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Stadt Hannover Wie konnte sich Kentler an der Uni halten?
Aus der Region Stadt Hannover Wie konnte sich Kentler an der Uni halten?
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00:35 29.04.2018
Teresa Nentwig berichtet in der Leibniz-Universität über ihre Forschungen zu dem umstrittenen Sexualwissenschaftler Helmut Kentler. Quelle: Samantha Franson
Hannover

 Ist der Sexualwissenschaftler Helmut Kentler selbst gegenüber Heranwachsenden sexuell übergriffig geworden? Eindeutig beantworten will  Forscherin Teresa Nentwig diese Frage zunächst nicht. „Es gibt lediglich Hinweise darauf. Aber aller Wahrscheinlichkeit nach war Kentler selbst Täter“, sagt Nentwig, als sie Donnerstag den Stand ihrer Untersuchungen an der Leibniz-Universität öffentlich vorgestellt. Der 2008 verstorbene Professor lebte in Hannover mit drei Adoptiv- und mehreren Pflegesöhnen zusammen. Relativ gesichert lasse sich sagen, dass der Wissenschaftler männliche Jugendliche als sexuell attraktiv empfand. Nentwig bleibt im Vortrag zunächst vorsichtig. Etliche der rund hundert Zuhörer haben Kentler noch selbst erlebt, der von 1976 bis 1996 an der Uni lehrte.

Die Politikwissenschaftlerin Nentwig erforscht das Leben und die Arbeit des umstrittenen hannoverschen Pädagogen seit mehr als zwei Jahren. Kentler hat Ende der Sechzigerjahre mit Unterstützung der Berliner Senatsverwaltung obdachlose Stricherjungen bei Männern untergebracht, die wegen sexueller Kontakte mit Minderjährigen bereits vorbestraft waren. Die Opfer leiden bis heute darunter. In seinen Schriften verharmloste der Forscher sexuelle Kontakte von Erwachsenen mit Kindern und Jugendlichen, stellte sie sogar als positiv für die Persönlichkeitsentwicklung dar. Kentler nahm damit eine Schlüsselstellung unter Sexualwissenschaftlern und Politaktivisten ein, die ab den Sechzigerjahren Sex mit Kindern und Jugendlichen straffrei stellen wollten. 

Doch wieso konnte der Wissenschaftler sich mit seinen zweifelhaften Thesen so gut im Unibetrieb etablieren? „Kentler war tatsächlich ein Star und relativ unangreifbar, das Fernsehen ist bei ihm ein und aus gegangen“, berichtet Nentwig. Sie wird die Haltung der damaligen Fakultät im Auftrag der Uni in den nächsten Monaten erforschen. Eine „emanzipatorische“ Sexualpädagogik, wie Kentler sie etablieren wollte, vertraten damals womöglich auch andere dezidiert linke Wissenschaftler der Uni wie Peter Brückner und Oskar Negt, mutmaßt Nentwig. 

Lange war Kentler als Ratgeber für Sexualerziehung mit populären Büchern, in Zeitungen, Radio und Fernsehen sehr präsent. Als die Zeitschrift Emma ab 1993 Kentler angriff und die Rechtfertigung des sexuellen Missbrauchs von Kindern kritisierte, traten auch in Hannover kritische Feministinnen auf den Plan. Doch die Fakultät stellte sich schützend vor ihren Professor. „Er hatte da ein Umfeld, in dem er arbeiten konnte und Rückhalt besaß“, konstatiert Nentwig. 

Ein Zuhörer berichtet, Kentler habe seine eigenen Pflegekinder als Anschauungsobjekte mit in Vorlesungen gebracht und vorgeführt. Er fragt: „Wie konnten die Mitarbeiter darüber hinweggehen?“ Doch der Sexualwissenschaftler muss eine schillernde, auch einnehmende Persönlichkeit gewesen sein. Manche Zuhörer schildern seine Einfühlsamkeit und großen pädagogischen Fähigkeiten. Die Bewunderung reicht bis heute an. „Ich finde den strafrechtliche Unterton, der jetzt mitschwingt, deshalb nicht in Ordnung“, äußert ein Mann, selbst Politologe. Volker Epping, Präsident der Leibniz-Uni, schüttelt heftig den Kopf. „Es sind Straftaten passiert, das darf man nicht beiseite wischen“, betont Epping. Kentler habe außerdem Thesen vertreten, mit denen er wissenschaftliche Forschungsergebnisse ignorierte. 

Als ein Mann schließlich meint, man dürfe „die positiven sexuellen Kontakte, die Erwachsene mit Kindern haben, nicht ausblenden“, gibt Nentwig ihre wissenschaftliche Zurückhaltung auf. Sie berichtet, Kentler habe gewusst, dass seine Pflegesöhne vorher im Heim negative gleichgeschlechtliche Erfahrungen gemacht hatten. Er selbst schrieb, er sei „verknallt“ in sie. „Trotz dieses Vorwissens hat er sie massiert, bis sie zur Erektion kamen. Das ist eindeutig sexueller Missbrauch.“

Weiterlesen: Wer war Helmut Kentler?

Weiterlesen: „Der Missbrauch wird mich für immer prägen“

Von Bärbel Hilbig

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