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Stadt Hannover Sind Blutfette nicht an Arteriosklerose schuld?
Aus der Region Stadt Hannover Sind Blutfette nicht an Arteriosklerose schuld?
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00:16 20.01.2017
Von Bärbel Hilbig
Neue Erkenntnisse zur Arteriosklerose: Axel Haverich, Professor an der MHH. Quelle: dpa/Archiv
Hannover

Menschen mit Lungenentzündung haben ein dreimal höheres Risiko als andere, in den folgenden drei Monaten einen Herzinfarkt zu erleiden.

„Wir wissen auch, dass bei Grippewellen die Anzahl von Herzinfarkten und Schlaganfällen massiv zunimmt“, berichtet Haverich, Direktor der Klinik für Herz-, Thorax-, Transplantations- und Gefäßchirurgie der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). So riet bereits vor zehn Jahren der frühere Direktor der MHH-Klinik für Kardiologie und Angiologie, Helmut Drexler, die beste Prävention gegen den Herzinfarkt sei die Grippeschutzimpfung. Und in China richten Städte sich bei der Einsatzplanung ihrer Notfallteams nach den aktuellen Feinstaubwerten – da die Stäube Entzündungen provozieren, die zu Infarkten führen.

Warum das so ist, konnten Forscher bislang jedoch nicht schlüssig erklären. Bisher ging die vorherrschende Meinung weiter davon aus, dass Fette aus dem Blut sich an der Innenwand der Arterien ablagern. Bei der Gegenreaktion des Immunsystems entsteht vernarbtes Gewebe (Plaque), das zur Verhärtung und Verengung des Blutgefäßes bis hin zum Verschluss führen kann. Herzchirurg Haverich hat über viele Jahre am OP-Tisch jedoch andere Beobachtungen gemacht, die dazu nicht passen.

„Ich sehe jeden Tag Gefäße. So konnte ich Zusammenhänge leichter klären“, sagt der 63-Jährige. Denn viele Arterien im Körper setzen gar keine Ablagerungen an ihren Innenwänden an. Wenn Blutgefäße von Muskeln umgeben sind, verändern sie sich nicht. Das verstärkte bei Haverich Zweifel an der gängigen Theorie der Ablagerung an der Gefäßinnenwand.

Betroffen von Arteriosklerose sind nach Haverichs Beobachtung Blutgefäße, die selbst zu ihrer eigenen Versorgung an ihrer Außenwand eigene, winzig kleine Blutgefäße haben. Diese Minigefäße, in der Fachsprache Vasa vasorum, liefern Sauerstoff und Nährstoffe an. Da sie sehr fein sind, können Viren, Bakterien oder auch Feinstaub in ihnen viel leichter Entzündungen hervorrufen. Verschließt sich das kleine Versorgungsgefäß, stirbt ein Teil der Arterienwand ab. Toter Zellmüll führt zur Verdickung der Arterie.

Entwarnung für Fettleibige bringt die neue Theorie allerdings nicht: Auch Bauchfett ruft Entzündungen hervor, die zur Verstopfung der kleinen Gefäße führen. „Wir wissen jetzt aber, warum Entzündungen Arteriosklerose auslösen“, betont Haverich. Für Vorbeugung und Therapie von Herz-Kreislauf-Erkrankungen ergeben sich dadurch weitreichende Konsequenzen. Immerhin führt diese Krankheitsgruppe zu 39 Prozent der Tode in Deutschland.

Cholesterinsenkende Medikamente seien weiter für Kranke sinnvoll, die an einer Fettstoffwechselstörung leiden, sagt Haverich. Das sind allerdings nur rund 5 Prozent der Infarktpatienten. „Bei vielen anderen sollte man die Therapie wirklich überdenken“, urteilt der Forscher, der vergangenes Jahr von der britischen Königin einen Innovationspreis erhielt und dabei die Ehre hatte, mit der Queen zu plaudern.

Bei seiner Entdeckung lieferten die Befunde vieler Forschergruppen in aller Welt dem Mediziner Indizien. Viren und Bakterien, die an anderer Stelle im Körper Infektionen verursachen, finden sich regelmäßig in den Ablagerungen an verstopften Blutgefäßen. So legten Wissenschaftler Beweise vor, dass sich Erreger von Lungenentzündung im Herzen wiederfinden. Auch die Verursacher von chronischer Blasenentzündung bei Frauen wandern im Körper in den Oberschenkel, Paradonthosekeime aus dem Zahnfleisch geraten übers Blut in die Halsschlagader. „In den Plaques, dem vernarbten Gewebe von Arterien, wurde die DNA von über 36 verschiedenen Keimen gefunden“, berichtet Haverich.

Selbst in alten Forschungsberichten aus der Zeit um 1920 fand Haverich Belege. Es brauchte nur jemanden, der die Fäden zusammenknüpft.

Vorbeugung? Weiter Sport treiben und Obst essen

Für die Vorbeugung vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen ändert sich durch die neue Theorie zu ihrer Entstehung einiges. Herzspezialist Axel Haverich rät dringend dazu, akute und chronische Entzündungen im Körper systematisch zu behandeln.

„Einige Cholesterinsenker bringen wahrscheinlich deshalb Resultate, weil sie gleichzeitig entzündungshemmende Wirkung haben“, sagt Haverich. Sinnvoller wäre es aber, Entzündungshemmer selbst weiterzuentwickeln.

Er empfiehlt, regelmäßig Grippeschutzimpfungen wahrzunehmen sowie akute und chronische Entzündungen wie Bronchitis behandeln zu lassen – oder Infektionen soweit möglich durch Vorbeugung zu vermeiden. „Eine Lungenentzündung muss systematisch mit Antibiotika bekämpft werden.“ Eine Forschergruppe in den USA hatte vergangenes Jahr noch den Zusammenhang zwischen chronischer Zahnfleischentzündung und Infarkten bestritten, obwohl beides gehäuft gemeinsam auftritt. Herzspezialist Haverich rät dazu, auch Infektionen im Mund anzugehen statt sie auf die leichte Schulter zu nehmen.

Der Arzt und Forscher setzt selbst viel auf Sport und Bewegung zur Vorbeugung. „Damit wird die Mikrozirkulation trainiert. Sport hält auch die kleinen Blutgefäße am Laufen, das wirkt gegen Entzündungen.“ Der Direktor der MHH-Herzklinik treibt selbst gut fünf Stunden Sport pro Woche. „Ich fahre auch im Winter jeden Tag mit dem Rad in die Klinik.“ Haverich läuft mit seiner Frau, geht mit seiner Familie schwimmen und trifft sich regelmäßig mit seiner früheren Altherren-Handballer-Truppe zum gemeinsamen Fitness- und Ausdauertraining.

Joggen bei Minusgraden im Winter? Auch das empfiehlt der Arzt. „Wir sind gebaut für diese Welt und dieses Klima.“ Außerdem: Gesunde Nahrung wie Obst und Gemüse wirkt als Schutz vor Entzündungen.
Wenn dennoch eine Arterienverengung eintritt, bleiben bisher die üblichen Therapien wie das Weiten der Engstellen mittels Ballonkatheter oder die Einlage von Stents durch Kardiologen sowie die Anlage eines Bypasses durch Herzchirurgen.

Im Exzellenzcluster Rebirth (Von Regenerativer Biologie zu Rekonstruktiver Therapie), das Haverich leitet, arbeiten die Forscher aber daran, Arteriosklerose eines Tages zu therapieren. „Wir testen verschiedene Ansätze, um die Zell­erneuerung der kleinen Gefäße zu stimulieren“, beschreibt der Forscher. Bis dahin ist der Weg noch weit. Bisher geht es um Zellkulturen in der Petrischale.

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Nachgefragt bei Sveja Eberhard, Leiterin 
Versorgungsforschung bei der AOK Niedersachsen

„Vorsorge ist immer gut“

 Frau Eberhard, nach erster Lektüre dessen, was Prof. Haverich Dienstag veröffentlicht hat: Was bedeuten die neuen Erkenntnisse für das Gesundheitssystem?

Zunächst ist es immer wichtig für die medizinische Forschung, dass wir die Mechanismen der Krankheitsentstehung entschlüsseln können. Nur auf der Grundlage lassen sich neue und effektive Therapien entwickeln. Insofern scheint der Ansatz der MHH-Mediziner ein interessantes Gebiet zu eröffnen.

Mit vermuteten Ursachen von Arterienverstopfungen hat die Pharmabranche in den vergangenen Jahren ja hohe Summen verdient, Stichwort Cholesterinblocker. Kann man beziffern, was sich ändern würde, wenn die Theorie sich als richtig herausstellt?

Richtig ist, dass Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu den häufigsten Krankheiten der Moderne zählen. Aus ihnen resultieren Herzinfarkte, Schlaganfälle oder die periphere arterielle Verschlusskrankheit. Wenn Sie aber auf die Frage abheben, ob weiterhin Statine und andere Cholesterinsenker verschrieben werden: Diese haben eine unabhängige Zulassung durchlaufen und damit ihre Wirksamkeit belegt. Sicherlich werden sie weiterhin verschrieben. Möglicherweise könnte man irgendwann zu dem Schluss kommen, dass für bestimmte Personengruppen andere Therapien sinnvoller sind – aber dafür ist es noch zu früh.

Prof. Haverich betont ja besonders die Aspekte der Vorsorge ...

Mehr Bewegung, weniger Ungesundes essen, Infektionen effektiv bekämpfen: Prävention ist gut und richtig. Interessant scheint mir aber auch der Hinweis auf die Gefahr von Feinstäuben. Das Thema beschäftigt uns ja in Zusammenhang mit der Verkehrsproblematik – und wird häufig unterschätzt.

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