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Stadt Hannover Immer wieder Mühlenberg
Aus der Region Stadt Hannover Immer wieder Mühlenberg
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00:23 13.12.2014
Schwieriges Zusammenleben: In den Blocks wohnen Mitglieder diverser Nationen. Quelle: Alexander Körner
Hannover

Die vier Kinder, die sich in dem Kiosk direkt unter dem Büro der Jugendhilfe drängen, wollen so gar nicht dem Bild entsprechen, das man anderswo von ihrem Viertel hat. Artig reihen sich die Fünf- bis Siebenjährigen zwischen Kühltruhe und Kasse auf und fragen, wer als nächstes an der Reihe ist. Erst dann stürzen sich die Kleinen auf das Süßigkeitenregal, um sich nach den Preisen von Lollis, Brause und Bonbons zu erkundigen. „Ganz gleich, was die Leute sagen: Hier in Mühlenberg ist es nicht schlechter als in anderen Stadtteilen“, sagt Kioskbesitzer Jazdan Zavo. Er sagt es mit dem Trotz derer, die all die Schauergeschichten nicht mehr hören können.

Viele, die nicht in einem der zehnstöckigen Wohnhäuser rund um den Canarisweg zwischen den Bundesstraßen 217 und 65 wohnen, würden Zavo nicht glauben. Hat es nicht in dieser Woche wieder den Beweis gegeben, dass der Mühlenberg ein Ort der Gewalt ist? Die brutale Schlägerei bei dem C-Jugendspiel des Mühlenberger SV schadet dem Image des Stadtteils sehr. Und das zu einer Zeit, in der sich viele Menschen viel Mühe mit dem Viertel geben.

Einige dieser Menschen sitzen in der Geschäftsstelle des Mühlenberger Sportvereins im Ossietzkyring. Die ist eigentlich mittwochs nur bis mittags besetzt. Doch in dieser Woche hat sich beim MSV nicht nur das verändert. Peter Hurtzig, stellvertretender Vorsitzender des Vereins, sitzt auch am Nachmittag noch in seinem Büro. Befasst ist er nahezu ausschließlich mit einem Thema: Dem Angriff auf einen Schiedsrichter während des Auswärtsspiels der C-Jugend-Mannschaft des MSV bei Arminia Hannover am Wochenende. Bei allem, was man so gewohnt war von Amateurplätzen – dieser Übergriff stellte es in den Schatten. Spieler und Zuschauer schlugen und traten einen Schiedsrichter krankenhausreif, offenbar ganz bewusst.

Ein 16-Jähriger, der nicht Mitglied des Vereins ist und der als Betreuer die 13- bis 14-jährigen C-Junioren begleitete, gilt als Haupttäter, gegen ihn wird wegen gefährlicher Körperverletzung ermittelt. Doch auch Spieler des MSV sollen an der Tat beteiligt gewesen sein. „Wir bedauern das unsägliche Verhalten unserer Mannschaft auf das Äußerste“, hatten Hurtzig und sein Vorstandskollege Harald Ehrlich in einer Mitteilung geschrieben. Es ist nicht das erste Mal, dass die C-Jugend die Vereinsführung des MSV beschäftigt. Die Mannschaft gilt als das Sorgenkind des Klubs. „Von unseren fünf Jugendmannschaften gibt es nur mit einer immer wieder Probleme, und das ist unsere C-Jugend“, sagt Hurtzig.

Etwa die Hälfte der Spieler des Teams lebt mit ihren Angehörigen in der Hochhaussiedlung im Canarisweg. Die Jugendlichen haben zwar in aller Regel einen deutschen Pass, stammen aber aus Migrantenfamilien. „Die Eltern sind nicht in die Vereinsstrukturen eingebunden, sie kennen das Vereinsleben, das bei uns praktiziert wird, nicht und sprechen zum Teil kaum Deutsch“, sagt Hurtzig. Auf diese Weise fehle es oft an ganz praktischen Dingen, die in anderen Fußballklubs besser funktionierten. Der MSV ist beispielsweise keiner dieser Vereine, in denen die Eltern ihre Kinder am Wochenende zu den Auswärtsspielen fahren. Stattdessen reist der Trainer mit der ganzen Mannschaft per Stadtbahn an.

Wie genau am vergangenen Wochenende alles begann, muss noch geklärt werden. So viel scheint klar zu sein: Der 16-jährige Hauptverdächtige, den einige der Spieler kannten und der regelmäßig beim Training der C-Jugend zugesehen hatte, bot sich an, die Mannschaft beim Auswärtsspiel zu unterstützen. „Es konnte ja niemand ahnen, dass die Situation so aus dem Ruder laufen würde“, sagt Hurtzig.

Für Petra Bleichwehl von der Nachbarschaftsarbeit Canarisweg (NBA) ist der Vorfall vom Wochenende „ein Schlag in die Magengrube“. Mit einer Kollegin und acht Ein-Euro-Jobbern versucht sie regelmäßig, die Jugendlichen aus dem Viertel an Sportvereine zu vermitteln. Ihrer Auffassung nach können sie dort das friedliche Lösen von Konflikten gut lernen. „Nach diesem Vorfall ist es für uns noch schwerer, gegen das Stigma, mit dem das Viertel belegt ist, anzukommen“, sagt sie. Bleichwehl und ihre Kollegen versuchen von ihrem kleinen Büro im Canarisweg aus, vor allem die „Lücke-Lücke-Kinder“ von der Straße zu kriegen. „Das sind die zwischen Sechs- und Zwölfjährigen, für die es keine Betreuungsangebote gibt“, sagt die Sozialpädagogin. Für sie hat die NBA unter anderem ein Internetcafe eingerichtet, in dem sie unter Aufsicht im Netz surfen, und einen Garten angelegt, wo die Kinder Blumen pflanzen und Beete bestellen können. „So kommen sie nicht auf dumme Gedanken, wenn sie während der Arbeitszeit ihrer Eltern allein sind“, sagt Bleichwehl. Beim Mühlenberger SV hat man sich vorgenommen, in Zukunft noch enger als bisher mit dem Verbund Sozialtherapeutischer Einrichtungen (VSE) zusammen zu arbeiten, der im Mühlenberg eine Außenstelle betreibt und der sich um die Belange der Kinder der Siedlung kümmert.

Vom Stadtsportbund können die jugendlichen Kicker vom Mühlenberg derzeit keine Rückendeckung erwarten. Dass Eltern ihre Kinder nicht zu den Auswärtsspielen bringen, gebe es auch bei vielen anderen Vereinen, sagt dessen Geschäftsführer Roland Krumlin. „Generell leisten Vereine zwar soziale Arbeit, aber keine Sozialarbeit, das ist der kleine, aber feine Unterschied.“ Für Hilfe bei der Sozialarbeit sei in erster Linie die Stadt verantwortlich. „Sollte jemand vom Mühlenberger SV auf uns zukommen, würde sich der Stadtsportbund mit dem Problem befassen – das ist bislang aber noch nicht passiert“, sagt Krumlin.

Der brutale Übergriff auf den Schiedsrichter beschäftigt auch die Mitglieder des Nachbarvereins vom TuS Wettbergen. Dort hat der 16-jährige, mutmaßliche Haupttäter bis heute einen Spielerpass. Frank Rosenbrock ist Jugendleiter beim TuS Wettbergen. Er kennt den jungen Mann, der jetzt eigentlich in der B-Jugend-Mannschaft spielen müsste. „Er ist hier aber schon lange nicht mehr aufgetaucht, ist so etwas wie eine Kartei-­leiche“, sagt Rosenbrock. Über die Gründe für seine plötzliche Abkehr vom Verein mag der Jugendleiter ebenso wenig spekulieren wie über den Ausraster des 16-Jährigen am Wochenende. Nun wird wohl kommen, was kommen muss: „Ich könnte mir schon vorstellen, dass wir ihn jetzt aus dem Verein werfen werden“, sagt Rosenbrock.

Der Vorfall bei den C-Junioren geht Bezirksbürgermeister Andreas Markurth (SPD) auch persönlich nahe. „Mein Sohn ist 15, spielt Fußball und ist auch als Schiedsrichter aktiv“, sagt er. Ihn beschäftigt insbesondere die Frage, woher das hohe Maß an Aggression bei den Beteiligten herrührt. „Ich werde so schnell es geht das Gespräch mit dem Verein suchen und meine Hilfe anbieten“, sagt er.

Beim MSV sind die Verantwortlichen zunächst einmal froh, dass wegen der Winterpause demnächst kein Spiel ansteht. „Wir werden die Unterbrechung nutzen, um eine neue C-Jugend-Mannschaft zusammenzustellen“, sagt Vereins­vize Hurtzig. Sie lassen nicht locker.

„Trainer sollen Sozialarbeiter sein – eine gigantische Aufgabe“

Herr Olm, Sie arbeiten mit dem Projekt Sport als Chance der Per-Mertesacker-Stiftung seit fünf Jahren in Garbsen. Kann man die Situation dort mit der in Mühlenberg vergleichen?
Wenn man auf die Zusammensetzung der Bevölkerung schaut, hat der Garbsener Stadtteil Auf der Horst, in dem wir arbeiten, vielleicht sogar noch eine viel schärfere Problematik. An der Grundschule Saturnring, an der unser Projekt entstanden ist, haben wir beispielsweise einen Migrantenanteil von etwa 96 Prozent. Da haben wir einen ganzen Schwung von Sprachanfängern dabei und jetzt auch viele Kriegsflüchtlinge. Der Stadtteil ist in jüngerer Zeit sehr stark in den Schlagzeilen gewesen – auch wenn das durch viele soziale Projekte der Stadt und sicherlich durch Polizeipräsenz etwas besser geworden ist. Man kann aber mit Sicherheit davon sprechen, dass es ein Brennpunkt ist.

Spielt der Sport in solch einem Brennpunkt eine Schlüsselrolle, um an die Jugendlichen heranzukommen?
Grundsätzlich verbinden Jugendliche sehr viel Positives mit dem Sport. Daher findet man speziell beim Fußball dort eher eine Schnittmenge als bei anderen Hobbys. Fußball ist also schon eine gute Möglichkeit, aber man ist nicht gleich ein besserer Mensch, wenn man Fußball spielt. Es geht darum, was jeder einzelne daraus macht. Und man muss vorsichtig sein, was man den Vereinen aufbürdet. Die Trainer sollen ja praktisch eine Rundumbetreuung als Pädagogen, als Sozialarbeiter und als Fußballtrainer leisten – das ist eine gigantische Aufgabe.

Wie ist denn das Projekt in Garbsen entstanden?
Aus dem Stiftungsrat heraus ist die Idee entwickelt worden, dass wir nicht nur auf Antrag tätig werden, sondern selbst Projekte entwickeln. In Rücksprache mit den Klassenlehrern wurden Kinder in der zweiten Klasse ausgewählt, die bestimmte Auffälligkeiten im sozialen, schulischen oder sprachlichen Bereich hatten. Grundvoraussetzung war, dass die Kinder nicht in einem Verein waren, weil wir niemanden aus seinem sozialen Umfeld herausreißen wollen. Wir wollen ihnen ja ganz im Gegenteil ein neues Umfeld bieten.

Haben Sie – gerade angesichts dieser Zusammensetzung – auch negative Erfahrungen und Probleme mit Gewalttätigkeit gehabt?
Mit Gewalt auf dem Platz weniger. Aber gruppenintern gab es selbst zu Grundschulzeiten schon Vorfälle, bei denen massiv gemobbt wurde und es auch zu Handgreiflichkeiten kam. Dabei sind bewusst Kinder ausgewählt worden, die sich nicht wehren konnten. Das war schon eine schwierige Situation. Aber Kinder sind halt Kinder, und wenn sie in eine Gruppe hineinkommen, dann suchen sie sich Schwächere. Das wird man nie ganz ausschalten können. Aber wenn es passiert, dann müssen alle an einem Strang ziehen: die Eltern, wir als Trainer, die Lehrer. Wenn das alle gemeinsam angehen, dann bekommt man es auch in den Griff. Und man muss natürlich bei Fehlverhalten auch immer aufzeigen, dass es Konsequenzen gibt. Das gehört auch dazu.

Welche Rolle spielt Per Mertesacker als Nationalspieler und inzwischen sogar Weltmeister, der ja nicht nur seinen Namen für die Stiftung gibt?
Es ist unglaublich wichtig, wenn man eine solche Gallionsfigur hat, zu der die Kinder aufschauen können. Zumal ja natürlich vor allem die Eltern genau wissen, wer das ist. Das macht vieles einfacher. Und was bei Per im Positiven dazukommt, ist die Tatsache, dass er sich tatsächlich Zeit nimmt. Er kommt – wenn es irgendwie geht – vorbei, geht in die Schule und macht etwas mit den Kindern. Vorletzten Sommer hat er im strömenden Regen zwei Stunden lang mit ihnen Fußball gespielt. So etwas bleibt natürlich hängen. In ihren Etuis haben ganz viele Kinder eingeschweißt ein Foto von ihnen und Per, das dabei gemacht wurde.

Wäre es denn denkbar, dass die Mertesacker-Stiftung oder ähnliche Projekte in Mühlenberg aktiv werden? Und wäre das aus Ihrer Sicht sinnvoll?
Klar ist, dass wir derzeit nicht unendlich viele Kinder erreichen. Es ist nur ein kleiner Kreis innerhalb eines Jahrganges, den wir aufnehmen können. Aber die Zielsetzung der Stiftung ist es, das Programm auszuweiten und auch in anderen Bereichen von Hannover tätig zu werden. Und 
Mühlenberg ist – 
unabhängig vom Vorfall am vergangenen Sonnabend – grundsätzlich ein Standort, an dem wir tätig werden könnten. Zumal es auch gute Kontakte zu einer Grundschule dort gibt und dort auch eine Lage vorherrscht, in der die Beteiligten sicherlich froh wären, wenn es Unterstützung gäbe. Von daher ist das nicht abwegig.

Von Björn Franz

Von Tobias Morchner und Jörn Kießler

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