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Stadt Hannover Selbsthilfegruppen: So hilft Hannover sich selbst
Aus der Region Stadt Hannover Selbsthilfegruppen: So hilft Hannover sich selbst
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00:15 17.08.2017
Von Jutta Rinas
Quelle: Franson
Hannover

Selbsthilfe boomt – das lässt sich auch mit Zahlen belegen. Knapp 600 Selbsthilfegruppen gibt es mittlerweile in der Datenbank von Kibis, der hannoverschen Kontakt-, Informations- und Beratungsstelle der Selbsthilfe der Region Hannover. 1986, bei der Gründung, waren es gerade einmal 50. Die Zahl der Gruppen, in denen Menschen mit einem ähnlichen Problem sich gegenseitig mit Rat und Tat zur Seite stehen, soll in Hannover sogar noch weiter wachsen. „Wir wollen Menschen mit Migrationshintergrund mit ins Boot holen“, sagt Rita Hagemann, langjährige Leiterin von Kibis. Seit Anfang April gibt es deshalb bei Kibis eine Stelle für eine türkische Mitarbeiterin, das Projekt ist eine Zusammenarbeit mit der AOK. Eine bereits 2012 durchgeführte Umfrage in den Gruppen von Kibis habe ergeben, dass nur zwei Prozent der Menschen in den Gruppen einen Migrationshintergrund hätten, sagt die 61-Jährige. Das stehe in keinem Verhältnis zum Anteil der Menschen mit Migration in der Region, den Hagemann mit 28 Prozent beziffert. Schätzungen zufolge sind heute rund 25.000 Menschen in der Region in der Selbsthilfe tätig.

Barrieren 
und 
Blockaden

Der eine, Rainer Hübbe, 49, (links) ehemaliger Rettungsassistent, kann seit einem Unfall nicht mehr richtig laufen und muss mit Schmerzen leben. Der andere, Martin Wulff, 62 Jahre alt, Sozialversicherungsfachangestellter, hat von Geburt an eine Augenmuskellähmung. Dazu kommen Diabetes und eine Sprachbehinderung.

Gemeinsam ist beiden Männern, dass sie ein körperliches Handicap haben, eine Behinderung, durch die sich ihr Leben von dem anderer Menschen unterscheidet. „Leben mit Alltagseinschränkungen“ heißt Hübbes vor einem Jahr gegründete Selbsthilfegruppe in Burgdorf, in der Betroffene sich miteinander austauschen können. Er habe sich viele Ansprüche, die ihm nach dem Unfall zustanden, mühsam mit Anwälten erkämpfen müssen. Auch dieses Wissen wolle er weitergeben, sagt Hübbe, der 2017 auch einen Verein gegründet hat. Wulff gehört dem Langenhagener Verein Barrierehelfer an, der bei Behördengängen berät, Tipps für den Umgang mit Hindernissen im Haus und auf der Straße gibt und auch für Menschen mit Behinderungen öffentlich eintritt. „Der Bedarf an Aufklärung ist immens.“ Die beiden Vereine wollen sich zusammenschließen. Sie sind erreichbar unter (0 51 36) 9 20 23 65 (Rainer Hübbe) oder (05 11) 74 48 45 (Barrierehelfer).     

Wege aus der Dunkelheit

Am schlimmsten war die Angst, in der Gosse zu landen, auf der Straße leben zu müssen, obdachlos, weil die Minimalanforderungen eines normalen Lebens unüberwindbar schienen. Die Depression hielt Klaus-Dieter Behringer, gelernter Dachdecker, Vater zweier Söhne, zu diesem Zeitpunkt fest in ihrem Griff. Tagelang lag er ohne Antrieb im Bett, ohne den Mut, den Tag zu beginnen. Nicht zum Aufstehen, geschweige denn zum Duschen, so erzählt er, reichte die Kraft.
Behringer, heute Vorsitzender des ältesten Selbsthilfevereins Hannovers, des Vereins Psychiatrieerfahrener (V.P.E.), der 2016 25-jähriges Jubiläum feierte, litt an einer Erkrankung, die Experten zufolge im Laufe eines Lebens rund 20 Prozent aller Menschen haben. Derzeit gibt es bundesweit etwa vier Millionen Menschen mit Depression. Höchstens zehn Prozent werden ausreichend behandelt.

Den heute 64-Jährigen packte die Krankheit erstmals vor 13 Jahren. Schicksalsschläge, unter anderem ein Arbeitsunfall, bei dem er sich in einem Arm Sehnen und Nerven durchtrennte, warfen ihn immer wieder zurück, bis er in der Selbsthilfegruppe „Ängste und Depressionen“ Hilfe fand. Zwölf Männer und Frauen zwischen 30 und 65 treffen sich derzeit, freitags, 16 bis 17.30 Uhr. Wer Hilfe sucht, kann sich beim V.P.E., Rückertstraße 17, unter (05 11) 1 31 88 52 melden.     

Alzheimer trifft auch Angehörige

Es dauerte drei Jahre, bis er selbst nicht mehr konnte – und mit einem Burnout zusammenbrach. Dabei war es seine Ehefrau, bei der 2013 eine Krankheit diagnostiziert wurde, die nicht nur ihr Leben, sondern auch das ihres Mannes radikal veränderte. Alfred Rautenbergs Frau erkrankte an FTD, einer seltenen Form der Demenz, der sogenannten Frontotemporalen Demenz.

30  000 Menschen sind bundesweit von FTD betroffen, an Demenz leiden noch viel mehr: 1,6 bis 1,8 Millionen. Fast drei Jahre pflegte der Maschinenbauer seine Frau, ertrug es, dass sich ihr Wesen von Grund auf änderte. FTD geht unter anderem mit dem Verlust der Sprache, mit Aggressionen, maßlosem Essen einher. Anfangs arbeitete der heute 63-Jährige voll, während er sich um seine Frau kümmerte. Er habe lange „viel mehr für sie gewollt, als noch ging“. 2015 wandte sich der Vater zweier erwachsener Söhne an die Alzheimer Gesellschaft, um sich in einer Selbsthilfegruppe mit den Angehörigen von Demenzkranken auszutauschen. Heute ist er dort unter anderem Kassenwart. „Wenn man akzeptiert hat, was passiert ist, was die Krankheit bedeutet, geht es plötzlich“, sagt er. Seine Frau lebt heute im Heim.

Infos über Angebote der Alzheimer Gesellschaft Hannover – unter anderem liest Moderatorin Bettina Tietjen am 28. September aus ihrem Buch über ihren demenzkranken Vater – gibt es unter der Telefonnummer (05 11) 7  26 15 05.     

Wie viel Alkohol darf es sein?

Können Alkoholiker „kontrolliert trinken“ – das heißt, mit Augenmaß Alkohol zu sich nehmen, ohne ganz auf die Droge zu verzichten? Klaus Manthei weiß, dass seine Selbsthilfegruppe ein Reizthema darstellt, vor allem für Abstinenzler, Ex-Alkoholiker also, die gar keinen Alkohol mehr trinken.

Der 59-jährige Ehemann und Vater zweier erwachsener Söhne aber glaubt fest daran – und er kann sich auf wissenschaftliche Studien berufen. Unter anderem die Medizinische Hochschule Hannover hat zu dem von einem Heidelberger Professor entwickelten Trainingsprogramm geforscht und festgehalten, dass das Hilfesystem für Menschen mit „riskantem Alkoholkonsum“ zu oft nur auf Abstinenz ausgerichtet ist. „Lass den Wodka weg, ein Bierchen darfst du trinken“, sagt Manthei flapsig dazu. Der gelernte Bauzeichner trinkt seit mehr als 20 Jahren Alkohol in Maßen und hat sein Leben heute mit dem „kontrollierten Trinken“ im Griff.

Alkoholabhängige Menschen machten beim Thema Alkoholmissbrauch nur die Spitze des Eisberges aus, sagt er. Daneben gebe es viele mit gesundheitsgefährdendem Trinkverhalten, denen kontrolliertes Trinken helfen könne. Mantheis Selbsthilfegruppe trifft sich regelmäßig mittwochs im Freizeitheim Ricklingen und ist unter Manthei-Klaus@web.de erreichbar.     

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