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Stadt Hannover Hunderte verabschieden Käßmann in Ruhestand
Aus der Region Stadt Hannover Hunderte verabschieden Käßmann in Ruhestand
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00:15 03.07.2018
„Wir brauchen Hoffnungsbilder von Nächstenliebe und Barmherzigkeit“: Margot Käßmann bei ihrer Predigt in der Marktkirche. +++ Quelle: dpa
Hannover

Der Einzug hat etwas Erhabenes. Hunderte erheben sich, als Margot Käßmann in der Marktkirche noch einmal im Talar zum Altar schreitet. „Wir wollen Dank sagen für Deinen Dienst“, sagt Landesbischof Ralf Meister zu seiner Amtsvorgängerin, die mit diesem Gottesdienst in den Ruhestand verabschiedet wird. Die Gemeinde stimmt Paul Gerhards „Du meine Seele, singe“ an, beim Kyrie lässt Organist Ulfert Smidt fast pastellfarbene Töne erklingen. Es ist ein Gottesdienst mit allem Gepränge, das der lutherischen Liturgie zu Gebote steht.

Um die Marktkirche herum herrscht derweil eine Mischung aus Festakt und Volksfest, Andacht und Kirchentag. Es ist ein weihevolles und zugleich fröhliches Spektakel – ein Abschied, aber keine Trauerfeier. Gut 800 Besucher haben in der Kirche Platz gefunden, für die anderen wird der Gottesdienst auf eine Leinwand vor dem Gotteshaus übertragen, dort gibt es Bratwurst und Limo, nach dem Gottesdienst folgt eine lockere Bühnenshow mit Musik und Talk-Einlagen. Ein theologisches Public Viewing.

Bewegende Karriere

Für viele Besucher verkörpert Käßmann das moderne Gesicht der Kirche. Viele verbinden ganz persönliche Erlebnisse mit Deutschlands beliebtester Theologin. „Bei ihren Weihnachtsgottesdiensten gab es Applaus nach der Predigt – wann erlebt man so etwas schon mal“, sagt eine Frau vor der Kirche.

Viele haben an Käßmanns Leben Anteil genommen. Auch an den Krisen wie ihrer Krebserkrankung oder ihrer Scheidung. Vor gut acht Jahren trat sie von ihren Ämtern nach einer Alkoholfahrt zurück, um dann ein Comeback als wortgewaltige Reformationsbotschafterin zu feiern – eine Laufbahn wie eine Achterbahnfahrt.

„Sie hat sich niemals versteckt und auch zu ihren Schwächen gestanden“, sagt ein Besucher anerkennend. Auch Altbundespräsident Christian Wulff ist in die Marktkirche gekommen: „Das Land braucht Menschen wie Margot Käßmann, um Zusammenhalt herzustellen“, sagt er.

„Die Marktkirche hat eine besondere Bedeutung in meinem Leben“, erklärte Käßmann selbst vor dem Gottesdienst. Wichtige Wegmarken ihrer Biografie hatten hier ihren Platz. Hier wurde sie nach ihrer Zeit als Generalsekretärin des Kirchentags 1999 ins Amt der Landesbischöfin eingeführt – gegen den erbitterten Widerstand konservativer Kirchenleute und als Lichtgestalt der Liberalen. Hier feierte sie bewegende Gottesdienste. Bei der Trauerfeier nach dem Suizid des 96-Torwarts Robert Enke zeigte sie hier, dass sich die christliche Botschaft vom Sieg über den Tod sehr wohl auch einem eher kirchenfernen Publikum verkündet lässt. Und nach ihrem Rücktritt im Jahr 2010 zündeten Menschen in der Marktkirche Kerzen für die „Bischöfin der Herzen“ an. Da ist es nur konsequent, dass sie gerade hier in den Ruhestand verabschiedet wird.

Einsatz für Frieden

In ihrer Predigt reißt Käßmann noch einmal viele der Themen an, die ihr wichtig sind. Sie spricht über Moses, der das gelobte Land in der Bibel nicht betreten durfte und dennoch seelenruhig akzeptierte, dass seine Zeit vorbei war: „In unserem Zeitalter des Individualismus meint jeder Mensch, absolut einzigartig sein zu müssen. Durch Leistung, durch Kleidung oder Tattoos“, sagt sie. Da könne eine gute Portion Gottvertrauen auch entlasten: „Ich muss gar nicht so herausragend sein. Gott vertraut uns eine Etappe an, die wir mitgestalten können.“

Käßmann zitiert Martin Luther und ihren Säulenheiligen Martin Luther King, sie erinnert an Nelson Mandela und die Revolution in der DDR, die nicht zuletzt von Christen ausging. Vehement ruft sie zum politischen Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit auf. „Wir brauchen Hoffnungsbilder von Nächstenliebe und Barmherzigkeit“, sagt sie. Als während der Predigt von außen laute Fanfarenklänge hereinschallen, lässt sie sich nicht aus dem Konzept bringen, und an witzigen Stellen gibt es Szenenapplaus.

Dann entpflichten Landesbischof Meister und Präses Annette Kurschus die Theologin von ihren Ämtern als Pastorin und Reformationsbotschafterin. Als der Liedermacher Fritz Baltruweit mit der Gitarre danach eine leise Version seines Stückes „Dass der Weg dir glückt“ anstimmt, haben einige Besucher Tränen in den Augen. „Wir hatten das große Geschenk, eine Frau mit einem außerordentlichen Charisma vor fast 20 Jahren als Landesbischöfin zu bekommen“, sagt Meister, „eine Frau, die diese Landeskirche im 21. Jahrhundert hat ankommen lassen.“

Da widerspricht ihm in der Marktkirche niemand.

Aus Margot Käßmanns Abschiedspredigt

In ihrem Abschiedsgottesdienst hat Margot Käßmann in der Marktkirche noch einmal skizziert, wie Glaube und Politik für sie miteinander zusammen hängen: „Wer an ewiges Leben glaubt, muss in dieser kurzen Erdenzeit gar nicht alles leisten! Das ist sehr entlastend, finde ich. Dabei ist für mich Glaube gerade nicht Opium des Volkes, wie Karl Marx das gesehen hat. Es ist gerade nicht eine Selbstbetäubung, weil ich mit dem Unrecht dieser Welt nicht fertig werde. Nein, der Glaube an Gott ermutigt geradezu, sich aufzubäumen gegen das Unrecht dieser Welt und jetzt Zeichen zu setzen für Frieden und Gerechtigkeit, wie Gott sie verheißen hat. Weil wir Visionen davon haben, Bilder, die uns zeigen, wie es das Gelobte Land aussehen könnte.“

Von Simon Benne

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