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Stadt Hannover Mehr als nur Knöllchen – Was Politessen alles aushalten müssen
Aus der Region Stadt Hannover Mehr als nur Knöllchen – Was Politessen alles aushalten müssen
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00:15 30.10.2018
Jutta Gabriel (rechts) mit Kollegin Katharina Brinkmann. In Wirklichkeit heißen die Politessen anders und auf der Straße nennen sie sich „Puschel“ und „Hase“. Quelle: Clemens Heidrich
Hannover

Tatort Schmiedestraße - Altstadt-Parkhaus, absolutes Halteverbot: Jutta Gabriel* zögert nicht lange. Schnellen Schrittes geht sie in Richtung eines grauen Mercedes’. „Ich mach mal eben das Auto hier“, ruft sie ihrer Kollegin zu. Hinter dem Frontscheibenwischer des Wagens klebt bereits ein durchnässter Strafzettel. Für Gabriel macht das keinen Unterschied. „Ein Knöllchen schützt nicht vor einem neuen Knöllchen“, sagt sie. Beim ersten Mal sind es 15 Euro, nach einer Stunde im Halteverbot schon 25. Zusätzlich ist der TÜV an dem Auto abgelaufen. Es folgt eine Mitteilung an die Dienststelle –wieder 15 Euro. „In der Schmiedestraße lacht das Politessen-Herz“, sagt sie mit schiefem Lächeln. Es wird sofort klar, dass dies nicht die größte Freude in ihrem Beruf ist.

Jutta Gabriel ist Verkehrsaußendienstmitarbeiterin der Stadt Hannover, aber sie nennt ihren Job so, wie es die meisten Menschen tun: Politesse. Ein Beruf, der gemeinhin nicht zu den beliebtesten zählt. Weil niemand gerne Strafzettel kassiert oder gar seinen Wagen abgeschleppt bekommt, gerade, wenn er doch wirklich nur mal eben ganz kurz sein Auto hier abgestellt hat. Müssen Politessen, die keine Polizistinnen sind, sondern Mitarbeiterinnen des Ordnungsamtes der Stadt Hannover, sich den ganzen Tag gegen Anfeindungen wehren? Jutta Gabriel und ihre Kollegin Katharina Brinkmann winken ab: Im Gegenteil. Es sindgerade die häufigen Kontakte zu Menschen und die Streifengänge zu Fuß, die sie an ihrem Job lieben.

„Vor allem in den Wintermonaten, wenn es langsam dunkel wird und alles weihnachtlich dekoriert leuchtet, bin ich am liebsten unterwegs“, sagt die Wahl-Hannoveranerin Gabriel. Seit sechs Jahren arbeitet sie als Politesse und kann sich mittlerweile nichts Anderes mehr vorstellen. Auf ihrem Weg plaudert sie mit dem Paketdienst-Fahrer, grüßt den Friseur und gibt bereitwillig Auskunft, wenn Menschen sich nach dem Weg erkundigen oder ob sie denn in der Baustelle parken dürfen. Zwischenzeitlich, so sagt sie, komme es ihr vor, als habe sie ein „Informations-I“ auf der Stirn.

Spitznamen statt Klarnamen

Dass der Alltag der Außendienstmitarbeiterinnen aber nicht immer angenehm ist zeigt sich an diesem Abend an einem eher putzigen Detail: „Haaaase“, ruft Gabriel ihre Kollegin. Sie selber wird von ihr „Puschel“ genannt. Was nach Spitznamen klingt, ist tatsächlich zum Schutz der beiden Frauen gedacht. Um Angriffe im Privatleben auszuschließen, verwenden die Kolleginnen untereinander niemals ihre Klarnamen. Gabriel zeigt eine Liste mit Kennnummern für ihre Kolleginnen. Statt einer Zahl erfinden sie immer wieder neue Decknamen, um nicht ihre echten Namen aussprechen zu müssen.

Wirklich gefährlich werde es für sie allerdings selten, erzählen sie. Die oft beklagte Verrohung der Kommunikation auf der Straße können sie nicht bestätigen: „Wir fühlen uns in der Stadt und im Verkehr nie unsicher“. Wenn es doch einmal zu Zwischenfällen kommt, bleiben die beiden höflich oder gehen einfach weg. Sie wüssten nie, was die Menschen an dem Tag erlebt haben. „Deswegen versuchen wir immer deeskalierend zu sprechen“, sagt Brinkmann in ihrer diplomatischen Art.

Zu wenig Parkplätze?

Auf dem Gehweg in der Stiftstraße hält ein blauer Kleinwagen mit leuchtendem Warnblinker. Seit ein paar Jahren arbeiten die Politessen mit Smartphones: ein Foto, ein paar Klicks – 15 Euro für den Falschparker sind schnell quittiert. Brinkmann ist zur Stelle, bevor eine Frau mit ihrer kranken Mutter zum Auto zurückkehrt. In solchen Fällen lassen die Politessen eigentlich mit sich reden. „Wir haben einen Ermessensspielraum und hier tut es mir auch Leid“, sagt Brinkmann. Doch wenn der Zettel gedruckt ist, kommt jede Erklärung zu spät – zurücknehmen kann sie ihn nicht mehr.

Aus ihrer Sicht ist es problematisch, dass immer mehr Parkplätze wegfallen. Dazu kämen die vielen Baustellen und die Unkenntnis der Autofahrer. Die einen versuchen es dann mit Diskussionen, die anderen mit einem Kaffee-Angebot für die Politessen. Das sei zwar sehr nett gemeint, sagt Gabriel, aber auf solche Angebote eingehen würden sie nicht. Insgesamt gehe es bei den Kontrollen in Hannover sehr human und sozial zu, sagen die beiden. „Wir versuchen, so bürgerfreundlich wie möglich zu sein und schleppen ein Auto erst ab, wenn alles andere nicht fruchtet.“

Fahrer sensibilisieren

Die Ausgeglichenheit im Beruf kommt Brinkmanns Meinung nach aus dem Privaten: Beide sind seit fast über 20 Jahren verheiratet und stünden mit beiden Füßen auf dem Boden. Dazu versuchen sie, sich selbst nicht ganz ernst zu nehmen und lachen immer wieder über Kuriositäten: Ein Mann lief ihnen zwei Tage hinterher und hat alle Strafzettel von den Autos genommen. Wenn Brinkmann und Gabriel zu zweit in den Sonderdiensten unterwegs sind, sieht ihre Arbeit nach viel Spaß aus. „Wir nehmen den Job mit Humor, nichtsdestotrotz verwarnen wir.“

Im Idealfall schaffen sie es, die Falschparker zu sensibilisieren. Wenn ein großer Lieferwagen den Gehweg versperrt, erklären sie, dass dort kein Rollstuhlfahrer mehr durchkommt. „Manchmal klappt es, sie auf dem Wege der Menschlichkeit abzuholen“, sagt Brinkmann.

* Namen wurden geändert

Von Sebastian Stein

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