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Stadt Hannover Die 96 Stufen
Aus der Region Stadt Hannover Die 96 Stufen
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12:47 18.03.2015
Von Simon Benne
Günter Willig verbringt viel Zeit vorm Schachcomputer. Quelle: Benne
Hannover

Es dauert ein wenig, bis sie die Tür öffnet. Dabei ist ihre Wohnung gar nicht groß. Aber Else Preiss ist 90 Jahre alt; da können auch kurze Wege relativ lang werden. Deshalb war das, was vor zehn Tagen passierte, ein Albtraum für sie: „Ich war aus, Fisch essen“, sagt sie. Als sie zurück in ihre Wohnung wollte, war der Aufzug ausgefallen. „Ich musste mich bis in die sechste Etage am Treppengeländer hochziehen“, berichtet die gebürtige Ostpreußin. Zweimal acht Stufen. Je Etage. Also 96 Stufen. „Hat eine gute halbe Stunde gedauert.“ Seitdem hat sie keinen Fuß mehr vor die Tür gesetzt.

Kritik an Hausverwaltung

Angesichts der Zustände in der Elkartallee 4 hält der Mieterbund eine Mietminderung für angemessen. Nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) dürfen Mieter angesichts erheblicher Mängel mindestens einen Teil der Miete einbehalten. „Man sollte dies jedoch nicht auf eigene Faust, sondern erst nach Rücksprache mit fachkundigen Experten tun“, sagt Randolph Fries, Geschäftsführer des Mieterbundes.
Er kritisiert den Umgang der Hausverwaltung, der Firma Haack Immobilien, mit dem Fahrstuhldefekt: „Es ist keine Lösung, den Mietern Stühle ins Treppenhaus zu stellen, damit sie sich beim Stufensteigen ausruhen können“, sagt er. Die Firma hätte umgehend einen Einkaufsservice organisieren müssen, um die Versorgung der Bewohner sicherzustellen.
Kritik kommt auch aus den Reihen von Behindertenverbänden. Burkhard Sander, Syndikus der Immobilienfirma, hatte betont, dass die Wohnanlage keine Altenpflegeeinrichtung ist: Bewohner mit schweren Behinderungen seien in einem Pflegeheim besser aufgehoben. „Dieses Denken gehört in die Mottenkiste“, sagt Birgit Rauschke vom Verein Mittendrin, der sich für die Integration von Behinderten einsetzt: „Es ist doch längst Konsens, dass wir Barrieren abbauen müssen, damit Menschen mit und Menschen ohne Behinderung zusammen leben können.“

Der Fahrstuhl in der Elkartallee 4 ist noch immer kaputt: „Aufzug außer Betrieb“ steht auf einem orangefarbenen Schild. Die Hausverwaltung versichert, dass die Reparatur so schnell wie möglich erledigt werde. Doch für die vielen älteren Menschen, die in der sechsstöckigen Wohnanlage in der Südstadt leben, kommt der Ausfall einer Katastrophe gleich.

Wie wichtig etwas ist, kann man oft erst ermessen, wenn es plötzlich fehlt. Die Fahrt im Aufzug ist ja etwas so Alltägliches, dass man sie kaum noch wahrnimmt. Erst, wenn der Aufzug ausfällt, bemerkt man, welch hoch entwickelte Technik im Verborgenen dafür sorgt, dass unser Leben funktioniert - und wie schnell ein einziger Fehler in diesem komplexen Räderwerk alles lahmlegen kann.

„Eigentlich ist es doch verrückt, dass Menschen in Schichten übereinander wohnen“, sagt ein junger Mann unten im Flur des Hauses. Eine Erkenntnis, die ihm in einem Haus mit funktionierendem Aufzug wohl kaum gekommen wäre. In dem Haus gibt es mehr als 100 Wohnungen, vor einer langen Reihe von Briefkästen im Erdgeschoss steht ein Halbdutzend Rollatoren. Auf ihren Griffen lagert sich allmählich Staub ab, denn bis ins Erdgeschoss schaffen es die Senioren ohne Aufzug oft gar nicht: „Ich versorge eine Verwandte, die nicht mehr vor die Tür kommt“, sagt der junge Mann am Treppenabsatz: „Es ist schon schlimm, was die alten Leute hier erdulden müssen.“

Auf den Fluren der Anlage dreht sich alles nur um dieses eine Thema: Sind die Bauarbeiter schuld, die schwere Lasten in dem alten Fahrstuhl transportiert haben? Die Hausverwaltung, die eine Sanierung verschleppt hat? Die Baubehörden, die vor mehr als 30 Jahren genehmigt haben, dass eine so große Wohnanlage mit nur einem einzigen Fahrstuhl überhaupt gebaut werden durfte?

Eine halbe Stunde für den Aufstieg

Jeder hier im Haus kann Geschichten erzählen wie die vom Dialysepatienten, den Pfleger die Treppen hinunter tragen müssen. Oder vom Nachbarn, der regelmäßig zur Chemotherapie muss und für den jede Stufe eine Qual ist. Und vom Herzrasen auf halber Treppe. „Ich muss jeden Tag runter, um meine Katzen im Kleingarten zu versorgen“, sagt Wolfgang Wichmann aus dem fünften Stock. Der 63-Jährige bewältigt den Weg noch gut. Eine ältere Nachbarin hat da mehr Probleme: „Ich bin am Knie operiert“, sagt sie. In der vergangenen Woche war sie zweimal vor der Tür: „Hinterher konnte ich vor Schmerzen den halben Tag lang nicht laufen.“

Für viele in diesem Haus ist der Aktionsradius sehr schnell sehr klein geworden, seit der Aufzug fehlt: Mobilität, Selbstbestimmung, das Pflegen sozialer Kontakte - das alles bedingt einander. Und ohne Aufzug ist all das nicht mehr selbstverständlich. „Man bekommt nicht einmal mehr mit, wie das Wetter draußen ist“, sagt eine ältere Frau: „Und man fühlt sich wie eingesperrt.“

Die Einsamkeit hält hier schnell Einzug

„Ich gebe mich nicht leicht geschlagen“, sagt Else Preiss, „aber ich schaffe die vielen Stufen einfach nicht.“ Gerne würde die 90-Jährige in der Vorweihnachtszeit in die Kirche gehen. Oder ins Restaurant mit ihrem Enkel, der bald zu Besuch kommt. Oder einfach mal vor die Tür. „Zum Glück bringt meine Tochter mir etwas zu Essen - Fleisch und Linsen, dass es für die nächsten Tage reicht“, sagt sie. „Aber das ändert nichts daran, dass einem hier die Decke auf den Kopf fällt.“

Die Einsamkeit hält sehr schnell Einzug in so einer Anlage, wenn der Aufzug fehlt. Fahrstühle haben die moderne Gesellschaft ja viel stärker geprägt als die meisten ahnen. Ohne sie gäbe es keine Hochhäuser, kein Manhattan und kein Mühlenberg. Ihre unsichtbaren, senkrechten Achsen prägen die Architektur unserer Städte: Dass die alten Arbeiterquartiere in Linden keine Hochhäuser sind, liegt nur daran, dass Aufzüge ihren Siegeszug erst nach dem Ersten Weltkrieg antraten, als diese schon standen. Aufzüge haben den Bau anonymer Großkomplexe erst möglich gemacht, in denen Menschen ihre Nachbarn kaum noch kennen - doch zugleich bewahren sie deren Bewohner vor der Isolation. Jedenfalls, wenn sie funktionieren.

Solidarität unter den Bewohnern

Immerhin schafft die ungewohnte Situation in der Elkartallee 4 auch eine bislang ungekannte Solidarität: „Ein Herr aus dem vierten Stock hat sich angeboten, mir die Post in die Wohnung zu holen“, sagt Else Preiss. Wer selbst noch einkaufen kann, bringt auch den Nachbarn etwas mit, die das nicht mehr können. Man erkundigt sich, wie es beim anderen ohne Aufzug so läuft.

„Trotzdem hoffen wir alle, dass der Fahrstuhl vor Weihnachten repariert wird“, sagt Günter Willig. „In den vergangenen Tagen habe ich viel Zeit vorm Schachcomputer verbracht und viel gelesen“, sagt der Rentner aus dem fünften Stock, „aber jetzt fällt mir nichts mehr ein.“ Zum ersten Mal seit einer Woche hat er jetzt den Weg nach unten angetreten. „Ich muss einkaufen“, sagt er. „Nützt ja nichts.“

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