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Kenn ich, ist nett, wähl ich

Bürgermeisterwahl in Seelze Kenn ich, ist nett, wähl ich

Bereits vor acht Jahren gingen in Seelze nur 33,4 Prozent der Stimmberechtigten zur Wahl - so wenig, wie in keiner anderen Kommune in der Region. Die Kandidaten der diesjährigen Wahl fürchten nun, dass die Bürger am kommenden Sonntag ebenfalls sehr geringes Interesse haben könnten. In der Stadt ist die Wahl kein großes Thema.

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Seelze bekommt am Sonntag einen neuen Bürgermeister - und die Kandidaten befürchten, dass es nur wenige interessiert.

Quelle: Rainer Surrey

Hannover. Gleich soll es losgehen am gefegten Rathausplatz in Seelze. SPD-Kandidat Alexander Masthoff baut mit Helfern widerspenstige Pappen auf, bis sie sich zu einem Wahlkampfstand fügen. Die fliegende Händler sind schon da, sie verkaufen Kartoffeln, Käse, Blumen und erhitzte Schinkengriller. Wochenmärkte sind verlässliche Konstanten in Wahlkämpfen von Europa bis zur Gemeinde. In Seelze kommt eine weitere dazu, denn wieder scheinen sich eher wenige Menschen für die bevorstehende Abstimmung zu interessieren.

Masthoff will am Sonntag Bürgermeister werden. Er ist ein ruhiger Typ, keiner, der immer einen lockeren Spruch drauf hat. Damit er sich diesem Wahlkampf widmen kann, hat er sich Urlaub genommen von seinem Brotberuf als Finanzverwalter im Landeskirchenamt Hannover. Der Sozialdemokrat sagt, dass er „viel Zuspruch“ erlebe. Bloß an diesem Vormittag hält sich Zuspruch der Laufkundschaft in engen Grenzen. Zwei Frauen unterhalten sich längere Zeit mit Masthoff, der am Ende Flyer mitgibt.

Auffällig oft kommen am SPD-Stand bald Frauen mit Tulpen in der Hand vorbei. Da verschenkt jemand was. Folgt man ihrer Spur zurück bis zur Quelle, trifft man am Rand eines Blumenwagens auf Seelzes Bürgermeister. Detlef Schallhorn verteilt Blumen an weibliche Passanten und zieht manch lockeren Spruch aus dem Hut. Gerade spricht er mit zwei Damen, die Masthoff bekannt vorkommen dürften. Mehr Grün wünschen sie sich in Seelze und weniger Dreck an der Hauptstraße, die allerdings gerade kein bisschen dreckig aussieht. Schallhorn, parteilos, bittet die überraschten Tulpenempfängerinnen nicht einmal, zur Wahl zu gehen. „Klinkenputzen liegt mir nicht“, sagt er, aber im Tulpenwahlkampf sind die Übergänge fließend.

Beide Bewerber sorgen sich um die Wahlbeteiligung am Sonntag. Vor acht Jahren, als Schallhorn ins Amt gewählt worden ist, gingen im ersten Wahlgang nur 33,4 Prozent der Stimmberechtigten zur Wahl, so wenig, wie in keiner anderen Kommune in der Region. „Viel mehr werden es am Sonntag nicht werden“, glaubt Schallhorn. „Wenn überhaupt“, meint auch ein skeptischer Masthoff.

Sie dürften nicht falsch liegen mit ihrer Sorge. Im Tante-Emma-Laden sagt Inhaberin Ute Karin Schubert im Rückblick auf die vergangenen Wochen: „Ich hab noch mit keinem einzigen Kunden über die Wahl gesprochen.“ In einer Rauchpause erzählt, warum das so sein könnte, Frau Schubert glaubt: „Das Amt des Bürgermeisters wird nicht für ernst genommen. Die Leute denken, dass ist bloß der, der Blumen zum 90.Geburtstag bringt.“ Der junge Mann, 18 Jahre alt, kurze Haare, Jackett, Auszubildender in einem kaufmännischen Beruf, der jetzt als Kunde auftaucht, glaubt vielleicht nicht einmal das. Seinen Namen möchte er nicht sagen, nur so viel: Zur Wahl geht er nicht. „Keine Zeit, ich bin mit einem Kumpel verabredet.“ Politik interessiert ihn nicht.

Im Tante-Emma-Laden könnte man den Eindruck bekommen, dass Seelze auf einen weiteren Tiefpunkt in der Wahlbeteiligung zusteuert - wie auch in anderen Kommunen in der Region das Interesse an Abstimmungen über die Jahre kontinuierlich abnimmt. Dabei hat die Stadt am Rand von Hannover auf den ersten Blick gute Bedingungen. Die Kandidaten sind keine eingeflogenen Köpfe, sondern stammen aus dem Ort. Bürgermeister ist ein Parteiloser, was oft vielen Wählern als Wert gilt, die keine Lust mehr auf etablierte Parteien haben. Wer Interesse hat, kann sogar Malermeister Thomas Schroer vom BürgerForum wählen, was als eine Art Protestwahl gelten könnte. Er war mal bei den Republikanern und erreichte Aufmerksamkeit dadurch, dass er im Rat während einer Gedenkminute für Opfer rechtsextremer Gewalttaten sitzen blieb.

Auf den zweiten Blick ist das geringe Interesse der Menschen eine Folge der sozialen Lage in Seelze. In einigen traurigen Statistiken erreicht die Stadt Spitzenplätze unter den Regionskommunen. Über neun Prozent Arbeitslose, fast jeder achte Haushalt ist überschuldet, jedes vierte Kind unter 15 Jahren bekommt Sozialleistungen, das Durchschnittseinkommen ist so gering wie nirgends sonst. Wahlforscher wissen, dass die Beteiligung an Wahlen meist umso geringer ist, je ärmer, ungebildeter und jünger die Bevölkerung ist.

„Seelze ist eine gebeutelte Gemeinde“, sagt Politikwissenschaftler Daniel Gardemin von der Leibniz Universität Hannover. Das Gebeutelte schlage sich auch hier unmittelbar in geringer Wahlbeteiligung nieder. Gardemin, der für die Region Hannover regelmäßig Wahlergebnisse analysiert, hat in Seelze zudem lokale Besonderheiten ausgemacht. Eine Gemeinde mit hohen Schulden, die keinen Spielraum für Wahlversprechen lasse. Bewerber, die kaum polarisieren würden. Und eine Stadt, die in großen Teilen eine „Schlafstadt ist, deren Bewohner sich nach Hannover orientieren“, beruflich oder in der Freizeit. Gardemin hält es für eine Überlegung wert, Wahlen von Bürgermeistern und Gemeinderäten wieder zusammen zu legen, um mehr Leute zu interessieren.

In diesem Umfeld kämpfen die drei Kandidaten. Kandidat Masthoff hat noch bemerkt, dass die Leute eher eine Abneigung gegen Berufspolitiker hätten. Amtsinhaber Detlef Schallhorn stellte während seines Wahlkampfes erstaunliches Unwissen fest. Was da für Plakate hingen, sei er gefragt worden, ob eine Wahl bevorstehe? Seine Erfahrung ist: „Die Wähler entscheiden so: Kenn’ ich den oder nicht. Ist der nett oder nicht.“

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