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Stadt Hannover Uta Pippig und der absolute Wille
Aus der Region Stadt Hannover Uta Pippig und der absolute Wille
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15:10 05.11.2018
Man muss nicht immer gewinnen wollen, rät Uta Pippig, und wollte doch selbst lieber gewinnen. Quelle: Clemens Heidrich
Hannover

Eine kleinere Strecke ist Uta Pippig, 53, an diesem Tag schon gelaufen. Für einen Kilometer ließ sie sich fünf Minuten Zeit, was für eine ehemalige Marathonläuferin von Weltniveau höchstens eine kleine Traberei ist. Keinen Stress an einem herrlichen Morgen mit klarer kühler Luft, einfach ein bisschen Freude haben, das hatte sie sich vorgenommen. Danach die Fahrt im ICE von Berlin nach Hannover. Sie freute sich über die schöne Herbstlandschaft entlang der Strecke. Vom Hauptbahnhof ging es mit dem Auto zum Stadion am Maschsee, wo Uta Pippig später einem Sportlerpublikum gut gelaunte Geschichten vom Laufen erzählen wird. Hannover kennt sie nicht. Sie überlegt kurz, in ein Sportler- und Unternehmerleben mit ungezählten Stationen passen ja etliche Orte, aber nee, sagt sie, nee, hier war sie noch nie.

Ein kleiner Spaziergang führt bei jetzt trübem Wetter mit beständiger Nieselgefahr am Stadionbad entlang. Man würde als Freizeitsportler vom ehemaligen Profi gerne erfahren, wie man sich nach Arbeitstagen zu stumpfer Trainingsarbeit überwindet. Uta Pippig, für die Quälerei wohl selten ein Problem war, macht da wenig Hoffnung: „Ein bisschen Spaß muss Anstrengung schon machen. Am besten ist es, man trainiert zusammen mit einer Gruppe und zu Zeiten, wo es ohne Stress hinein passt. Hinterher kann man sich eine Belohnung gönnen.“ Sie empfiehlt noch, sich zum Beispiel überschaubare Sechs-Wochen-Ziele zu setzen und einen Wettkampf nicht unbedingt mit dem verbissenen Ziel zu beginnen, unbedingt siegen zu müssen. „Das ist ja fast schon überheblich zu sagen: Ich will gewinnen. Bei einem Lauf kann so viel passieren. Ein Erfolg ist doch, dass man ankommt.“

Aber nur anzukommen war nie die Motivation der ehrgeizigen Uta Pippig. Sie betrieb ihren Sport professionell wie kaum eine Zweite, und spätestens nach dem Mauerfall und ihrem zügigen Umzug in die USA nach Boulder, Colorado, wurde Marathon zum Beruf der gebürtigen Leipzigerin. Es ist schwer zu sagen, durch welchen Lauf sie in Deutschland und der Sportwelt bekannter geworden ist. War es dieser Berlin-Marathon, der Ende September 1990 wenige Tage vor der offiziellen Wiedervereinigung erstmals durch den östlichen Teil der Stadt führte und bei dem eine Ostdeutsche, ausgerechnet eine Ostdeutsche, als Siegerin durchs Brandenburger Tor lief? Oder guckte die Öffentlichkeit noch genauer auf die zierliche Uta Pippig mit ihrem offenbar unverwüstlichen Willen, nachdem sich ihre Heldengeschichte von 42,1 Kilometern beim Boston-Marathons 1996 verbreitete?

Die war tatsächlich bemerkenswert, nur als Vorbild für andere Sportler taugt sie nicht. Nach wenigen Kilometern begannen die Magen-Darm-Probleme, was im Klartext heißt: Schmerzen und, mitten auf Bostons Straßen, echter Durchfall. „Ja, so war das, das kann man ruhig sagen.“ Zwischendurch war sie an einer Verpflegungsstation stehen geblieben, eine scheinbar erledigte Läuferin, die sich fragte, ob sie aufgeben sollte oder nicht. Doch Pippig, die zu diesem Zeitpunkt schon ein paar Jahre in den Vereinigten Staaten lebte und später auch mit zweitem Pass US-Bürgerin geworden ist, rannte weiter. „Je mehr ich mich entleerte, desto besser wurde es, auch die Krämpfe wurden weniger. Ich hatte den absoluten Willen, nicht aufzugeben. Ich dachte daran, wie viel ich und mein Team investiert hatten. Und ich wusste, dass ich eigentlich super in Form war.“

Also lief Uta Pippig, zäh und angetrieben vom Gedanken, diesen 100. Boston-Marathon zum dritten Mal in Folge zu gewinnen oder wenigstens vorne im Feld anzukommen. Sie fiel zurück, holte auf, fiel zurück, holte auf, bis das Ziel in Sicht war. Sie gewann ein schon verloren geglaubtes Rennen, weil die führende Läuferin kurz vor Schluss Muskelprobleme bekam. Pippig fühlte sich bestätigt: Man weiß nie, was bei einem Marathon passieren kann. Für den Sieg erhielt sie 100.000 Dollar Preisgeld.

Im Krankenhaus erklärten Ärzte sie für verrückt. „Heute würde ich das nicht wieder machen“, sagt Uta Pippig über ihren Lauf, der die Grenze zur Körperverletzung wohl überschritt. Doch mit diesem Sieg hielt eine Serie, die 1992 begann: Sechs Mal trat sie bei einem Marathon an, sechs Mal gewann sie, in Berlin, New York und Boston, wo sie 1994 ihre beste Zeit lief, 2:21, 45 Stunden. Bis heute ist es die zweitbeste Marke, die eine deutsche Frau jemals schaffte. Nur bei Olympischen Spielen klappte es nie mit einer Medaille. Zur sportlichen Biografie von Uta Pippig gehört auch ein langer Streit mit dem Leichtathletik-Verband. Der sperrte seine Läuferin für zwei Jahre, nachdem bei einer Dopingprobe ein zu hoher Testosteron-Wert festgestellt worden war. Pippig hat eine Manipulation stets bestritten. Ein Schiedsgericht hob das Doping-Urteil später auf.

Das Laufen hat aus der ehemaligen DDR-Bürgerin eine reiche Frau gemacht. Prämien, Antrittsgeld und Werbeverträge summierten sich, besonders in einem Land, das Sieger feiert und neidlos auf Erfolg und Vermögen blickt. „In den USA war ich das ehemalige Ost-Girl, ein Symbol für die Freiheit“, und man kann vermuten, dass ihre freundliche und unkomplizierte Art diese Beliebtheit sehr gefördert hat. Dass mittelmäßige Fußballer inzwischen Millionen verdienen, hat sich herumgesprochen, aber wie war es in der Leichtathletik bis zu ihrem Rücktritt 2002? Geld ist kein Thema, um das sie herum redet, da ist sie ganz so, wie man sich Amerikaner gemeinhin vorstellt: Es gibt keinen Grund, Erfolg kleinzureden. „Ich hatte früh ausgesorgt“, sagt Uta Pippig gerade heraus. Es klingt nicht nach Angeberei, es klingt nach Stolz auf die eigene Lebensleistung.

Jetzt ist sie Beraterin des Berlin-Marathons und führt die Stiftung „Take the magic step“, die Menschen zu einem gesunden Leben motivieren möchte. Sie schreibt für eine überregionale Tageszeitung, gibt Seminare und ist Zugpferd bei Veranstaltungen, wie in Hannover auf Einladung der örtlichen Marathon-Veranstalter. Jetzt schnell noch ein Foto auf der Laufbahn des Sportparks, ehe die Nieselei so richtig losgeht. Lächeln für das Bild, aber das ist echt kein Problem.

Von Gunnar Menkens

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