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Stadt Hannover Hannover und der Aufstand der Anständigen
Aus der Region Stadt Hannover Hannover und der Aufstand der Anständigen
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00:15 30.12.2014
Von Gunnar Menkens
Das von der Stadt einst ausgegebene Ziel, wonach jeder Asylbewerber nach längstens einem Jahr aus einer Unterkunft in die eigene Wohnung wechseln kann, ist nicht mehr zu halten. Quelle: dpa (Symbolfoto)
Hannover

Die Parallele entstand aus einem Zufall, aber ein Licht auf die Verhältnisse warf sie doch. Als am Montag vor der Weihnachtswoche etwa 17.500 vorgeblich patriotische Pegida-Anhänger („Ich habe nichts gegen Ausländer, aber...“) durch Dresden zogen, drängten sich zur selben Zeit in einer kleinen Kapelle in Hannover-Buchholz 120 Menschen, um zu beraten, wie man Flüchtlingen am besten helfen könnte. Die zur Schau gestellte Fremdenfeindlichkeit in Sachsens Hauptstadt spielte keine Sekunde eine Rolle. Dresden und Hannover sind zumindest bei den Fakten vergleichbar: Beide Städte haben etwas über eine halbe Million Einwohner, in beiden Städten leben derzeit etwa 2000 Flüchtlinge.

Aufmärsche wie in Dresden veranlassten vor Kurzem Altkanzler Gerhard Schröder, erneut einen „Aufstand der Anständigen“ zu fordern. In Hannover gibt es ihn längst. Es sind keine Protestzüge, an deren Rändern Kameras überregionaler Sender stehen. Die Anständigen wirken still im Hintergrund, und es käme ihnen vielleicht nicht einmal in den Sinn, sich überhaupt zu den Anständigen zu zählen. Der Eindruck, den man in Gesprächen gewinnt, ist, dass sie Hilfe für Bedürftige für selbstverständlich halten.

Willkommenskultur in Hannover

So haben in Hannover viele Flüchtlingsunterkünfte einen Kreis von Menschen um sich herum, die Bewohnern helfen, in fremder Umgebung zurechtzukommen. „Netzwerk“ und „Willkommenskultur“ heißen die modernen Wörter dafür, aber im Grundsatz geht es um altmodische Werte wie Nächstenliebe und Nachbarschaftshilfe. Sprachunterricht, Kinderbetreuung, Spenden, Behördengänge, Werkstätten – die Palette der ehrenamtlichen Helfer ist groß. Stadt und Hilfsorganisationen wären mit solchen Angeboten überfordert. Und man weiß nicht, wie es um Männer, Frauen und Kinder aus den Krisenregionen dieser Welt bestellt wäre, gäbe es diese zahlreichen privaten Initiativen nicht.

Aber damit darf es nicht getan sein. Immer mehr Menschen suchen Hilfe in Deutschland, Hannover wird seinen Teil der weltweiten Flüchtlingsbewegungen aufnehmen. Bis September werden hier voraussichtlich rund 4800 Asylsuchende leben. Dass es Ende 2015 mehr sein werden, scheint gewiss. Damit wird eine Größenordnung erreicht, die die Stadt zuletzt auf dem Höhepunkt des Bürgerkrieges im ehemaligen Jugoslawien bewältigen musste: 1993 lebten zeitweise 5000 Flüchtlinge in der Stadt, allein 1000 Asylbewerber waren in einem Zeltlager in Vahrenwald untergebracht.

Raum für Flüchtlinge wird knapp

So unwürdig ist es derzeit längst nicht. Aber Betreuer in Flüchtlingsheimen warnen davor, dass der Raum knapp wird. Das von der Stadt einst ausgegebene Ziel, wonach jeder Asylbewerber nach längstens einem Jahr aus einer Unterkunft in die eigene Wohnung wechseln kann, ist nicht mehr zu halten. In einigen Heimen lebt mitunter die Hälfte der Bewohner länger als zwölf Monate. Der Ruf nach mehr preiswerten Wohnungen, gebaut von kommunalen Wohnungsgesellschaften (wofür hat man die schließlich, wenn nicht für dringend benötigten preiswerten Wohnraum für Einheimische wie Flüchtlinge?) oder vermietet von privaten Eigentümern, ist deshalb nicht neu. Er wird lauter, weil kaum Hoffnung besteht, dass Kriege und Katastrophen rund um den Globus plötzlich aufhören – und weil viele Flüchtlinge auf Dauer hier bleiben werden.

Hannover bleibt eine Einwanderungsstadt. Auch hier gibt es Ausländerfeindlichkeit und Ressentiments, natürlich. Aber die große Mehrheit der Bürger betrachtet Flüchtlinge nicht als Gefahr für Leib und Leben und das eigene Konto.

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