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Stadt Hannover Lehramtstudenten schlagen Alarm nach „Desaster-Klausur“
Aus der Region Stadt Hannover Lehramtstudenten schlagen Alarm nach „Desaster-Klausur“
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06:15 02.06.2012
Von Juliane Kaune
Schöner Hörsaal, hässliche Klausurergebnisse – die Durchfallquote im Fach Chemie ist erschreckend hoch. Quelle: Rainer Surrey
Hannover

Sie hatten gehofft und gebangt. Doch als sie vor den langen Listen im Flur der Leibniz-Uni standen, wollten Lisa Butenschön und ihre Kommilitonen es nicht glauben: „Nicht bestanden“, stand da, und nochmal „nicht bestanden, nicht bestanden, nicht bestanden ...“. Genau 132-mal. Gemeint war das Ergebnis der Mathematik-Grundlagenklausur für angehende Chemielehrer, Chemiker, Biochemiker sowie einige Ingenieure. Nur viermal stand in der betreffenden Spalte „bestanden“.

Eine Durchfallquote von mehr als 97 Prozent. Dabei war es schon der zweite Anlauf, bei der Erstauflage der Klausur hatten knapp 80 Prozent der Teilnehmer das Ziel verfehlt. Das war für Lisa Butenschön und ihre Kommilitonen Anlass, Alarm zu schlagen.

Nicht nur das Dekanat informierten sie über den schlechten Notenspiegel. Auch das Präsidium der Uni wurde eingeschaltet, und sogar die Wissenschaftsministerin bekam einen Brief. Denn nach Darstellung der Studenten ist die betreffende Klausur, bei der Kandidaten verschiedener Jahrgänge mitgeschrieben haben, nur der vorläufige Höhepunkt einer stetig steigenden Anzahl von Klausuren mit hoher Durchfallquote im Fach Chemie.

Besonders schwer hätten es die Lehramtsanwärter, sagt Lisa Butenschön. Anders als ihre Mitstudenten, die Nachteile befürchten, nennt sie ihren Namen. „Ich will dazu beitragen, dass sich etwas ändert“, erklärt die Studentin, die Berufsschullehrerin werden will und für Chemie in Kombination mit Holztechnik eingeschrieben ist.

Uni nimmt keine Rücksicht auf Pädagogen

Die angehenden Pädagogen beklagen, dass auf ihre besonderen Bedürfnisse bei der Organisation des Chemiestudiums keine Rücksicht genommen werde. „Künftige Chemielehrer haben exakt die gleichen Vorlesungen wie künftige Chemiker, sie müssen bis auf wenige Ausnahmen die gleichen Klausuren schreiben – obwohl sie in ihrem späteren Beruf ganz andere Anforderungen haben“, kritisiert etwa ein Examenskandidat für das Gymnasiallehramt.

Andere Studenten bemängeln, dass Didaktik häufig von Dozenten ohne schulische Erfahrung gelehrt werde. Zudem sei es schwierig, die nötigen Schulpraktika mit den Lehrplänen des stark strukturierten Bachelor- und Masterstudiums unter einen Hut zu bringen. Unterm Strich würden die Lehramtskandidaten als „Mitläufer“ in einem Fachstudium betrachtet, dessen Inhalt und Niveau sich nach den angehenden Naturwissenschaftlern richte.

Viele Chemie-Lehramtsstudenten fühlten sich chronisch überlastet, sagt Lisa Butenschön. „Sie geraten in eine Endlosschleife von erfolglosen Anstrengungen und wachsenden Selbstzweifeln – und immer mehr brechen ihr Studium ab.“ Durch nicht bestandene Klausuren, die nur zu bestimmten Zeiten nachgeschrieben werden können, würden manche in ihrem Studienablauf so weit zurückgeworfen, dass sie Bewerbungsfristen für ein Referendariat nicht einhalten könnten.

Wie viele Lehramtskandidaten in der Matheklausur mit der extrem hohen Durchfallquote mitgeschrieben haben, kann an der Uni keiner sagen. Laut Studiengangskoordinator Andreas Schneider wird das nicht eigens erhoben. Nach einer erneuten Durchsicht der Klausur habe sich gezeigt, dass zwölf statt vier Teilnehmer bestanden haben, sagt er. An dem schlechten Ergebnis lasse sich aber nichts beschönigen: „Wir suchen nach den Ursachen im Gespräch mit dem zuständigen Dozenten.“

Uni-Vizepräsidentin: „Klausur ist ein Desaster“

Uni-Vizepräsidentin Prof. Gabriele Diewald hat sich der Sache inzwischen persönlich angenommen. „Eine Klausur mit einer solchen Durchfallquote ist ein Desaster“, sagt sie. So etwas dürfe sich nicht wiederholen. Gleichwohl gelte Mathe nicht selten als „Stolperstein“ in natur- und ingenieurwissenschaftlichen Studiengängen. Bei vielen Studenten reiche das mathematische Vorwissen nicht aus: „Das ist ein bundesweites Problem.“ Die Leibniz-Uni versuche etwa mit Mathekursen vor Studienbeginn gegenzusteuern. Auf den konkreten Fall bezogen formuliert Diewald umständlicher: Der für die Matheklausuren zuständige Dozent müsse vermutlich noch „effizienter“ auf die Problematik hingewiesen werden.

Zu der grundsätzlichen Kritik der angehenden Chemielehrer sagt Diewald, es sei vom Kultusministerium gewollt, die Lehramtsfächer an den Fachfakultäten zu integrieren. Man habe sie nicht in die „pädagogische Ecke“ abschieben, sondern direkt den jeweiligen Fächern zuordnen wollen.

Um die vielen verschiedenen, für die Lehrerausbildung relevanten Studienfächer samt der pädagogischen Lehrinhalte besser aufeinander abstimmen zu können, habe die Uni das Zentrum für Lehrerbildung eingerichtet. Es versteht sich als Anlaufstelle für Lehrende und Studenten. Durch die Einführung der modularen Bachelor- und Masterstudiengänge sei es schwieriger geworden, die verschiedenen Ansprüche und Interessen zu koordinieren, räumt Diewald ein.

Angaben darüber, wie viele angehende Lehrer ihr Studium an der Leibniz-Uni frühzeitig beenden, kann die Vizepräsidentin nicht machen. Eine Statistik über vermeintliche Abbrecher zu führen sei problematisch, weil nach einer Exmatrikulation schon wegen des Datenschutzes nicht nach dem Grund gefragt werden dürfe.

Auch der Wechsel an eine andere Uni oder des Studienfachs würden statistisch als Exmatrikulation erfasst, erklärt Diewald. In einem zulassungsfreien Fach wie Chemie etwa überbrückten manche auch die Wartezeit auf einen zulassungsbeschränkten Studienplatz. Dennoch hat die Uni zuletzt im Studienjahr 2009/2010 eine stichprobenartige Befragung bei Chemie- und Biochemiestudenten nach dem vierten Semester gemacht. Demnach lag die Abbruchquote bei gut 40 Prozent und ist im Vergleich zu 2005/2006 um etwa 20 Prozent gesunken.

„Die Abbruchquoten sind hoch“, gibt Prof. Gerald Kuhnt zu, der Studiendekan der Naturwissenschaftlichen Fakultät. Er zeigt Verständnis für die Klagen der Lehramtsstudenten und sichert zu, das Problem anzugehen. „Die Universität“, sagt er, „muss ihrem hohen Anspruch stets gerecht werden. Aber sie muss auch die Studierenden vom ersten Semester an in die Lage versetzen, den Ansprüchen zu genügen.“

Ob das bei der Matheklausur funktioniert, bleibt abzuwarten. Die Ergebnisse des zweiten Nachschreibetermins sind noch nicht veröffentlicht.

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Lehrer lernen stufenweise – Daten und Fakten

An der Leibniz-Uni werden Gymnasiallehrer, Berufsschullehrer und Sonderpädagogen ausgebildet. Die angehenden Gymnasiallehrer studieren im sogenannten fächerübergreifenden Bachelor, bei dem zwei Fächer kombiniert werden. Angeboten werden sowohl Natur- als auch Geisteswissenschaften. Nach dem Bachelorstudium, das in der Regel sechs Semester dauert, folgt der viersemestrige Master, dann das Referendariat.

Nicht alle Studenten, die im fächerübergreifenden Bachelor eingeschrieben sind, werden auch Lehrer – durch die modulare Studienstruktur gilt schon der Bachelorabschluss als berufsqualifizierend. Im fächerübergreifenden Bachelor sind aktuell 169 Studenten eingeschrieben, die das Fach Chemie studieren. Dazu kommen 13 Studenten, die Chemie künftig als Berufsschullehrer unterrichten möchten. Demgegenüber stehen 294 Bachelorstudenten, die später als Chemiker arbeiten wollen.

Der Zugang zum Masterstudium für das Lehramt ist begrenzt. Das Kultusministerium hat einen Bachelor-Notenschnitt von 2,5 festgelegt. Die Leibniz-Uni hat ein Verfahren entwickelt, mit dem auch Kandidaten mit einer 3,5 eine Chance auf einen Masterplatz erhalten. In der Regel stehen jedes Jahr 25 Plätze zur Verfügung, auch für das Fach Chemie.

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