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Stadt Hannover Tempo 36 hätte einen Schwerstpflegefall verhindert
Aus der Region Stadt Hannover Tempo 36 hätte einen Schwerstpflegefall verhindert
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00:17 21.07.2017
Von Michael Zgoll
Diese hölzerne Barriere am Waldrand passierte die aus Bayern stammende Läuferin, bevor sie auf die Walderseestraße lief. Quelle: Schaarschmidt
Hannover

Die Joggerin, die am 20. August im Bruchteil einer Sekunde die fatalste Entscheidung ihres Lebens trifft, wird nie wieder auf die Beine kommen. An jenem Sonnabend, es ist 8.28 Uhr, kommt sie am Überweg Walderseestraße /  Rubensstraße aus der Eilenriede getrabt. Stoppt an einer hölzernen Barriere, läuft ein paar Schritte auf der Stelle, dreht sich nach ihren zwei Begleitern um – und rennt wieder los. Der Fahrer des 7,5-Tonners, der das Unheil kommen sieht und bremst, kann den Wagen nicht mehr aufhalten, die Fahrbahn ist nass. Zehn Meter weit katapultiert er die 38-Jährige nach vorn. Die Frau überlebt, doch sie wird zum Schwerstpflegefall. Am Dienstag musste sich Fahrer Udo F. wegen fahrlässiger Körperverletzung vor Gericht verantworten.

Versicherung zahlt 50 000 Euro

Amtsrichterin Alena Fischer setzt alles daran, den enormen Verletzungen, die der Unfall auf Seiten des Opfers und auch des Fahrers verursacht hat, nicht noch weitere hinzuzufügen. Sie hat keine Zeugen geladen, keine Sachverständigen. Und so werden die Zuschauer Beobachter einer Verhandlung, die von viel Verständnis aller Beteiligten gekennzeichnet ist. In der offenbar wird, dass die Familie der Joggerin nicht von Hass gegen den 53-jährigen Fahrer zerfressen wird. In der es um Aussöhnung geht. Und um viel Geld, das im Zuge späterer Zivilprozesse um Schmerzensgeld und Entschädigung fließen soll. 50 000 Euro hat die Versicherung des Fahrers bereits außergerichtlich überwiesen, ein verheißungsvolles Zeichen.

Nach einstündiger Verhandlung wird das Verfahren gegen Udo F. eingestellt. Die Geldbuße von 5000 Euro, darauf pocht der Angeklagte, soll der Familie des Opfers zugute kommen. Keiner anonymen Opferhilfe-Organisation.

Einstellung – das bedeutet nicht, dass der aus dem Westfälischen stammende 53-Jährige an jenem Sonnabendmorgen keinen Fehler gemacht hat. Dies auch schriftlich festzuhalten, ist Rechtsanwalt Tobias Reinhart als Vertreter der Opferfamilie wichtig, denn das ist die Basis, um zivilrechtliche Ansprüche geltend zu machen. Und so gibt Richterin Fischer denn auch einen entscheidenden Satz zu Protokoll: Alle Beteiligten sind sich einig, dass den Angeklagten ein „Fahrlässigkeitsvorwurf“ trifft.

Eigentlich hätte F., als Auslieferungsmonteur eines in halb Deutschland bekannten Möbelhauses tätig, gar nicht auf der Walderseestraße unterwegs sein dürfen. Denn diese ist für Fahrzeuge über 3,5 Tonnen gesperrt. An jenem Morgen sei er aus dem Westfälischen gekommen, einen Beifahrer an seiner Seite, erläutert F., habe einen ersten Kunden in der List beliefert. Dann bog er, geleitet vom Navigationsgerät, mit seinem 7,5-Tonner auf die Walderseestraße in Richtung Groß-Buchholz ein, aus einer der Nachbarstraßen. Doch an mehreren Stellen, etwa nahe der Einmündung Fritz-Beindorff-Allee, steht ein Schild: für Fahrzeuge über 3,5 Tonnen verboten. Sein Beifahrer habe Papierkram erledigt, erklärt der 53-Jährige, und auch er selbst habe kein Verbotsschild wahrgenommen.

Opfer schaute nach hinten

In einem schriftlichen Gutachten steht, dass die Ausgangsgeschwindigkeit des Möbel-Lasters auf der Walderseestraße – nach Abzug der Toleranzen – 51 Kilometer pro Stunde betrug. Als der Lkw die Joggerin erfasste, hatte er noch Tempo 40 bis 45. „Der Unfall wäre laut Gutachten nur dann vermeidbar gewesen“, zitiert Richterin Fischer aus der Expertise, „wenn der Wagen höchstens Tempo 36 gefahren wäre“.

F.s Verteidiger Detlev Gudat weist darauf hin, dass sich das Opfer vor dem Betreten der Fahrbahn noch einmal umgedreht hat. Durfte der Lkw-Fahrer dies so interpretieren, dass die Frau auf ihr „Überquerungsrecht“ am Zebrastreifen verzichtet? Hätte er früher bremsen müssen? Oder können? „Ich glaube sogar, dass mich die Joggerin noch gesehen hat“, sagt F. Verteidiger Gudat will gar nicht leugnen, dass sich sein Mandant fahrlässig verhalten hat. Aber sicher nur in „äußerst geringem Maße“.

Die heute 39 Jahre alte Frau, deren vertrautes Leben an jenem 20. August auf dem Asphalt einer Straße am Waldrand endete, kommt aus Aschaffenburg. Die Mutter eines sechsjährigen Kindes – Akademikerin, Marathonläuferin – war nur zu Besuch in Hannover. Nach dem verheerenden Aufprall liegt sie zwei Monate auf der Intensivstation der MHH. Wird in eine andere Klinik verlegt. Lebt derzeit in einer rund um die Uhr betreuten Wohngemeinschaft in Aschaffenburg, muss zwischendurch immer wieder operiert werden. Die 39-Jährige hat schwere Hirnschäden davongetragen, kann nicht schlucken, sprechen, allein essen.

Fahrer hält Kontakt zur Familie

Und doch hat Udo F. all seinen Mut zusammengenommen, vor Monaten schon, und Kontakt zur Familie in Bayern aufgenommen. Schon mehrfach habe er mit der Mutter des Opfers telefoniert, berichtet er, auch mit Schwester und Schwager. Natürlich habe er immer wieder Angst vor diesen Gesprächen: „Aber ich habe noch nie gehört, dass ich nicht wieder anrufen soll.“ Hier mag auch Nebenkläger-Anwalt Reinhart nicht widersprechen: „Es gibt kein Interesse der Familie, dass der Fahrer zu einer harten Strafe verurteilt wird.“ Doch dessen Fahrlässigkeit muss schon protokolliert werden – schließlich kann eine lebenslange Pflege Hunderttausende von Euro verschlingen.     

Viele Unfälle auf der Walderseestraße

Viele Unfälle auf der Walderseestraße

Bereits 2012 kam es am Fußgängerüberweg Waldersee- Ecke Rubensstraße zu einem schweren Unfall: Ein Porsche-Fahrer – der die erlaubte Höchstgeschwindigkeit nicht überschritt – erfasste eine Fußgängerin und verletzte sie schwer. Die Statistik sagt, dass es auf der Straße am Eilenriederand jedes Jahr rund 60 bis 70 Unfälle gibt. Deshalb versuchen Lokalpolitiker von SPD und Grünen schon lange, die Walderseestraße zur Tempo-30-Zone zu machen; auch nach dem folgenreichen Zusammenstoß des Möbel-Lasters mit der Joggerin 2016 kochte die Debatte wieder hoch.

Die Verwaltung allerdings verweist darauf, dass sie die Walderseestraße laut Straßenverkehrsordnung gar nicht zur Tempo-30-Zone erklären dürfe. Auf einer solchen innerörtlichen Strecke sei dies nur möglich, wenn hier eine überdurchschnittlich hohe Unfallgefahr bestehe oder etwa Kitas, Schulen, Kliniken und Altenheime am Wegesrand liegen – was hier nicht der Fall ist. Bei den Unfällen handele es sich meist nur um „Kleinstunfälle“ mit leichten Blechschäden, nur sehr selten gebe es Schwerverletzte oder – wie zuletzt 2007 – Tote.
Vor dem Umbau der Straße 2011 mit neuen Verkehrsinseln, Zebrastreifen und Parkbuchten waren 85 Prozent der Autofahrer schneller als mit Tempo 50 unterwegs, erläuterte die Stadt im Vorjahr. Seither aber seien es nur noch 15 Prozent.    

 Die Partei Alternative für Deutschland (AfD) will im Dezember erneut einen Bundesparteitag in Hannover abhalten. Tagungsort soll wieder das Hannover Congress Centrum (HCC) sein. 

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