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Warum Vahrenheide mehr als ein Brennpunkt ist

Stadtspaziergang Warum Vahrenheide mehr als ein Brennpunkt ist

Stadtspaziergang: Hubert Jokiel, 17-jähriger Gymnasiast, ist in Vahrenheide aufgewachsen. Die Menschen dort hätten große Qualitäten, sagt er und warnt: Wer sie ständig in Misskredit bringt, drängt sie immer weiter aus der Gesellschaft.

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Das Einzige, was vom Klingenthal geblieben ist: Hubert Jokiel vor den Hochhäusern in der Lotte-Lemke-Straße.

Quelle: Tim Schaarschmidt

Hannover. Betonburg. Problemhochhaus, Getto. Die Namen, die die Hochhäuser am Klingenthal in Vahrenheide zur Jahrtausendwende getragen haben, sagen viel über den damaligen Stadtteil aus. Als sie 2004 abgerissen wurden, standen sie beispielhaft für Missstände in einem sozialen Brennpunkt: Vermüllung, Vandalismus, Anonymität. Der 17-jährige Gymnasiast Hubert Jokiel hat hier die ersten Jahre seines Lebens verbracht. Er erinnert sich noch an den Müll, der an so vielen Stellen herumlag und von dem ihn die Mutter geflissentlich wegzog. Die grauen Blöcke hätten eine kalte Leere ausgestrahlt, sagt er, als er an diesem Tag vor seinem Geburtshaus in der Lotte-Lemke-Straße steht. Die Hochhäuser seien die einzigen, die vom Klingenthal-Komplex geblieben seien. „Es sah an manchen Stellen schon erschreckend aus“, erzählt er beim Rundgang durch das Viertel. Der Schüler hat der HAZ einen langen Brief über die Stigmatisierung seines Heimatstadtteils geschrieben. Jetzt will er zeigen, dass es dort auch schöne Ecken gibt.

„Auch ich wuchs in so einem Wohnblock auf und besuche inzwischen ein sehr gutes Gymnasium in der Südstadt und erbringe gute Leistungen.“

Der von Bäumen umsäumte Kinderspielplatz mit dem Sandkasten vor dem Haus beispielsweise ist dem Jugendlichen gut im Gedächtnis geblieben. Ganz zu schweigen von dem Rodelberg ein paar Schritte weiter weg. Die von Grün überwucherte Anhöhe liegt an diesem Tag verlassen da. Im Winter träfen sich dort aber immer noch alle Kinder aus der Gegend und spielten: türkische, polnische, russische. Auch am Märchensee, in dessen Wasseroberfläche sich an diesem Herbstnachmittag die letzten Sonnenstrahlen brechen, habe er als Kind schön gespielt. „Das ist es doch, was eine Kindheit ausmacht“, sagt der 17-Jährige: „Dass man sie in der Natur ausleben kann.“

„Selten werden die Menschen mal persönlich um ihre Meinung oder persönliche Wünsche gefragt. (...) Dabei spreche ich keinesfalls von Wünschen wie ,mehr Geld‘ oder ,mehr Bier‘. Gerade diese Bürger möchten für ihre Kinder das Beste erreichen.“

Hubert Jokiel ist gebürtiger Vahrenheider, und er ist Vahrenheider aus Leidenschaft. Davon handelt sein Brief an die HAZ, den er nach der Bundestagswahl geschrieben hat. „Warum ist die AfD in Mühlenberg so stark?“ lautet der Titel. Im Text fasste der Elftklässler die Frage viel weiter – und versucht, herauszufinden, warum die Rechtspopulisten generell in sozialen Brennpunkten erfolgreich sind. In Mühlenberg errangen sie 18,2 Prozent. Es war das stadtweit höchste Ergebnis. In Vahrenheide kamen sie auf 14,20 Prozent, wurden drittstärkste Kraft.

Spricht man den 17-Jährigen auf die vielen türkischen Geschäfte am Vahrenheider Markt an, zieht er die italienische Eisdiele und die französische Patisserie Elysee aus dem Hut – und preist die Vielfalt der Nationen.

Quelle: Schaarschmidt

Jokiels größter Vorwurf geht in Richtung Politik. Es gebe starke Berührungsängste bei allen Parteien mit Brennpunkten wie Vahrenheide. Ein Beispiel? Im Bundestags- und im Landtagswahlkampf sei die Politik auf dem Vahrenheider Markt viel seltener mit Ständen präsent gewesen als auf dem Stephansplatz. „Ich wünsche mir, dass die Politik sich mehr Mühe gibt, das Volk, das sie wählt, auch kennenzulernen“, sagt Jokiel. Die Menschen in sozialen Brennpunkten merkten, dass schlecht über sie geredet und dann auch noch wenig für sie getan werde. Deshalb wählten sie die AfD. Aus Frust.

„Die Menschen hier sind auch nicht anders als die in der List oder in der Oststadt, die ihre Erholung auf dem Fahrrad in der Eilenriede suchen.“

Der 17-Jährige dagegen will auch Vahrenheides schöne Seiten zeigen. Deshalb nimmt er die HAZ mit auf einen Spaziergang. Seine Eltern kamen in den Achtzigerjahren aus Polen, arbeiteten sich aus einfachen Verhältnissen hoch. Hubert Jokiels Vater Michael hat heute als selbstständiger Bauunternehmer ein Büro am Vahrenheider Markt. Mutter Sylwia arbeitet dort und engagiert sich im Stadtteil mit.

„Es leben hier zahlreiche besondere Persönlichkeiten und Familien, die man nicht aufgrund ihres Stadtteils sofort als ,asozial‘ betiteln sollte.“

Es mag Zufall sein, aber mit seinen blonden Haaren sticht der Junge an diesem Tag deutlich heraus. Hubert Jokiel hat einen Weg vom Vahrenheider Markt über den Margarethe-Hoffmann-Weg zum Sahlkamp/Ecke Weimarer Allee gewählt. Dann geht es über den Emmy-Lanzke-Weg zum Märchensee – und zurück durch das Viertel rund um die Plauener Straße. Unübersehbar ist: Der Ausländeranteil in dem Stadtteil ist überdurchschnittlich hoch. Auf einem kleinen Fußballplatz am Emmy-Lanzke-Weg kickt eine Gruppe jugendlicher Migranten. Auf dem Vahrenheider Markt prägen türkische Männer vor dem Café Sahin das Ambiente. Auf dem Margarethe-Hoffmann-Weg kommen ihm als Erstes zwei ältere Frauen mit Kopftuch entgegen. Die schlichten, mehrgeschossigen Häuser zur Linken stehen zudem frei im Gelände. Der Holzzaun vor den schmucken Einfamilienhäusern zur Rechten ist hoch. Gelingt die Integration in dem Multikulti-Stadtteil? Klappt es nicht mit dem Berufswunsch Jura, sollte Hubert Jokiel sich später vielleicht als Vahrenheide-Botschafter versuchen. Es ist beeindruckend, wie er jede Vorahnung eines Vorurteils sofort pariert. Ja, der Zaun wirke abweisend, sagt der Schüler. Auch er lebt mit seiner Familie mittlerweile im besser situierten Teil Vahrenheides. Aber die Menschen dort setzten sich überdurchschnittlich oft für ihren Stadtteil ein, sagt er und erzählt von der Künstlerin, die ihm und ärmeren Kindern Klavierunterricht gibt.

„Zudem muss man sagen, dass es in dem Stadtteil, in dem ich wohne, nicht ausschließlich achtstöckige Blöcke mit 100 Wohnungen gibt. Es gibt einen großen Anteil an schönen und beliebten Einfamilienhäusern, die sehr schnell vom Immobilienmarkt verschwinden.“

Spricht man den 17-Jährigen auf die vielen türkischen Geschäfte am Vahrenheider Markt an, zieht er die italienische Eisdiele und die französische Patisserie Elysee aus dem Hut – und preist die Vielfalt der Nationen. Beide Geschäfte seien stadtweit für ihr gutes Essen bekannt. Begeistert berichtet er von dem Tag, als der Döner-Imbiss Istanbul Ocakbasi eröffnete und „alle“ das Essen probieren wollten.

Hubert gefällt nicht, dass Jugendliche die Unterführung unter der Stadtbahn auf dem Emmy-Lanzke-Weg beschmieren. Es sei wichtig, dass man versuche, den Stadtteil freundlich zu gestalten.

Quelle: Schaarschmidt

Wie ist es um die Kriminalitätsrate bestellt? Es gebe ein Hochhaus, das immer wieder in die Schlagzeilen gerate, sagt der 17-Jährige, während er an selbigem am Margarethe-Hoffmann-Weg/Ecke Weimarer Allee vorbeistreift. Seine Familie habe noch nie jemand beklaut, belästigt oder bedroht. Hat er tatsächlich keine Missstände zu beklagen? Erst in der vergangenen Woche gab es schließlich eine Messerstecherei und danach eine Schießerei im nahen Sahlkamp – ein Hort der multikulturellen Harmonie sind Vahrenheide und Sahlkamp nicht. Andererseits: Schwere Gewaltkriminalität gibt es auch hier im Norden Hannovers nicht regelmäßig.

Hubert Jokiels Alltag jedenfalls ist von anderen Problemen geprägt. So gefällt ihm nicht, dass Jugendliche die Unterführung unter der Stadtbahn auf dem Emmy-Lanzke-Weg beschmieren. Es sei wichtig, dass man versuche, den Stadtteil freundlich zu gestalten – und sei es durch einen neuen Anstrich wie bei einer in Orange, Grau und Gelb gehaltenen Häuserzeile im Thüringer Weg. Gab es nie Probleme mit den vielen Nationalitäten? Doch, zum Beispiel im Kindergarten. Aber das seien vor allem Kommunikationsprobleme zwischen Eltern gewesen. „Ich habe mit türkischen, russischen genauso wie mit albanischen Kindern gespielt. Meine Freundschaften waren wie dieser Stadtteil – multikulti.“

Dass Hubert Jokiel an dieser Stelle das Präteritum benutzt, hat vermutlich damit zu tun, dass seine Eltern in Sachen Schule nicht auf Vahrenheide setzen. Sie schicken ihren Sohn, einen guten Schüler, auf die Bonifatius-Grundschule in der List, später auf die St.-Ursula-Schule in der Südstadt. Der guten Bildung wegen, sagt Jokiel. Hatte er jemals unter dem Ruf Vahrenheides zu leiden? „Ich bin eher stolz, weil ich zeigen kann, dass die Leute aus Vahrenheide auch ein gutes Abitur machen können“, sagt der 17-Jährige. Manche können, dafür ist Hubert Jokiel ein gutes Beispiel, dazu auch in jungen Jahren schon für andere, Schwächere kämpfen.

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