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Stadt Hannover Darum sind Asiaten bei Jugend musiziert so gut
Aus der Region Stadt Hannover Darum sind Asiaten bei Jugend musiziert so gut
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00:15 30.01.2017
Von Jutta Rinas
Wenn man mit der neunjährigen Yufei Song redet, ist sie manchmal ganz schön schüchtern. Am Klavier ist die kleine Teilnehmerin bei Jugend musiziert ausgesprochen ausdrucksstark. Quelle: Villegas
Hannover

Yufei Song ist neun Jahre alt - und ziemlich klein für ihr Alter. Schüchtern reagiert sie, wenn man sie fragt, ob sie ein Stück aus ihrem Programm für den Regionalwettbewerb Jugend musiziert vorspielen will. Lieber will sie erst über ihren großen Auftritt am Wochenende reden. Aufgeregt sei sie, erzählt die kleine Chinesin aus Misburg und vergräbt ihr Gesicht in ihren Händen. Obwohl sie es auch „cool“ findet, sich mit anderen Kindern zu messen.

Umso größer ist die Überraschung, wenn das Mädchen mit dem kindlichen Gesichtsausdruck sich dann ans Klavier setzt und einen Chopin-Walzer interpretiert. Ein Ton, der ganz erwachsen klingt, schallt da durchs Wohnzimmer. Auch wenn man mit Yufei über ihre Stücke spricht, spricht sie mit für ihr Alter erstaunlichem Ernst. Dass sie Bach lieber mag als Chopin, weil bei Chopin beim Spielen die Abstände zwischen den Händen viel größer seien, erzählt sie. Weiß sie, was die italienischen Ausdrucksbezeichnungen in den Noten bedeuten? „Kein Problem!“

Lang Lang löst einen Boom aus

Spätestens seit China den Starpianisten Lang Lang hervorgebracht hat, gilt das Land als die Zukunft der klassischen Musik. Seitdem drängen immer mehr hervorragende chinesische Klavierstudenten an deutsche Hochschulen. In Hannover beispielsweise hat Yundi Li, der nach Lang Lang berühmteste chinesische Pianist, studiert. Abenteuerliche Zahlen kursieren darüber, wie viele chinesische Kinder ihrer Heimat mittlerweile Klavier lernen. Von 15, 35, manchmal 50 Millionen Kindern ist die Rede. Ist es der Lang-Lang-Boom, der dafür sorgt, dass chinesische Teilnehmer auch bei Jugend musiziert oft so erfolgreich sind? Wenn man mit chinesischen Eltern oder Pädagogen aus Hannover redet, merkt man schnell, dass ein kulturell verankerter Aspekt eine viel wichtigere Rolle spielt. „Eltern aus Asien halten eine intensive musikalische Ausbildung einfach für einen wichtigen Bestandteil der Persönlichkeitsentwicklung ihrer Kinder“, sagt Bernd Goetzke, Gründungsdirektor des Instituts zur Frühförderung musikalisch Hochbegabter an der Musikhochschule (IFF). Goetzke, der auch in Japan und China schon viel unterrichtet hat, hält es für falsch, die ehrgeizigen Ziele vieler chinesischer Eltern vorschnell zu verurteilen. Vor der „Hingabe“, mit der sie sich der Erziehung ihrer Kinder widmeten, sagt er, könne man „ruhig auch einmal den Hut ziehen“.

Auch im Leben von Yufei Song soll das Klavier nur ein Mosaikstein in ihrer Ausbildung sein. Höchstens eine Stunde am Tag solle sie üben, sagen die Eltern. Wenn sie lieber malen wolle, okay. Nur dass sie Erfahrungen mit Kunst sammele, sagt die Mutter, sei wichtig. Der Unterschied zu mancher deutschen Familie ist aber: Das Lernpensum der Tochter ist hoch. Hausaufgaben, Chinesischunterricht, Sport, alles wichtig, sagen die Eltern, beide Informatiker, die zum Studieren nach Deutschland gekommen sind und seit 15 Jahren hier leben.

Das Pensum ist hoch

Auch die Misburgerin Grace Wen hat sich nie allein auf das Klavierspiel konzentriert, obwohl sie eine herausragende junge Pianistin ist. Geschwommen ist sie eine Zeit lang, sie spricht, obwohl in Deutschland geboren, fließend Chinesisch. Dazu ist sie schulisch „nicht ganz schlecht“ mit einem Schnitt bei mal 1,5, mal 1,3. Die 17-jährige Chinesin hat schon viele Preise bei Jugend musiziert gewonnen - und macht auch diesmal mit, obwohl sie zeitgleich Abitur macht. Eine zu hohe Belastung? Nein, sagt die zierlich junge Frau und lacht. „Ich muss mich nicht jeden Tag auf dasselbe konzentrieren. Mal lerne ich für die Schule, dann spiele ich Klavier. Das macht viel mehr Spaß.“ Warum sind auch in Hannover geborene Jugendliche aus Asien bei Wettbewerben wie Jugend musiziert oft so erfolgreich? Hat eine diszipliniertere, mehr auf das Lernen ausgerichtete Kindheit damit zu tun? In der Grundschule hätten ihre Eltern schon sehr darauf geachtet, dass sie ihre Pflichten erledige, Klavierüben, Sport, Lernen für die Schule. Aber nie hätten sie die Tochter zu etwas Speziellem gedrängt. Grace kann sich gut vorstellen, nach dem Abi etwas anderes als Klavier zu studieren: Zahnmedizin zum Beispiel. Wie sehr chinesische Eltern darauf bedacht sind, ihren Kindern möglichst viele Türen zu öffnen, macht ein Detail in Grace’ Biografie deutlich. Ihr Vater hat ihr den amerikanischen Vornamen deshalb gegeben, weil er an vielen Orten der Welt außerhalb Asiens leicht verständlich ist. In China gelte aber, das, was man mache, mache man gut. „Wenn wir etwas tun, setzen wir unsere ganze Kraft darein.“

Teilnehmerrekord bei Jugend musiziert

Beim 54. Regionalwettbewerb Jugend musiziert sind jetzt am Wochenende in Hannover-Stadt 147 Teilnehmer am Start. Am vergangenen Wochenende in der Region waren es 78. Das ist ein neuer Teilnehmerrekord – und steht nach Angaben von Bernd-Christian Schulze, dem Vorsitzenden des Regionalausschusses Jugend musiziert der Stadt Hannover, im Gegensatz zu einem rückläufigen Trend in vielen anderen Regionen Niedersachsens. Die verstärkten schulischen Belastungen seien doch vielerorts spürbar. Dieser Trend sei in Hannover glücklicherweise seit einigen Jahren nicht zu erkennen, sagt Schulze. Der Wettbewerb werde diesmal sogar an zwei Tagen durchgeführt. Besonders stark vertreten ist das Instrument Klavier solo mit 62 Teilnehmern. Der Wettbewerb in den Räumen der Musikschule, Haus der Jugend, Maschstraße 22–24, ist diesmal für Klavier, Harfe, Streicher-Ensemble, Bläser-En­-
semble und Akkor-
deon-Kammermusik ausgeschrieben. Er findet am Sonnabend von 9.30 bis 17 Uhr und am Sonntag von 9.30 bis 15.30 Uhr statt.

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Nachgefragte bei Bernd Goetzke, 
Gründungsdirektor des Frühförderungs-Instituts IFF

„Beethoven hätte seine helle Freude gehabt“

Worin unterscheiden sich musikalische Talente aus China oder Japan von deutschen?

Man muss mit der Antwort vorsichtig sein. Es besteht Klischeegefahr. Im IFF beispielsweise habe ich immer nur „Einzelwesen“ aus Asien unterrichtet. In Tokio oder Beijing vertraut man mir gerne mal 50 an, die ich dann in einem Kurs in Einzelstunden unterrichte. Und da wird’s spannend.

Wieso?

Beethoven hätte seine helle Freude daran gehabt, wie gut seine Botschaften auch in Asien verstanden werden. Kleiner Exkurs: Wilhelm Kempff erzählte mir vor vielen Jahrzehnten von einem zwölfjährigen japanischen Mädchen, das ihn zu Tränen gerührt hatte, weil ihm in seinem Vorspiel die Erleuchtung gekommen war, wie man eine bestimmte Sonate von Beethoven spielen müsste. Ich mag diese Geschichte auch deshalb, weil sie die Vorurteilsfreiheit dieses großen Pianisten aufzeigt.

Welche Rolle spielt die Erziehung?

Man müsste natürlich eigentlich zwischen Japan, China, Taiwan und Korea differenzieren. Aber es gibt auch Gemeinsamkeiten, eine Gegenüberstellung AsienDeutschland ist schon möglich. Man trifft nach wie vor auf ein anderes Verhältnis zwischen den Generationen als bei uns. Autorität und Respekt stehen nicht infrage. Es gibt auch interessante Nebenaspekte ...

Welche denn?

Ein japanisches Kind muss einfach fleißig sein, wenn es überhaupt schreiben lernen will, und ein chinesisches Kind entwickelt ein feines Gehör, weil das Verständnis der gesprochenen Worte von der Intonation abhängig ist.

Eltern aus Asien gelten oft als sehr ehrgeizig.

Für asiatische Eltern ist Erziehung in der Regel eine heilige Aufgabe, sie investieren enorm viel Kraft, Zeit, auch Geld. Aber man hüte sich vor dem Begriff „falscher Ehrgeiz“. Die Eltern übernehmen Verantwortung mit dem Blick auf das ganze Leben.

Interview: Jutta Rinas

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