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„Das sind kranke Leute. Sie machen, was sie wollen.“

Flüchtlinge zur Terrorgefahr „Das sind kranke Leute. Sie machen, was sie wollen.“

Erst Paris, dann Hannover: Der Terror kommt nach Europa. Und die Flüchtlinge, die vor ihm aus ihrer Heimat geflohen sind, leiden weiter darunter. Vor allem, wenn sie mit den Terroristen in eine Schublade gesteckt werden.

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„Der Terror ist schrecklich. Er trifft die armen Leute.“ Viele syrische Flüchtlinge, wie hier am deutschen Pavillon, sind vor dem „Islamischen Staat“ geflohen.

Quelle: Julian Stratenschulte

Hannover. Zu dritt sitzen die Männer um einen Tisch, eine Thermoskanne mit dampfendem Tee steht darauf, dazu Tassen, Zucker, eine Karaffe voll Wasser. Palmero ist der jüngste, 22 Jahre alt, bei seiner Flucht aus Syrien saß er in einer bulgarischen Abschiebezelle, er sah einen Mann darin sterben, weil sich niemand um ihn kümmerte und er, Palmero, konnte es nicht verhindern. Hsso, 41, lebt schon länger in Deutschland, auch er stammt aus Syrien und arbeitet in der Flüchtlingsunterkunft in Döhren. An der Universität Hannover studiert Chafi Solemani. Er ist 40 Jahre alt, lernte in Syrien Zahntechniker und nun Deutsch in Seminaren. Sein Interesse gilt der Politik, mit der Geschichte des Islam hat er sich ausführlich befasst.

Die vierte Person am Tisch ist Irene Wegener. Sie leitet die Unterkunft und hat eine ganz besondere Sicht auf die Lage in Hannover und darüber, was einer Gesellschaft nach den Attentaten in Paris wichtig sein sollte. Und was nicht.

Flüchtlinge in zweifacher Weise Opfer

Am Tisch geht es um die Frage, wie Syrer die Anschläge in Paris erlebt haben, und ob sie fürchten, dass sich jetzt eine Stimmung gegen Flüchtlinge wenden könnte. Die Attentate sollen in Syrien geplant worden sein, die Täter sprengten und schossen im Namen des Islamischen Staats. Einer Terrorgruppe, die eine Religion im Namen trägt, die bei vielen Menschen hierzulande im Verdacht steht, alles beiseite räumen zu wollen, was ihr im Weg steht. Palmero sagt über die Attentäter : „Das sind kranke Menschen, was sie tun, hat nichts mit Religion zu tun. Die Leute haben ihre eigene Religion: Sie töten auch Muslime, die ihnen nicht folgen. Sie machen, was sie wollen.“

Der 22-Jährige ist vor den Bomben des IS geflohen, jetzt sind die Bomben in Europa angekommen. Verändern die Anschläge in Frankreich womöglich den Blick auf Flüchtlinge hierzulande? Auf Muslime unter ihnen? Es ist das, was ihnen Sorgen macht: dass die Leute nicht hinsehen und alle in einen Topf werfen. Sollte das passieren, würden sie auf zweifache Weise Opfer. Zunächst als Flüchtling vor den Fanatikern in ihrer Heimat; dann, indem sie zu Unrecht mit ihnen in Verbindung gebracht würden.

Attentate können Stimmung beeinflussen

Chafi Solemani empfiehlt einen Blick auf die Attentäter. Nur ein Pass aus Syrien sei gefunden worden, sagt er. Die anderen Täter stammten aus Belgien und Frankreich, aufgewachsen oder ideologisch scharf gemacht mitten im demokratischen Europa. Dennoch: „Die Attentate können schon die Stimmung hier beeinflussen“, fürchtet Solemani. Die AfD könne mehr Stimmen bekommen, auch, weil in der Flüchtlingsfrage „Chaos“ in der Regierung herrsche. „Sigmar Gabriel sagt dies, Thomas de Maizière jenes, das nützt nur der AfD.“ Was Solemani großartig fand, „eine tolle Reaktion“, war die Aussage von Bundestrainer Joachim Löw vor dem Länderspiele gegen die Niederlande. Löw sprach davon, die Partie zum Symbol für Freiheit und Demokratie zu machen.

Dann wurde es abgesagt, im Interesse der Sicherheit. Ehrenamtliche waren am Dienstagabend mit Bewohnern der Döhrener Unterkunft zur Lichterkette gegangen und dann, nach den Durchsagen der Polizei, wieder zurück gekehrt.

Manche Muslime verschweigen ihre Religion

Debatten um die richtige Flüchtlingspolitik hat es schon vor den Anschlägen von Paris gegeben. Politiker diskutieren, Grenzen zu schließen, Familiennachzug zu verhindern, Leistungen zu kürzen, Kontingente einzuführen und Asylrechte zu verschärfen. Bei einer Umfrage bekam die rechtspopulistische AfD vor Kurzem den drittgrößten Zuspruch. Kleinigkeiten lassen spüren, welche Ängste es gibt, auch am Tag des abgesagten Länderspiels. Eine Frau schrieb auf ein Blatt, sie habe Angst davor, dass der IS und der Koran in Europa die Macht übernähmen und sie, als Behinderte, dann getötet würde. Sie legte das Blatt auf die Windrose unten an der U-Bahnstation am Kröpcke.

Aber die drei Syrer am Tisch wollen mit diesem Verständnis von Religion nichts zu tun haben. Sie finden es widerwärtig. Sie wissen, was die Terroristen unter religiösem Banner ihrem Volk antun: Frauen und Kinder töten und Männer ermorden, die sich nicht auf ihre Seite stellen. „Der Terror ist schrecklich. Er trifft die armen Leute. Das Volk muss den Preis dafür bezahlen, in Syrien oder als Flüchtling“, sagt Hsso. Durch seine Arbeit in der Döhrener Unterkunft kommt er mit vielen Menschen zusammen, und er erzählt, wie manche Muslime inzwischen verschweigen, welcher Religion sie angehören. „Sie sagen, dass sie sich schämen, Muslime zu sein.“ Also erzählen sie lieber nichts und verbergen einen Teil ihrer Identität, wenn sie bei der Registrierung gefragt werden, welcher Religion sie angehören.

Krieg als Mittel gegen den Terror?

Aber Irene Wegener möchte die Diskussion lieber in eine andere Richtung führen. Sie will nicht darüber reden, ob Flüchtlinge in Hannover unter der Tat von Terroristen zu leiden hätten, mit denen sie nichts zu tun haben. Ihr geht es darum, Bedingungen für eine bestmögliche Integration der Zuwanderer zu schaffen. „Wir sollten uns darauf besinnen, was für Flüchtlinge wichtig ist, die zum Teil alles verloren haben und die mit Null hier angefangen haben. Die Frage ist: Machen wir dieselben Fehler bei der Integration wie die Franzosen?“ Man müsse, sagt die Leiterin der Döhrener Unterkunft, Bedingungen schaffen, die Flüchtlingen ein Leben mit einer Zukunft eröffne. Keine Gettobildung wie in Pariser Vorstädten, stattdessen gemischte Wohngebiete. Und höhere Investitionen in Bildung, damit sie Chancen auf diese Zukunft haben.

Am Tisch geht das Gespräch weiter. Wie kann man den Terror des IS stoppen? Hsso und Palmero wünschen sich, dass der Westen angreift. Krieg also. Hsso glaubt an einen schnellen Sieg: „90 Tage, dann sind die weg.“

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