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Stadt Hannover Nach fünf Jahren unter der Brücke endlich eine Wohnung in Sicht
Aus der Region Stadt Hannover Nach fünf Jahren unter der Brücke endlich eine Wohnung in Sicht
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00:21 01.11.2018
Das Leben unter Stahlträgern könnte bald ein Ende haben. Quelle: Gunnar Menkens
Hannover

Unter der Brücke am Fluss, seit fünf Jahren Lebensort von Erika und Julius R. aus der Slowakei, fehlen schon ein paar Möbel. Ein altes Sofa mit kaputten Polstern ist weggeschafft, wie auch alte Küchenstühle. Ein Notbehelf bleibt ihr Unterschlupf noch immer. Wäsche hängt zum Trocknen an einer Leine am Ufer und sie müssen hoffen, dass es nicht regnen wird. Decken und Schlafsäcke liegen in Campingzelten, sie halten vielleicht die schlimmste Kälte fern. Von den umliegenden Bäumen fallen Blätter, und es wird nicht mehr lange dauern, dann können Spaziergänger beobachten, dass unter dieser Betonwölbung in Hannover Menschen leben, wo Menschen nicht leben sollten. Obdachlos, unter einer Straße im Zentrum der Stadt.

Doch jetzt könnte es sein, dass dem jungen Ehepaar im richtigen Moment, kurz vor dem Winter, das Glück zur Seite springt. Eine Wohnung ist in Aussicht. Tanja Brettschneider hatte in der HAZ über das unwürdige Leben unter der Brücke gelesen. Ohne Wasser, mit winzigem Gaskocher, klammer Feuchtigkeit und der Hündin Linda, die in einer Kiste lebt. Brettschneider ist Strafverteidigerin und in ihrem Job mit viel Elend konfrontiert, Obdachlose und Drogensüchtige zählen zu ihren Mandanten. Doch die Geschichte der beiden 26 Jahre alten Slowaken wirkte nach. „Ich hatte Mitleid. Man nimmt so vieles hin, aber dieses Mal wollte ich helfen.“

Anwältin wirbt um Unterstützung

In ihrer Kanzlei trafen sich Tanja Brettschneider und Christian Wilke, ein befreundeter Berufspädagoge, mit dem Ehepaar. Erika und Julius R. erzählten vom Alltag ohne Wohnung. Von Mäusen, die zwischen Zelten huschen, von Infekten als Folge von Kälte und Feuchtigkeit und vom Hochwasser, das dieses provisorische Leben am Ufer bedroht. „Sehr freundlich und sehr dankbar“ erschien Brettschneider und Wilke ihr Besuch.

Im Freundeskreis sammelte die Anwältin erste Hilfe ein. Wintermantel, warme Jacken, Hemden, Gaskocher, Wasser. Der Hund bekam eine Decke und frische Würste. Nur eine freie Wohnung fand sich nicht. Dann konnte Christian Wilke helfen. Als Freiberufler betreut er mit seiner Firma „Leben&Wohnen“ Menschen, die etwa wegen Drogensucht oder einer Behinderung Hilfe im Alltag brauchen. Kontakte zu Eigentümern gehören zum Job. Nach einem Anruf bei einer Immobiliengesellschaft stellte sich heraus: Es gibt eine freie Wohnung. Zwei Zimmer, um die 60 Quadratmeter. Allerdings nicht in Hannover, sondern in Delligsen im Landkreis Holzminden.

Ehepaar sagt sofort zu

Für Erika und Julius R. ist der Ort nicht wichtig. Weg von der Brücke, darum geht es. Sie haben sich die Wohnung nicht einmal angesehen, sondern sofort zugesagt. Erika R. arbeitet als Reinigungskraft für eine Dienstleistungsgesellschaft und bekommt in guten Monaten so viel Lohn, dass das Job-Center keine Unterstützung zahlt. Den weiten Weg zur Arbeit, von Delligsen nach Hannover, will sie in Zukunft bewältigen. Wilke glaubt, dass in der neuen Umgebung ähnliche Jobs zu finden sein müssten. Und dann ist da noch die Aussicht, die vier Jahre alte Tochter zu sich holen zu können. Mit einer eigenen Wohnung wäre das möglich, noch lebt das Kind bei den Großeltern in der Slowakei.

Als Christian Wilke vom Leben der Familie erfuhr, war er überrascht. „Ich war total verwundert, dass so nette Leute und eine Frau, die in Lohn und Brot steht, jahrelang keine Wohnung bekommen.“ Irgendjemand, meint er, hätte doch helfen können, Kollegen oder der Arbeitgeber. Aber auch die Stadt Hannover hatte keine Sozialwohnung für die EU-Bürger im Angebot, zu groß sei der Andrang auf zu wenig Bestand. Versuchte es das Ehepaar selbst, hatte es keine Chance gegen Konkurrenten. Erika und Julius R. haben erlebt, wie aussichtslos diese Kombination ist: obdachlos, Ausländer, ohne Adresse, mit Hund. So konnte passieren, dass eine Frau, die Hotelzimmer und Toiletten putzt, nachts in einen Schlafsack kriechen muss.

Umzug schon im November möglich

Läuft alles nach Plan, kann das Paar im November umziehen und den Verschlag unter der Brücke verlassen. Ohne Bürokratie geht das nicht. Das Job-Center Region Hannover muss entscheiden, ob ein Umzug notwendig ist. Offenbar könnte das funktionieren. „Bei Obdachlosigkeit“, sagte ein Sprecher, „ist dies in der Regel erforderlich.“

Geprüft wird auch, ob die Behörde Umzugskosten übernimmt, wofür wiederum geprüft wird, ob die Wohnung in Delligsen angemessen ist. Dafür ist das Angebot des Vermieters nötig. Für zwei Personen sind im zuständigen Bezirk Alfeld 60 Quadratmeter vorgesehen, wofür das Job-Center um die 370 Euro Kaltmiete zahlt. Dazu kommen eventuell Mietsicherheit und Erstausstattung für vier Wände und ein Dach darüber.

Erika und Julius R. haben für den Sozialstaat jahrelang sehr günstig gelebt. Wer unter Brücken lebt und keine Miete zahlt, bekommt für Miete eben keinen Zuschuss.

Von Gunnar Menkens

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