. In den Umlandkommunen leben derzeit 258 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, etwa 40 Prozent sind Afghanen. Abgelehnte Asylanträge unter ihnen werden hier nicht systematisch erfasst. Ab 18 Jahren gehören sie zu den erwachsenen Flüchtlingen und werden nicht mehr gesondert gezählt.

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