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Stadt Hannover Das sagen Prominente über Wehr- und Zivildienst
Aus der Region Stadt Hannover Das sagen Prominente über Wehr- und Zivildienst
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00:21 13.08.2018
Symbolbild Quelle: dpa
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Hannover

Für Generationen von jungen Männern war der Dienst eine Zäsur in der eigenen Biografie. Plötzlich griff der Staat zu. Die Zeit bei der Bundeswehr oder im Zivildienst brachte für viele den Abschied vom Elternhaus mit sich. Die einen erlebten ihre Dienstzeit als sinnvolle persönliche Bereicherung, andere als staatlich verordnete Vergeudung von Lebenszeit. In jedem Fall war es für die meisten eine prägende Erfahrung, die auch aus dem Abstand von mehreren Jahren noch reichlich Gesprächsstoff bietet: die Musterung im Kreiswehrersatzamt, die Grundausbildung oder der Dienst im Krankenhaus sind ein schier unerschöpfliches Thema.

Sieben Jahre nach Aussetzung der Wehrpflicht wird nun über die (Wieder-)einführung einer Dienstpflicht für junge Menschen diskutiert. Wir haben prominente Hannoveraner gefragt, welche Erinnerungen sie an ihre Zeit als Soldaten oder Zivildienstleistende haben – und überraschende Antworten erhalten.

Matthias Brodowy, Kabarettist

Moderator und Kabarettist Matthias Brodowy Quelle: pa

Es war Hochsommer, und in dem nicht klimatisierten Bus, mit dem ich die älteren Herrschaften regelmäßig zum Seniorennachmittag fuhr, stand die Hitze. Doch die betagten Fahrgäste trugen Häkeljäckchen und Schal, und wenn ich das Fenster nur einen Spalt weit öffnete, riefen Sie: „Matthias, es zieht!“ Im Jahr 1991 trat ich meinen Zivildienst bei der Matthias-Kirchengemeinde in Großbuchholz an, und ich kümmerte mich vor allem um Senioren: Begleitung, Einkäufe, Spaziergänge. Eine Dame war 1898 geboren worden, sie hatte noch das Kaiserreich erlebt – ein unglaublicher Erfahrungsschatz. Ich habe sie noch zehn Jahre lang besucht. Der Zivildienst hat mein Leben unendlich bereichert. Nie habe ich so viel gelernt wie in diesen 15 Monaten. Ich war konfrontiert mit Alter, Tod, Demenz und Lebensfreude. Der Dienst war natürlich Pflicht, aber ich habe ihn nie als Zwang empfunden. Es ist gut, nicht nur eigene Karrieren zu planen, sondern auch das Dienen zu lernen und für andere da zu sein. Dienen heißt nicht, sich devot schubsen zu lassen. Es hat vielmehr mit Würde und Humanität zu tun. Mir jedenfalls hat der Staat nicht 15 Monate geklaut. Er hat sie mir geschenkt.

Lars-Ole Walburg, Schauspiel-Intendant

Schauspielintendant Lars-Ole Walburg Quelle: Franson

Nach dem Abi wurde ich 1983 in der DDR zur Volksmarine eingezogen. Aus Gründen, die ich später überhaupt nicht mehr nachvollziehen konnte, habe ich mich für drei Jahre verpflichtet. Anderthalb hätte ich sowieso dienen müssen. In dieser Zeit war ich auf einem Landungsschiff auf See, unter anderem bei Manövern mit befreundeten Staaten in der Ostsee. Drei Jahre lang habe ich an Bord auf engstem Raum mit mehr als 50 anderen jungen Männern gelebt – und mit allen Schwierigkeiten, die sich daraus ergaben. Es war die gewalttätigste Zeit meines Lebens. Permanent musste man wachsam sein. Es gab eine strenge Hierarchie an Bord; die Neuen mussten alle unangenehmen Arbeiten machen – ein ungerechtes System. Ich weiß, dass bei der Bundesmarine im Westen vieles ganz anders lief. Für mich aber war das Ende meiner Dienstzeit einer der glücklichsten Tage meines Lebens. Es waren drei vergeudete Jahre, die auch der zeitliche Abstand nicht romantisch verklärt hat.

Ralf Meister, Landesbischof

Landesbischof Ralf Meister Quelle: Tim Schaarschmidt

Ich habe meinen Zivildienst 1981 beim Deutschen Roten Kreuz in Hamburg begonnen. Als Theologiestudent wäre ich von Wehr- oder Ersatzdienst eigentlich freigestellt gewesen, doch ich habe mich freiwillig dafür entschieden – und ich habe es nicht bereut. Im ambulanten Pflegedienst betreute ich an der Seite einer Krankenschwester Menschen, die ihre letzten Lebensmonate daheim verbrachten. Und ich habe Behinderte befördert. Beide Erfahrungen haben mich sehr geprägt. Ich war in der Pflege ein junger Mensch, der gerade ins Leben einstieg, und lernte Menschen kennen, die sich vom Leben verabschieden mussten – das waren sehr beeindruckende Begegnungen. Später, während des Studiums, habe ich mir mit Jobs in der Pflege etwas dazu verdient, und auch in familiären Zusammenhängen ist die Erfahrung aus der Pflege hilfreich. Ich kann nur für eine Dienstpflicht werben, auch wenn diese nicht auf Freiwilligkeit basiert. Junge Menschen können dabei etwas entdecken, das sie von sich selbst aus nicht entdeckt hätten.

Dirk Toepffer, CDU-Landtagsabgeordneter

CDU-Fraktionschef Dirk Toepffer Quelle: dpa

Meine Wehrpflicht habe ich Mitte der 80er-Jahre in Hannover beim Nachschubbataillon 1 verbracht. Ich war tatsächlich aus idealistischen Motiven bei der Bundeswehr: Ich wollte etwas für mein Land tun, meinen Beitrag leisten und die Freiheit verteidigen, so, wie es die Amerikaner in Berlin taten. Und es war eine sehr prägende Erfahrung für einen behüteten jungen Mann, der sein Leben lang im eigenen Zimmer gelebt hat und Schüler eines als elitär geltenden Ratsgymnasium war, plötzlich auf einer Stube mit neun Leuten zu liegen. Ein Schausteller ohne Schulabschluss, der zur Gewalttätigkeit neigte; einer, der gemobbt wurde und einer, der mir gesagt hat, man müsse sich eben wehren. Ich habe in meiner Wehrpflicht eine soziale Mischung aus der Gesellschaft kennen gelernt, auch Menschen, denen es nicht so gut geht. Klar gab es auch das andere: Gammeldienst, idiotische Befehle. Aber insgesamt war dieser Dienst eine gute Erfahrung, keine gestohlene Lebenszeit, wie es manche sagen. Eine Dienstpflicht, wie sie gerade diskutiert wird, halte ich für eine gute Sache. Menschen verändern sich, sie können einen anderen Blick auf Dinge bekommen, wenn sie neue Erfahrungen machen.

Hauke Jagau, Präsident der Region Hannover

Regionspräsident Hauke Jagau Quelle: Frauke Bittner (Region Hannover)

Ich habe den Kriegsdienst verweigert und statt dessen meinen Zivildienst beim Arbeiter-Samariter-Bund geleistet. Ich war bereits vorher bei der DLRG und überlegte unter anderem, ob ich vielleicht Medizin studieren sollte. Deshalb bewarb ich mich für den Rettungsdienst. Wir haben in 24-Stunden-Schichten gearbeitet, und wenn ich Pech hatte, mussten wir dreimal in einer Nacht raus. Es gab Tage mit mehreren Todesfällen, bei denen wir vor Ort waren. Das war hart. Darüber geredet hat niemand mit uns, das war eben so. Trotzdem war es eine gute Erfahrung. Man lernt, in schwierigen Situationen souverän zu handeln. Als Rettungssanitäter weiß man nie vorher, was auf einen zukommt. Eine Erfahrung: Nicht die, die am lautesten schreien, brauchen als erstes Hilfe, sondern die, die nicht mehr schreien. Ich bin für einen Ausbau der Angebote für freiwillige Dienste, aber nicht für eine Verpflichtung. Das würde zwangsläufig zu Ungerechtigkeiten führen, nicht zuletzt, weil Menschen aufgrund ihrer Gesundheit unterschiedlich eingestuft werden. Wenn man die Freiwilligendienste etwas besser ausstattet und noch besser honoriert, wenn es um die Vergabe von Studienplätzen geht, bin ich sicher, dass es genügend jungen Menschen gibt, die ein Jahr ihres Lebens dafür zur Verfügung stellen

Volker Schmidt, Hauptgeschäftsführer von NiedersachsenMetall

Volker Schmidt, Hauptgeschäftsführer der Arbeitgeberverbände Quelle: dpa

Eigentlich wollte ich meinen Wehrdienst ableisten, wurde aber nach der Musterung zurück gestellt. Um Klarheit für mich zu haben, ich war 17 Jahre alt, habe ich dann entschieden, mich für zehn Jahre beim Technischen Hilfswerk zu verpflichten. Daraus wurden zwölf Jahre. Das ist nicht ohne, aber es hat mir nicht geschadet. Alle zwei Wochen rückten wir zu Übungen aus. Wir bauten Brücken, simulierten Katastrophenfälle, halfen bei Hochwasser, und ich habe ein Stück Zeitgeschichte miterlebt, als das THW kurz nach der Maueröffnung Turnhallen für DDR-Bürger herrichtete, die in den Westen kamen. Ich habe während dieser Jahre erfahren, dass eine Gemeinschaft nicht einfach so existiert. Man muss sich einbringen. Eine Dienstpflicht, wie sie jetzt wieder diskutiert wird, halte ich deshalb für keine schlechte Idee. Sie könnte jungen Leuten nahe bringen, dass jeder ein Stück weit verantwortlich ist für Gesellschaft und freiheitliche Grundordnung. An dieser Identifikation fehlt es heute vielen.

Von Gunnar Menkens und Simon Benne

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