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Stadt Hannover Was hat Hannover aus der „Flüchtlingskrise“ gelernt?
Aus der Region Stadt Hannover Was hat Hannover aus der „Flüchtlingskrise“ gelernt?
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10:22 03.09.2018
Besuch bei Ahmed Saeed Osman, der seinen Bachelor im Sudan gemacht hat, jetzt an der TiHo ein Praktikum macht und in Kronsberg im Flüchtlingswohnheim wohnt. Quelle: Katrin Kutter
Hannover

Am Ende ist es vielleicht ganz schlicht Ahmed Saeed Osmans Schreibtisch, der im Kleinen die große Geschichte von der Integration der Flüchtlinge in Hannover erzählt. Zumindest die eines wichtigen Teils: die der Flüchtlinge, die 2015 und 2016 kamen, und die ihrer Unterstützer. Ahmed Saeed Osmans Schreibtisch ist mit Vorlesungsskripten, Büchern zu tierärztlichem Recht oder Allgemeiner Pathologie übersät.

Der 25-Jährige hat an der University of Khartoum im Sudan Veterinärmedizin studiert und erwirbt derzeit an der Tierärztlichen Hochschule Hannover die Zulassung als Tierarzt in Deutschland. Anfang Oktober tritt er eine Stelle als wissenschaftliche Hilfskraft in der Pharmakologie an. Dabei sind die Umstände seines Studiums mehr als widrig. Allein für die Hiwi-Stelle braucht er Genehmigungen dreier Behörden. „Bei mir“, sagt der Mann, der fließend Englisch und Arabisch und gut Deutsch spricht, „ist alles ein bisschen kompliziert.“

Ahmed Saeed Osman ist Flüchtling, Asylbewerber im Klageverfahren, nach fast zwei Jahren in Hannover nicht anerkannt. Sein Schreibtisch steht in einem Flüchtlingsheim in Kronsberg. Auf engstem Raum drängen sich dort zwei Betten, zwei Spinde. Sonst nichts. Wie lebt es sich hier? Er sei tagsüber oft an der TiHo, sagt Osman. Sein Mitbewohner, ein Krankenpfleger aus dem Sudan, arbeite im Altenheim: „Das geht.“ Nur die Nächte seien schwer. Dann quält den 25-Jährigen die Sorge, dass die Polizei ihn irgendwann abholen wird. Nachts. Zur Abschiebung. Einige Male hat er das bei Flüchtlingen schon erlebt. „Ich tue alles, um ein guter Bürger in Deutschland zu werden“, sagt Ahmed Saeed Osman. „Aber ich weiß nicht, ob ich bleiben darf. Das macht große Angst.“

Es ist heute auf den Tag das dritte Mal, dass sich Angela Merkels Credo zur Flüchtlingskrise, „Wir schaffen das“, jährt. Wer erzählen will, was Niedersachsens Landeshauptstadt seitdem geschafft hat und was nicht, kommt an Flüchtlingen wie Ahmed Saeed Osman nicht vorbei. Osman, bestens integriert und bislang geduldet, ist einer von derzeit 4194 städtisch untergebrachten Flüchtlingen in Hannover. Die Zahl hat sich seit den Hochzeiten der Flüchtlingskrise kaum verändert: 4390 waren es im Juli 2016, danach fiel sie bis auf 3668 Ende 2017. Seitdem steigt sie wieder an.

Die Zahlen steigen rasant

Dass gerade die Monate rund um Merkels „Wir schaffen das“ vom 31. August 2015 dennoch einer Zäsur gleichkommen, liegt daran, dass damals so viele Menschen wie nie in Deutschland Schutz suchen. Knapp 500 000 beantragen 2015 bundesweit Asyl. Auch in Hannover belegen die nackten Zahlen das Ausmaß der Flüchtlingskrise. Im Mai 2010 waren 170 Flüchtlinge in der Landeshauptstadt untergebracht. Ende 2013 übersteigt die Zahl die 1000-Personen-Marke. Dann kommt es Schlag auf Schlag: 2014 und 2015 verdoppeln sich die Zahlen. Ende April 2016 ist offen, wie viele Zuwanderer bis zum Jahresende kommen. Manche Hochrechnungen gehen von 8000 aus. Die Zahl pendelt sich dann aber bei rund 4500 ein.

Was aber wird aus all den Menschen? Wer sich ein Bild davon machen will, muss von Gut- und Wutbürgern erzählen. In Kirchrode-Bemerode-Wülferode, dem Bezirk, in dem Ahmed Saeed Osmans Flüchtlingsheim liegt, prallen sie exemplarisch aufeinander. Aber der Reihe nach: Es ist der 5. November 2015, als sich am Kronsberg erstmals ein Unterstützerkreis trifft. Ein „kleiner Stuhlkreis“ wird laut Christine Jochem, Helferin der ersten Stunde, erwartet. Es kommen 200 Leute. Das Bemerkenswerteste ist: Die Flüchtlinge sind noch gar nicht da. Sie werden erst für März 2016 erwartet.

Egal. In Arbeitskreisen bereiten sich die Kronsberg-Nachbarn auf den Ernstfall vor. Ein Ort für gelebte Integration wird im „Habitat“-Quartier gefunden. Bauunternehmer Peter Gundlach hat den Wohnkomplex zu Expo-Zeiten multikulturell konzipiert. Als der Unterstützerkreis Räume für Café und Kleiderkammer sucht, stellt Gundlach sie mietfrei zur Verfügung. Tatsächlich eröffnet das Flüchtlingsheim in der Wülferoder Straße erst im September 2016. „Wir haben zeitweise im Café auf die Flüchtlinge gewartet, und sie kamen nicht“, erinnert sich „Habitat“-Quartiersmanagerin Renate Bernatzky. „Das war ganz schön traurig.“

Katia Semeraro Italienerin aus der Nachbarschaft, nicht wegen der Flüchtlinge, sondern „aus Spaß“. Quelle: Foto: Heidrich

Mittlerweile sind sie da. Jehad Murad aus Syrien kocht an diesem Tag im Café für alle sein Lieblingsgericht „Machlube“. Kameran Selo, Busfahrer aus Syrien, freut sich über ein Gespräch mit Diplomingenieur Frank Steinlein. Dabei ist auch Katia Semeraro, Italienerin aus der Nachbarschaft, nicht wegen der Flüchtlinge, sondern „aus Spaß“. Ahmed Saeed Osman sind viele Unterstützer besonders verbunden. Als ihm zum ersten Mal die Abschiebung droht, weil er über Italien nach Deutschland einreist und die Behörden Italien für zuständig erklären, gewährt ihm die Auferstehungsgemeinde Döhren sogar Kirchenasyl, so lange, bis er hier Asyl beantragen darf.

Die Kronsberg-Nachbarn sind nur ein Beispiel für die Willkommenskultur in Hannover. Für jedes Flüchtlingsheim habe sich ein Unterstützerkreis gefunden, sagt die Vorsitzende des Unterstützerkreises Flüchtlingsunterkünfte, Renee Bergmann. Bis heute. Warum tun sie das alles? „Mir geht das Schicksal der Menschen nahe“, sagt Frank Steinlein. „Als Christen sind wir ihnen Nächstenliebe schuldig.“

Aber die Flüchtlingsflut ruft auch Skeptiker, auch rechte Aktivisten auf den Plan. Der Kronsberger Bezirksbürgermeister Bernd Rödel (SPD) erlebt das beim Blick in sein E-Mail-Fach. Schon Mitte 2015 erreichen ihn teilweise zig Mails täglich, in denen sich Leute gegen Flüchtlinge aussprechen. Sprüche wie: „Das Pack soll verschwinden“ sind dabei. Rödel findet zweimal Kot in seinem Briefkasten. Im Mai 2015 werden Hakenkreuz-Schmierereien an der Flüchtlingsunterkunft in Kirchrode entdeckt. Dazu kommt: Während die Helfer auf ihren Einsatz warten, werden von der Stadtverwaltung immer neue potenzielle Standorte für Flüchtlingsunterkünfte kommuniziert. Ihren Höhepunkt erreicht die Drohkulisse, als die Stadt bis zu 900 Asylbewerber in zwei ehemaligen Bürogebäuden des Computerkonzerns IBM am Kronsberg unterbringen will. Es wäre die größte Notunterkunft in Hannover.

Als sie im Bezirksrat Thema ist, kommen in den Ratssaal so viele Menschen, dass zwei Polizisten die Versammlung bewachen. Per Online-Petition werden Unterschriften gegen die Unterkunft gesammelt, sogar Menschen aus Leipzig unterschreiben. Rödel erlebt dann, was in Hannover öfter passiert: Manche Unterkunft entsteht später oder nie. Die Massenunterkunft bei IBM ist am Tag nach der Bezirksratssitzung passé. Das Geschäft der Stadt mit dem Konzern ist geplatzt.

Was sind die Lehren?

Was bleibt als Lehre aus der Flüchtlingskrise? „Wir dürfen nie wieder einen Punkt erreichen, wo wir in kurzer Zeit massenweise Flüchtlinge unterbringen müssen und nicht wissen, wie“, sagt Rödel. Die Stadt müsse Notlösungen vorhalten, um künftig handlungsbereit zu sein. Nicht die Zahl der Flüchtlinge, sondern die Tatsache, dass die Stadt 2015/16 so unvorbereitet handeln musste, habe die Belastbarkeit vieler Bürger gesprengt.

Was bleibt noch? Mit der Flüchtlingskrise brechen Dämme im Umgang mit deutscher Geschichte, auch in Hannover. Rödel macht das an der Sprache fest: Dass man jetzt auch aus bürgerlichem Lager Sätze wie „Warum werden wir unterwandert?“ höre, erschreckt den Sozialdemokraten. Froh ist er, als es die AfD bei den Kommunalwahlen nicht in seinen Bezirksrat schafft.

So viel kostet die Flüchtlingskrise

Das Jahr 2016 war das dramatischste Jahr: Nachdem die Zahl der Flüchtlinge in Deutschland nach Angaben des Bundesamtes für Statistik von 1995 an kontinuierlich zurückgegangen waren und im Schnitt unter 40000 lag, stiegen die Asylanträge 2014 auf mehr als 200000, verdoppelten sich 2015 und erreichten 2016 den Höchststand von 745545.

Seitdem sinken die Werte wieder. Im Jahr 2018 wurden in Deutschland bis Juli noch 110324 Asylanträge gestellt. 2017 stammten laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 49000 Antragsteller aus Syrien, 22000 aus dem Irak und 16400 aus Afghanistan.Die Krise ist durch den sich verschärfenden Bürgerkrieg in Syrien ausgelöst worden, aber auch durch Finanzierungsprobleme der Hilfsorganisationen, denen das Geld für die Nahrungsmittel für Flüchtlinge in Syrien und den Nachbarländern fehlte.

Zur Bewältigung der Flüchtlingskrise hat der Bund 2017 rund 20,8 Milliarden Euro ausgegeben. Seit 2015 hat die Bundesregierung laut Finanzministerium mindestens 43,25 Milliarden Euro für Asylzwecke aufgewendet. Voraussichtlich werden in den nächsten Jahren weitere 80 Milliarden Euro hinzukommen. Jetzt geht es nicht mehr um Notunterkünfte und Verwaltung, sondern um Integration und Lebenshaltung.

In Ahlem dagegen holt sie 12,5 Prozent. Wie sehr das Thema Flüchtlinge die AfD dominiert, kann man an einem Tag im Sommer 2018 im Bezirksrat Ahlem-Badenstedt-Davenstedt erleben. Sechs Anfragen oder Anträge dazu hat AfD-Mann Reinhard Hirche aufs Programm gesetzt. Wie klein der Schritt vom „Bamf-Skandal“, über „Mülltrennung in Flüchtlingsheimen“ hin zu Terrorismus ist, zeigt ein Antrag namens „Fußgängerschutz“. Hirches Fraktion fordert, die Bürgersteige an zehn Hauptstraßen und sämtliche Bushaltestellen mit einbetonierten Schutzbügeln zu versehen. Sie sollen „die Bürger“ vor „als Waffen missbrauchten Autos“ schützen. Die Sorge um Sicherheit, die nach Attentaten wie in Berlin vielerorts spürbar ist, wird auf absurde Weise auf die Spitze getrieben.

„Wir können die Angst vor Terror nicht abpollern“, heißt es aus den anderen Fraktionen. Doch Hirche bekommt dennoch Applaus, auch von bürgerlicher Seite. Da sind Anwohner eines Flüchtlingsheims in Davenstedt, die über Ruhestörungen und Wertminderung ihrer Eigenheime klagen. Da sind die Anwohner einer Unterkunft in Ahlem, die von Verwahrlosung, Vermüllung und Straftaten in ihrer Nachbarschaft berichten. Beifall brandet auf, wenn Hirche moniert, dass Flüchtlingsheime nie bei denen vor der Haustür stünden, die sie planten.

Es geht in solchen Momenten völlig unter, dass die Bewohner der Ahlemer Unterkunft gar keine Flüchtlinge, sondern Armutszuwanderer aus Südosteuropa sind, aus der EU also. In Hannover steigt ihre Zahl. Sie sind viel schwerer zu integrieren als Flüchtlinge. Aber das ist eine andere Geschichte. Eine, die in Hannover noch zum Problem werden wird.

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Mehr zum großen HAZ-Special Flüchtlinge in Hannover lesen Sie auf unserer Themenseite.

Von Jutta Rinas

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