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Stadt Hannover Warum stach Abdalla M. zu?
Aus der Region Stadt Hannover Warum stach Abdalla M. zu?
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00:35 29.03.2018
An dieser Straßenecke wurde die 24-Jährige von einem Messerstich lebensgefährlich verletzt. Quelle: Christian Behrens
Burgwedel

 Nur ein dunkler Fleck, kaum größer als die Handfläche eines Erwachsenen, zeugt an der Ecke Dammstraße/Bissendorfer Straße in Burgwedel davon, welches Drama sich dort am Sonnabend zugetragen hat. Eine junge Frau ist gegen 19.30 Uhr von einem ­17-jährigen Syrer mit einem Messer lebensgefährlich verletzt worden. Der mutmaßliche Täter sitzt seitdem in Untersuchungshaft. Am Montagnachmittag halten ab und zu Menschen an der Kreuzung, manche fotografieren den Tatort. Blumen oder Kerzen finden sich dort bislang nicht.

Die Bluttat, die am Sonnabend am nahe gelegenen Edeka-Markt ihren Ursprung gehabt haben soll, ist auch zwei Tage nach dem Vorfall das Gesprächsthema in der Kleinstadt – auch weil Kamerateams und Reporter nach möglichen Augenzeugen suchen. „Ich bin froh, dass ich nicht zu Hause war, als es passiert ist, sonst hätte ich jetzt bestimmt viel zu tun mit der Polizei“, sagt eine Anwohnerin, die von ihrem Küchenfenster einen unverstellten Blick auf den Tatort hat. 

Inzwischen haben die Ermittler etwas mehr Klarheit über die Vorgänge, die zu der Messerattacke führten. Das Wissen basiert bislang allerdings ausschließlich auf den Aussagen vom Lebensgefährten des Opfers. Der mutmaßliche Messerstecher schweigt – offenbar auf Anraten seines Berliner Rechtsanwalts. Fest steht bislang, dass die 24-jährige Vivien K., die als Kassiererin in der Rewe-Filiale am Burgwedeler Rathaus arbeitet, und ihr ein Jahr älterer Freund Dominik am Sonnabend im Edeka-Markt ihre Wochenendeinkäufe erledigt hatten. Nach Angaben des 25-Jährigen gab es am Ausgang des Geschäfts Streit mit zwei 13 und 14 Jahre alten Jungen – offenbar eine Nichtigkeit, mit schlimmen Folgen. 

„Der Lebensgefährte des Opfers hat ausgesagt, die beiden hätten die Jungen zurechtgewiesen, weil diese sich nicht ordentlich benommen hätten“, sagt Oberstaatsanwalt Thomas Klinge. Anschließend habe es einen Wortwechsel gegeben, die beiden Jungen hätten dann den Supermarkt verlassen. Auch Vivien K. und ihr Begleiter machten sich auf den Heimweg. An der Kreuzung Dammstraße/Bissendorfer Straße seien die beiden erneut auf die Jungen getroffen – die allerdings inzwischen Verstärkung geholt hatten. Ein Verwandter der beiden, der ­17-jährige Abdalla M., schaltete sich in die Auseinandersetzung ein. „Die verbale Auseinandersetzung soll zunächst fortgeführt worden sein, anschließend soll es zu einer Schubserei gekommen sein, die aber auch schon wieder beendet gewesen sein soll, als der Messerstich erfolgte“, sagt Thomas Klinge.

Neben dem Fall aus Burgwedel beschäftigen vier weitere  Messerangriffe seit dem Wochenende die Ermittler der Polizeidirektion. Zwei Menschen wurden dabei zum Teil lebensgefährlich verletzt. Am Sonntagabend bedrohten drei Unbekannte in der Calenberger Neustadt einen 18-Jährigen mit einem Messer. Sie forderten Bargeld. Nachdem die Täter ihre Beute erhalten hatten, flüchteten sie zu Fuß. Der 18-Jährige blieb zum Glück unversehrt. In der Nacht zu Sonnabend erlitt ein ebenfalls 18-jähriger Drogenkonsument in der City lebensgefährliche Stichverletzungen. Die beiden mutmaßlichen Täter konnten unerkannt entkommen. In Ahlem wurde in der selben Nacht ein 17-Jähriger von drei Maskierten verprügelt und mit einem Messer am Bein verletzt. Die Täter nahmen ihrem Opfer das Handy ab und flüchteten. Bereits am Freitagabend hatten drei Unbekannte auf dem ehemaligen Conti-Gelände in Limmer zwei 14-Jährige mit einem Messer bedroht und ihnen eine Bluetooth-Lautsprecherbox abgenommen. Die beiden Opfer blieben unversehrt.

Nach Angaben des Oberstaatsanwalts gab es nur einen Stich mit einem herkömmlichen Messer, der Vivien K. allerdings so schwer verletzte, dass sie noch am Sonnabend im Krankenhaus in ein künstliches Koma versetzt werden musste. Sie schwebt weiter in Lebensgefahr.

Der mutmaßliche Messerstecher konnte unmittelbar nach der Attacke festgenommen werden. Auch die Tatwaffe wurde sichergestellt. Sie wird derzeit von Spezialisten untersucht. Am Sonntagnachmittag hatte der Burgwedeler Amtsrichter Michael Siebrecht den 17-Jährigen in Untersuchungshaft geschickt. Dieser gehört nach Informationen der HAZ, zu einer größeren Familie, die unmittelbar in der Nähe des Edeka-Marktes wohnen soll. Offenbar sind deren Mitglieder als Kontingentflüchtlinge aus einem Randbezirk der syrischen Hauptstadt Damaskus nach Deutschland eingereist und leben seit 2013 in Großburgwedel

Bei der Anlaufstelle für Flüchtlinge kennt niemand die Familie

Auffälligkeiten rund um diese Familie seien bei der Stadt nicht bekannt, sagt Bürgermeister Axel Düker. Der Treff des Interkulturellen Zentrums (IKM) an der Von-Alten-Straße, eine Anlaufstelle für Flüchtlinge, hatte keinerlei Kontakte. „Wir kennen niemanden aus dieser Familie“, sagt Sabine Teschner vom IKM-Treff. Die Messerattacke sei „mehr als traurig für die ganze Stadt“. Teschner befürchtet, dass sich das Klima in Großburgwedel verschlechtern wird. Stephan Nikolaus-Bredemeier, ebenfalls IKM-Organisator und SPD-Ratsherr, fordert für den Treffpunkt: Um noch mehr Migranten einzubinden, „müssen wir versuchen, mit Flüchtlingen, die sich engagieren und bemühen, mehr in die Öffentlichkeit zu kommen“.

Während die Gewerkschaft der Polizei für Niedersachsen steigende Zahlen mit Messerattacken vermutet, teilt Hannovers Polizei mit, die Zahl der versuchten und vollendeten Messerangriffe in ihrem Zuständigkeitsbereich sei im vergangenen Jahr von 31 auf 26 zurückgegangen. Die Art der Statistik ist aber umstritten: Es handelt sich um die sogenannte Eingangsstatistik der Behörde – sie ist nur eingeschränkt belastbar. Sollte sich im Verlauf von Ermittlungen herausstellen, dass es sich bei der Tatwaffe nicht wie ursprünglich angenommen um ein Messer, sondern beispielsweise um eine Fleischgabel gehandelt haben, wird das in der derzeitigen Erfassungsmethode der Polizei bislang nicht nachträglich korrigiert. Polizeigewerkschaften fordern deshalb seit geraumer Zeit, dass die Behörden eine belastbare Ausgangsstatistik für Messerangriffe vorlegen sollen.

Macho-Kultur als Auslöser? 

Auch der Kriminologe Christian Pfeiffer beschäftigt sich seit Jahren mit dem Phänomen der Messerangriffe von jungen Männern. Bei mehreren Befragungen von Jugendlichen fand der Forscher heraus, dass eine Macho-Kultur bei 14- bis 30-jährigen Südländern zu der Annahme führt, ein echter Mann dürfe sich nichts gefallen lassen und müsse sich bewaffnen. In seinem jüngsten Projekt zur Flüchtlingskriminalität konnte Pfeiffer nachweisen, dass immer weniger Jugendliche gewalttätig werden. Die Forscher fanden zudem heraus, dass Syrer, Iraker und Afghanen unterdurchschnittlich oft in Niedersachsens Kriminalitätsstatistiken auftauchten, junge Männer aus nordafrikanischen Staaten dagegen überdurchschnittlich häufig. 

Burgwedel gibt sich Mühe bei der Integration

Integration, wie sie die Burgwedeler Stadtverwaltung versteht, ist nicht von der Stange. Die Kommune setzt auf dezentrale Unterbringung: Größere Sammelunterkünfte sind die Ausnahme, die meisten Geflüchteten leben in angemieteten Wohnungen in allen Ortsteilen oder in einem von zwei Neubauten für sechs beziehungsweise zwei Parteien, die als Folgenutzung einkommensschwachen Mietern zur Verfügung stehen sollen.

„Die Geflüchteten sollen Teil der Bürgergesellschaft werden, es soll sich keine Parallelgesellschaft entwickeln“, so hatte es Otto Krull, einer von insgesamt fünf Flüchtlingssozialarbeitern, im vergangenen Frühjahr vor Kommunalpolikern beschrieben. Intensiv unterstützt wird deshalb das Helfernetzwerk mit seinen rund 90 Ehrenamtlichen, für das es auf Krulls Einladung neben dem Runden Tisch Integration mittlerweile monatliche Austauschtreffen gibt. Eine Fahrradwerkstatt steht im Jugendzentrum wöchentlich offen, die Kleiderstube „Kleiderei“ wird von Ehrenamtlichen betrieben. Dutzende Geflüchtete erwerben zurzeit „Wohn-Zertifikate“. Die von der Stadtverwaltung initiierten Kursen sollen mögliche Spannungen mit Vermietern vermeiden helfen. Zudem unterstützt die Kommune seit vergangenem Herbst den Interkulturellen Treff in der Innenstadt finanziell.

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