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Stadt Hannover Zum Gedenken an Robert Enke
Aus der Region Stadt Hannover Zum Gedenken an Robert Enke
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10:06 10.11.2018
Robert Enke. Quelle: dpa
Hannover

Genau neun Jahre ist es her, dass Robert Enke sich am 10. November 2009 das Leben nahm. Doch in den Erinnerungen seiner Fans lebt der 96-Torwart, der für viele ein Idol war, fort. Die Robert-Enke-Stiftung hat daher Leser der HAZ aufgerufen, ihre persönliche Geschichte zu erzählen, die sie mit dem Ausnahmesportler verbinden. Jetzt wurde die Siegerin gekürt.

„Cooles Shirt, wer hat denn das gemacht?“ Der Gewinnertext

Schon seit Wochen bettelte mein Sohn Tim, er müsse ein Trikot von Robert Enke haben. Ich sagte schweren Herzens Nein. Es erschien mir als alleinerziehende – und alleinverdienende – Mutter damals viel zu teuer. Am nächsten Tag fragte Tim wieder, als hätte ich nie Nein gesagt: „Mama, bitte, kann ich nicht ein Robert-Enke-Trikot haben?“

Also nahm ich ein weißes T-Shirt und malte ihm ein Robert-Enke-Trikot, mit einer großen schwarzen 1 auf dem Rücken. Doch Tim weinte bitterlich. Das könne er nicht anziehen. Er war sechs Jahre alt. „Was sagt denn dann der Robert Enke, wenn er mich mit dem Trikot sieht? Es ist doch gar kein richtiges Robert-Enke-Trikot!“

Ich versprach Tim, wenigstens einmal mit ihm zum Training von Hannover 96 zu fahren, damit er ein Autogramm von Robert Enke ergattern konnte. Als der Tag gekommen war, reichte ich meinem Sohn das T-Shirt. „Du hast doch sonst keines, das Herr Enke unterschreiben könnte.“ Tim sagte nichts. Aber er zog das T-Shirt widerwillig über. Es war ihm viel zu groß.

Wie vor jedem Training mussten die 96-Profis ein paar Hundert Meter vom Stadion zum Trainingsplatz gehen. Robert sah Tim in seinem viel zu großen T-Shirt verschüchtert am Rand stehen und ging zu ihm.

Ich sah aus einiger Distanz nur, wie sich Robert Enke zu Tim hinunterbeugte, um auf dem T-Shirt zu unterschreiben. Plötzlich zeigte Tim mit dem Finger auf mich. Mir war das dann doch sehr unangenehm, aber Herr Enke nickte mir sehr nett zu. Später erfuhr ich von Tim, was da los gewesen war. „Cooles Shirt, wer hat denn das gemacht?“, hatte Robert Enke ihn gefragt. Von dem Tag an ist Tim nur noch mit diesem T-Shirt rumgelaufen, egal ob in der Schule, im Hort oder beim eigenen Fußballtraining. Er war natürlich Torwart, wegen Robert Enke.

Auch zum 96-Training ging Tim fortan immer wieder. Er stellte sich hin und wartete, dass er mit Robert Enke reden durfte. Ich glaube, er fragte ihn Löcher in den Bauch: Was Robert am liebsten trank, was er am liebsten aß … Irgendwann wollte Tim nur noch Milchreis essen, und das lag natürlich auch an Robert Enke.

Ich habe mal gehört, dass jeder Mensch ein Märchen braucht. Tim, aber auch mir als Mama, schenkte Robert Enke dieses Märchen: Dass da jemand war, der mir, ohne es selbst zu wissen, in der Erziehung half.

Robert Enke zeigte Tim einen guten Umgang mit anderen Menschen. Zum Beispiel wollte ich, dass meine Kinder eine fremde Person immer mit dem „Sie“ und dem Nachnamen ansprachen. Als Tim ihm die ersten Fragen gestellt hatte, hat Robert das höfliche Siezen gleich anerkennend registriert – und erlaubte es Tim dann, zum „Du“ und „Robert“ zu wechseln.

Ich wollte meinen Kindern zeigen, wie man seinen Platz in der Welt findet, indem man etwas dazutut, damit die Welt funktionieren kann. Manche Menschen können andere Menschen gesund machen, manche Menschen räumen den Müll der anderen weg. Es gibt Menschen, die sicherstellen, dass alle etwas zu Essen haben, sie bauen an, und andere wiederum verarbeiten dann das, was geerntet wurde. Manche Menschen können Dinge, die nicht viele Menschen können: Sie haben ein Talent, uns mit Musik oder Fußball zu unterhalten, sie machen uns das Leben neben der vielen Arbeit leichter, zu unserem Spaß, zu unserer Erholung.

Robert aber konnte mehr als unterhalten. Er setzte ein Beispiel, wie man sein sollte: Er hat alle Menschen sehr respektvoll behandelt. Er wusste immer, wie er sich ausdrücken muss.

Seine Geduld mit den Kindern hat mich genauso beeindruckt wie sein souveränes Auftreten Erwachsenen gegenüber, egal ob Reportern oder großen Kindern beim Training. Sogar wenn es brenzlig wurde mit den Fans, konnte er die richtigen Worte finden, um die Situation zu entschärfen. Robert Enke hat einen großen Anteil daran, dass Tim heute ein einfühlsamer, lieber und fest im Leben stehender junger Mann ist, auf den ich sehr, sehr stolz sein darf.

Das T-Shirt mit der 1 gibt es immer noch. Irgendwann musste ich es leider dann doch immer mal wieder waschen, und dabei verblasste Roberts Unterschrift immer mehr. Aber die Erinnerung kann auch nach über 14 Jahren nicht verblassen.

Andrea Tschirch bekam vor dem 96-Spiel gegen Wolfsburg in der HDI-Arena von Teresa Enke ein Trikot ihres verstorbenen Mannes überreicht.

Ebenfalls im Stadion war Tschirchs 20 Jahre alter Sohn Tim, der als Sechsjähriger Robert Enke glühend verehrt hatte. Die Geschichte von Tims erstem Enke-Trikot und wie der Torwart damals darauf reagiert hatte, hat die Jury, bestehend aus Teresa Enke, Weltmeister Per Mertesacker und dem Sportjournalisten Ronald Reng, überzeugt: Tschirchs „Erlebnis mit Robert ist direkter, größer als bei allen anderen und die Frau ordnet es auch nachvollziehbarer, dringlicher in ihr Leben ein“, heißt es in der Begründung.

Von red

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