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Stadt Hannover "Wir lassen uns nicht unterkriegen"
Aus der Region Stadt Hannover "Wir lassen uns nicht unterkriegen"
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00:15 14.12.2014
Von Tobias Morchner
Überraschender Trost: Mitten im Durcheinander nach dem verheerenden Feuer bekommen einige der Sudanesen warme Winterkleidung gespendet. Quelle: Alexander Körner
Hannover

Ein schwarzes Gerippe aus Zeltstangen ragt am Donnerstag in den grauen Morgenhimmel über dem Weißekreuzplatz in Hannovers Oststadt. Sechs Monate lang hat das Metallgerippe die Plane getragen, unter der sich regelmäßig 30 bis 40 sudanesische Flüchtlinge zur Beratung versammelten. Dort ging es um die weiteren Schritte ihres Protests gegen die deutschen Asylgesetze, dessen Ziele so weitreichend sind, dass seine Adressaten nicht in Hannover, sondern in Berlin sitzen. Kurz gesagt möchten sie die Asylgesetze der Bundesrepublik Deutschland verändert wissen. Vorher wollen sie nicht weichen.

Eine kleine Gruppe der Demonstranten begutachtet stumm die beiden niedergebrannten Zelte. Einige kämpfen gegen die Tränen. Plötzlich steht Alfred Junior mitten unter den Sudanesen. „Sie brauchen doch dringend Winterkleidung, habe ich gehört“, sagt der Rentner aus der Wedemark. Ob denn nicht einer der jungen Männer eben zum Auto mitkommen und anpacken könne. Einen ganzen Umzugskarton voller warmer Sachen hat Junior für das Camp dabei, dazu noch jede Menge warme Decken. Freudige Abnehmer für die Spenden sind schnell gefunden. So nah liegen manchmal Hoffnungslosigkeit und Trost beieinander.

Am Nachmittag des 24. Mai, eines Sonnabends, hatten sich die sudanesischen Asylbewerber am Weißekreuzplatz versammelt und einen Teil der Grünfläche besetzt. Die Männer, Frauen und Kinder, die zum Teil unter abenteuerlichen Umständen ihre Heimat verlassen und in Hannover einen Platz in einer der Flüchtlingsunterkünfte gefunden hatten, wollten mit der Aktion auf die chaotischen Zustände im Sudan aufmerksam machen. Dass gegen Staatschef Baschir ein Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs vorliegt, weil ihm Richter in Den Haag Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit in der westsudanesischen Region Darfur vorwerfen, spielt dabei auch eine Rolle. „Allen Beteiligten war von vornherein klar, dass es gefährlich sein könnte, monatelang auf einem öffentlichen Platz zu demonstrieren, aber dass Zelte in Flammen aufgehen würden, hat bestimmt niemand bedacht“, sagt Sigmar Walbrecht vom Flüchtlingsrat Niedersachsen.

Bislang haben sich die Sudanesen nicht aus dem Konzept bringen lassen, weder von ausländerfeindlichen Bemerkungen einiger Anwohner, noch von der Stimmungsmache der Eigentümervereinigung Haus und Grund, die eine Befragung der Anwohner zum Sudanesen-Camp vorgenommen hat, und erst recht nicht durch den Aufmarsch von rund 3000 zum Teil gewaltbereiten Anhängern der Bewegung „Hooligans gegen Salafisten“ (HoGeSa) Mitte November auf dem nahe gelegenen Omnibusbahnhof. Stets blieben sie ihrer Linie treu, suchten den Dialog mit der Stadt und der Landespolitik und vermieden den Konflikt mit der Polizei. Gleichzeitig suchten sie stets den Weg in die Öffentlichkeit. Möglich, dass das nicht jedem gefallen hat.

Nach dem Feuer vom Donnerstag wird es allerdings für die Wortführer der Gruppe wie Mohammed Tagj oder Maissara Saeed immer schwieriger, die Stimmung in der Gruppe positiv zu beeinflussen. Bis jetzt wird nur hinter vorgehaltener Hand darüber spekuliert, was es bedeutet, wenn sich herausstellt, dass es sich bei dem Brand tatsächlich um einen Anschlag gehandelt hat. Dann hätten die Täter in Kauf genommen, dass Menschen zu Schaden kommen. Dann müsste die Polizei nicht nur wegen Brandstiftung ermitteln, sondern mindestens auch wegen versuchten Totschlags. „Wenn das tatsächlich der Fall sein sollte, wäre das eine dramatische Entwicklung“, sagt Sigmar Walbrecht vom Flüchtlingsrat. Er sieht bundesweit, angestachelt durch Bewegungen wie die HoGeSa oder das rechtspopulistische Bündnis „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“, kurz Pegida, eine ausländerfeindliche Stimmung heraufziehen. „Ich mache mir um die Sicherheit der Sudanesen im Flüchtlingscamp Sorgen.“

Auch für die Stadt ist die Situation unterdessen schwierig: Sorgt man jetzt für eine baldige Räumung des Platzes, hätten eventuelle Attentäter ihr Ziel erreicht. Tut man es nicht, könnte das weitere gefährliche Situationen für die Sudanesen heraufbeschwören. Also hält man sich für den Moment zurück.

Von selbst jedenfalls wollen die Flüchtlinge den Platz nicht verlassen. Bereits am Sonnabend soll es eine Kundgebung am Camp geben, eine Woche später planen die Sudanesen einen Demonstrationszug durch die Innenstadt. Camp-Sprecher Maissara Saeed sagt: „Bislang herrscht Konsens, dass wir uns auch von dem Vorfall in der gestrigen Nacht nicht unterkriegen lassen und weiter für unsere Rechte eintreten wollen - und wenn es noch Monate dauert.“

Die Chronik des Protestes

24. Mai: Die Demonstranten aus dem Sudan schlagen mittags ihre Zelte auf dem Weißekreuzplatz auf und beginnen den Protest. Am Abend geht das Gerücht um, die Polizei wolle den Platz räumen. Landtagsabgeordnete schalten sich ein. Eine Räumung gibt es nicht.

28. Mai: Am Nachmittag rücken uniformierte und zivile Beamten an, um zwölf Schlafzelte vom Areal zu entfernen. Aus Protest tritt ein 41-Jähriger in den Hungerstreik. Die Teilräumung verläuft friedlich. Anschließend ziehen die Flüchtlinge durch die City.

30. Mai: Die Sudanesen demonstrieren vor der Außenstelle der JVA in Langenhagen. Dort sitzt ein Landsmann, der in den Sudan abgeschoben werden soll. Der Protest hilft nichts. Der Sudanese wird wenig später abgeschoben. 29 Landsleute treten daraufhin aus Protest in einen befristeten Hungerstreik.

22. Juni: Ein 41-jähriger Sudanese beendet einen dreiwöchigen Hungerstreik. Er hatte die Nahrungsaufnahme zunächst verweigert, weil die Polizei untersagt hatte, ein demoliertes Zelt durch ein neues zu ersetzten. Schließlich hatte die Behörde den Austausch des Zeltes aber doch erlaubt.

27. Juni: Die sudanesischen Flüchtlinge übergeben Mitgliedern des Landtags einen Katalog mit ihren Forderungen.

31. Juli: Im Pavillon wird ein sudanesisches Kulturfest gefeiert, bei dem erneut auf die Probleme der Menschen im Sudan aufmerksam gemacht wird.

11. September: Die Eigentümergemeinschaft Haus und Grundeigentum verschickt 800 Briefe an die Haushalte in der Umgebung des Weißekreuzplatzes, „um ein richtiges Meinungsbild der betroffenen Anwohner“ zum Flüchtlingscamp zu erstellen.

28. Oktober: Aus der CDU kommt die – allerdings auch dort umstrittene – Forderung, das Flüchtlingscamp unverzüglich räumen zu lassen. Später rudert die Partei wieder zurück.

Anfang Dezember: Die Polizei untersagt den Sudanesen, die Zelte auf dem Weißekreuzplatz winterfest zu machen.  In den vergangenen Wochen hatten die Flüchtlinge unter anderem sogenannte Europaletten besorgt, die sie in die Zelte legen wollten, um so besser vor der Kälte geschützt zu sein. Die Flüchtlinge erklären, das Areal auch in den Wintermonaten besetzt zu halten.

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Die sudanesischen Flüchtlinge und ihre Unterstützer im Zeltlager auf dem Weißekreuzplatz haben ihren Forderungen am Sonnabend mit einer weiteren Demonstration Nachdruck verliehen. Rund 50 Teilnehmer zählte der Demonstrationszug, der sich am frühen Nachmittag durch Hannovers City bewegte. 

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