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Stadt Hannover Warum kommt in Hannover keine richtige WM-Stimmung auf?
Aus der Region Stadt Hannover Warum kommt in Hannover keine richtige WM-Stimmung auf?
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00:17 25.06.2018
Bernd Schönberner hat die Deutschlandfahne in seinem Garten wegen des schlechten Spiels der Nationalmannschaft auf halbmast gesenkt. Quelle: Heidrich
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Hannover

Die Spiele hatten noch nicht begonnen, da zog in Marienwerder Bernd Schönberner aus sportlichen Gründen die Fahne hoch. Von Weitem war in seinem Garten seitdem die Deutschlandflagge zu sehen, schwarz, rot und golden flatterte sie oben am Mast. Im Wohnzimmer seines Bungalow warteten Fanartikel vergangener Jahre darauf, von geladenen Gästen benutzt zu werden, um die Wettkampfstimmung vorm Fernseher zu steigern. Schönberner verwahrt in einer Schublade „ein bisschen Equipment“, darunter zwei Trikots und drei Kappen. Die WM konnte beginnen.

Dann kam Mexiko. Zwei Stunden nach dem Spiel wunderte sich eine Nation, wie im deutschen Team, promotet als „Die Mannschaft“, jeder tat, was er wollte und überhaupt recht wenige im marketingmäßig behaupteten Mannschaftsgeist rennen und spielen mochten. In Marienwerder reagierte Schönberner auf die Schlappe mit einem privaten Akt der Trauer. „Das Spiel war katastrophal. Ich habe danach die Flagge auf halbmast gesetzt.“ Deutschland hängt in seinem Garten nun eine Etage tiefer. Die Stimmung im Haus ist gedämpfter, aber das kann ja wieder besser werden. An diesem Sonnabend nun spielt die sogenannte „Die Mannschaft“ gegen Schweden. Bernd Schönberner ist optimistisch. „Wir gewinnen, weil es schlechter nicht mehr geht“, sagt er. Vor dem Anpfiff will er seinen persönlichen Matchplan in die Tat umsetzen: einfach raus in den Garten, alles geben und das Ding wieder nach oben hissen.

Seit einer Woche läuft die Fußball-Weltmeisterschaft, doch die öffentlich demonstrierte Begeisterung hält sich in Hannover in Grenzen. Fahrer, die Deutschlandfahnen an ihre Wagen montieren, sind seltene Ausnahmen. Ebenso Menschen, die in Deutschland-Shirts Arbeit und Freizeit verbringen. Das war nicht nur 2006, beim so genannten Sommermärchen anders, sondern auch in Turnierjahren danach. Vergangene Woche gab es Bolzplätze, auf denen Kinder kickten, während gleichzeitig das Mexiko-Spiel lief. In einem Sportartikel-Geschäft in der City kostete ein Trikot der schwedischen Nationalmannschaft am Donnerstag fast 90 Euro, das Original-Shirt „Die Mannschaft“ war runtergesetzt, von 90 auf 70 Euro. Es war nichts los in der Abteilung.

Ist es vielleicht so, dass es diesem Land geht wie dieser Mannschaft in ihrem ersten Spiel? Hat man alles schon erlebt, ist 2014 nach langen Jahren der Erwartung endlich Weltmeister geworden und nimmt dieses Turnier in Russland routiniert und ein wenig pflichtschuldig zur Kenntnis, weil man WM guckt, seit man zur Schule ging?

Auch Sportsoziologe Gunter A. Pilz nimmt eine sehr verhaltene Stimmung wahr. Er guckt selbst Spiele der deutschen Mannschaft mit innerer Anspannung, die Reserviertheit des Publikums erklärt er mit Geschichten noch vor Turnierbeginn. „Sie ist eine Antwort auf schlechte Vorbereitungsspiele und auf das Hickhack um die Nationalspieler Özil und Gündogan.“ Beide wurden nach ihrem Besuch beim türkischen Staatspräsidenten Erdogan auf dem Platz ausgepfiffen. Pilz glaubt, dass fehlender Teamgeist und Grüppchenbildung es schwerer machen, sich mit der Nationalmannschaft zu identifizieren. Symbole wie Deutschlandfahnen würden außerdem, anders als beim so genannten Sommermärchen vor zwölf Jahren, oft mit politisch „Rechtsorientierten“ in Verbindung gebracht. Ob deshalb manche nicht wagen, gut gemeinten Patriotismus zu demonstrieren?

Eine Szene im Klubhaus eines hannoverschen Sportvereins, im Hintergrund läuft Argentinien gegen Kroatien. Die Runde ist sich einig, dass für diese WM noch keine echte Begeisterung aufkommen will, jeder stellt das auch für sich selbst fest. Man rätselt über die Gründe, auch über die eigenen. Ist es der Austragungsort Russland mit seinem Autokraten Putin an der Spitze? Der Weltfußballverband, diese zwielichtige Fifa, gilt ebenfalls nicht als Sympathieträger. Gab es einfach zu viel Fußball in letzter Zeit? Oder haben im Gegenteil Medien zuwenig Feuer entfacht? „Früher“, sagt einer, „bin ich überall mit Tippspielen zugeschüttet worden, bei der Arbeit und so“, in diesem Jahr habe das sehr abgenommen.

Gleichzeitig sind Public viewing-Plätze wie die Fährmannswiese voll, die noch junge Erscheinung des „Party-Patriotismus“ (Pilz), der jeden Anlass zum Feiern nimmt, lebt weiter. 26 Millionen Menschen haben das erste Spiel der Deutschen gegen Mexiko vorm Fernsehgerät gesehen. Etliche Gastwirte gehen in diesen Wochen auf Nummer sicher und stellen lieber ungewohnte Bildschirme in ihren Restaurants auf, um Gäste zu ködern, die ausgehen und gleichzeitig deutsche Spiele nicht verpassen wollen. Der Eindruck vor diesem Sonnabend-Spiel gegen Schweden, die angeblich nicht stürmen können, dafür aber ihr Tor zubetonieren wollen: Noch könnte der WM-Spaß ausbrechen, alles ist vorbereitet. Die Vorrunde überstehen, ein Sieg im Achtelfinale, dann, sagt Pilz, „kann sich die Stimmung drehen. Es liegt an der Mannschaft.“ Man liebt eben auf Dauer eher die Erfolgreichen.

Und dann könnte wieder Zeit sein für einen hupenden nächtlichen Autokorso durch die Innenstadt, um einen deutschen Titel zu feiern. Wer damit nichts zu tun haben will und eine Stadt in Ruhe, freut sich auf ein Finale Serbien gegen Panama. Dann könnten Wirte ihre Fernseher wieder einpacken. Falls nicht gerade Kundschaft aus Panama-Stadt eintrifft.

Von Gunnar Menkens

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