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Rock-Legenden begeistern in der Swiss Life Hall

Hannover-Konzert Rock-Legenden begeistern in der Swiss Life Hall

Karat, City, Maschine von den Puhdys und Uwe Hassbecker von Silly: Die Rock-Legenden begeistern beim Konzert in der Swiss Life Hall.

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Die Rock-Legenden in der Swiss Life Hall.

Quelle: Frank Wilde

Hannover.  Die Rock-Legenden beginnen ihr Konzert in der Swiss Life Hall mit einer Hymne an sich selbst und ihr Publikum: „Leuchtspuren“, von der Band City eigens für ihre gemeinsamen Tourneen mit den Kollegen von Karat, Puhdys-Sänger Maschine und Silly-Gitarrist Uwe Hassbecker geschrieben, beschwört eine Schicksalsgemeinschaft. „Wir sind vom selben Holz geschnitzt“, singen Toni Krahl und Maschine, zwei der wichtigsten Rock-Stimmen der ehemaligen DDR, zusammen mit Claudius Dreilich, der seit dem Jahr 2005 seinen verstorbenen Vater Herbert bei Karat ersetzt. 

Das ist bei weitem nicht nur sentimentale Nabelschau, wie gleich einer der ersten Titel ins Bewusstsein ruft, die Karat zum Abend beisteuert. „Albatros“, ein Sehnsuchtssong über Ozean, Lüfte, Freiheit und Weite mag heute wie irgendein klassischer Rocksong mit ordentlich Pathos wirken. Nach seiner Veröffentlichung 1979 wurde er für viele DDR-Bürger jedoch zur Gegenmetapher für ihr Lebensgefühl in engen, staatlich gesetzten Grenzen. Viele Texte im Ostrock arbeiteten mit wohl dosierten Anspielungen, um eine Zensur zu umgehen. Der Kontext entscheidet darüber, was als kritisch oder subversiv wahrgenommen wird.  

Entsprechend ist der Konzertabend mit den alten Helden für viele der 2000 Besucher aufgeladen mit weitreichenden biografischen Bezügen und entsprechend komplexen Emotionen. Für sie sind die Musiker wirklich Legenden, Teile einer historischen Erzählung. Für all jene, die die Bands nicht zu DDR-Zeiten erlebt haben, bleibt der Rock. Und tatsächlich: Die Mitglieder von Karat beweisen gleich zu Beginn ihres Auftritts, wie tief ihre Songs im Progressive Rock wurzeln. Am Keyboard erzeugt Martin Becker jene charakteristischen Piano- und Synthesizer-Klänge, die viel zur Wiedererkennbarkeit von Hits wie „Der blaue Planet“ beitragen.  

Bei „Ich liebe jede Stunde“ liefert sich Becker ein Mundharmonika-Duell mit Krahl – der City-Sänger unterstützte Dreilich zuvor bereits mit seiner markanten Stimme dabei, dem Song eine noch rockigere Note zu verleihen. Die Rock-Legenden nutzen die dynamischen Möglichkeiten eines gemeinsamen Konzertes voll aus, indem sie sich immer wieder gegenseitig auf der Bühne besuchen. Das funktioniert hervorragend, gerade wegen ihrer unterschiedlichen Stimmen und Stimmungen. Sogar Matthias Reim, der die Tournee als Gast begleitet, fügt sich gut in dieses Konzept, obwohl er wenig mit den anderen gemeinsam hat.  

Er ist etwa zehn Jahre jünger als die meisten, kommt aus Nordhessen und sein erster und einziger Hit „Verdammt, ich lieb dich“ wurde erst 1990 veröffentlicht – als Schlager. Zwischen all den in Würde gealterten Rockern wirkt er ziemlich albern mit seinem weißen Unterhemd und gebleichten Jeans und Haaren. Bei seinen eigenen Songs wird deutlich, dass ihm im Gegensatz zu den Bühnenlegenden die Inbrunst fehlt. Als Gastsänger in deren Stücken zeigt er jedoch, dass er bei Bedarf auf eine ordentliche Rockröhre zurückzugreifen vermag.  

Viele Hits des Abends weisen weit über sich hinaus. Dreilich ist sichtlich stolz darauf, dass „Über sieben Brücken“ auch in anderen Versionen sehr erfolgreich ist: „Aber das Original ist von uns.“ Maschine weiß genau um die Bedeutung eines Songs wie „Geh zu ihr“ aus dem Soundtrack zum Film „Die Legende von Paul und Paula“ für die DDR-Kulturgeschichte. Und bei „Alt wie ein Baum“ kann er auf jede Pose verzichten. Alleine steht er mit der akustischen Gitarre auf der Bühne. „Ich spiele das mal kurz an“, sagt er lapidar. Nach einigen Akkorden besorgt den Rest das Publikum.  

Beim Auftritt von City legt Krahl Wert darauf, festzustellen, dass es der Band nicht nur um vergangene Erfolge geht. Er eröffnet konsequent mit dem Titelsong des aktuellen Albums „Das Blut so laut“. Schnell wird deutlich, dass Citys Inspirationen nicht nur aus der Rockgeschichte stammen, sondern immer auch aus dem Folk. Paradebeispiel ist und bleibt „Am Fester“, der Überhit, der auch im Westen von Anfang an sehr erfolgreich war. Die Musik lebt von Georgi Gogows Violine – und dessen Wurzeln in der bulgarischen Folklore. Gogow macht auch als Siebzigjähriger seinem Ruf als Ikone unter den Rockgeigern alle Ehre. Unterstützt wird er zudem von Hassbecker, der dafür ebenfalls zur Violine greift.  

Das Stück ist in jeder Hinsicht ein Höhepunkt, auch wegen des melancholisch verrätselten Textes der Lyrikerin Hildegard Maria Rauchfuß. Am Ende der fast dreistündigen Show stehen nochmals alle 16 Ostrock-Legenden auf der Bühne. Gemeinsam geben sie ein letztes Mal so richtig Gas mit Citys „Wir sind wir“. Der Blick zurück schließt die Klammer zur Auftakthymne mit Zeilen wie diesen: „Wir haben was erlebt und meistens dasselbe, im Feinstaubrevier zwischen Oder und Elbe. Wir kennen uns aus, denn wir kennen's von innen. Seit 'nem halben Jahrhundert – und können ein Lied davon singen.“

Von Thomas Kaestle

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