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Stadt Hannover Darum sind Beamten mit Migrationshintergrund wichtig
Aus der Region Stadt Hannover Darum sind Beamten mit Migrationshintergrund wichtig
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00:16 22.02.2017
Auf Streife mit Nadja Poleschikova (28) und Atakan Akdag (34), die beide einen Migrationshintergrund haben. Quelle: Samantha Franson
Hannover

Um 18.26 Uhr wird es ernst. Atakan Akdag (34) und Nadja Poleschikova (28) schalten das Blaulicht ein. Im Streifenwagen ist jetzt Schluss mit privaten Gesprächen über Zahnzusatzversicherungen und den letzten Urlaub. Am Capitol kurvt Akdag über die Bahnschienen, vorbei an wartenden Autos, im Eiltempo geht es durch die Stadt, mit Martinshorn über etliche Kreuzungen. Der Anlass: An der Stadtbahnhaltestelle Körtingsdorfer Weg soll knapp ein Dutzend Jugendlicher Ärger machen. Autorität wird gefragt sein, später wird eine Waffe sichergestellt. Im Einsatz: zwei Beamte mit Migrationshintergrund. Das passt sich gut im Multikulti-Westen der Stadt.

Die beiden Polizisten mit ausländischen Wurzeln gehören zu einer Minderheit unter 80 Kollegen in der Polizeiinspektion West. Akdag ist Türke, Poleschikova ist Usbekin. Dunkle Haare, dunkle Augen: Zumindest dem 34-Jährigen sieht man die Herkunft seiner Familie auf den ersten Blick an. Macht das eher Probleme, oder ist die Herkunft ein Vorteil? Massiv wirbt die Polizei um Nachwuchs mit nicht deutscher Herkunft. „Wir können Situationen oft die Brenzligkeit nehmen, wenn Bürger mit Migrationshintergrund beteiligt sind“, sagt die blonde Poleschikova. Denn in Situationen, wo beide Seiten nicht wissen, was gerade passiert und was der andere von ihnen will, eskalierten auch eher harmlose Konflikte schneller.

Durchsuchung am Bahnsteig

Angekommen an der Haltestelle springen die Beamten schnell aus dem Auto. Dort stehen die Verdächtigen, knapp ein Dutzend Jugendliche. Akdag und Poleschikova rufen Verstärkung. „Wenn so viele da sind, bin ich immer noch nervös und angespannt“, gesteht Poleschikova, während sie zur Haltestelle läuft: Sie will verhindern, dass die jungen Männer in die nächste Bahn steigen und verschwinden. Die Situation ist unübersichtlich. Mittlerweile sind vier weitere Kollegen angekommen - und sie greifen durch: „So, jetzt aber alle mal in einer Reihe aufstellen und die Hände aus den Taschen“, herrscht Akdag die Jugendlichen in strengem Ton an. Die Gruppe, die eben noch wirr durcheinandergeredet hat und verlangte, dass man ihnen sage, was sie denn bitte gemacht hätten, wird auf einmal ruhig. Alle stehen sie nun mit erhobenen Händen am Geländer des Hochbahnsteigs. Was denn das Problem sei, fragt einer: Es habe doch nur eine kleine Auseinandersetzung auf musikalischer Ebene gegeben. Das ist den Polizisten zunächst egal - die Jugendlichen werden durchsucht. „Ich muss etwas gestehen“, gibt daraufhin einer kleinlaut zu. „Ich habe eine Schreckschusspistole dabei.“

Waffenschein? „Beantragt“

Poleschikova, die ohnehin schon angespannt war, reagiert prompt. „Hände hoch, ich greife dir in die Tasche!“ Wenige Sekunden später zieht Poleschikova eine erschreckend echt wirkende Pistole aus der Jackentasche. „Damit kommst du in Teufels Küche - wenn es blöd läuft, hast du das nächste Mal ein Loch in der Brust.“ Das sitzt.

Der Jugendliche beteuert, er habe die Pistole nur zur Selbstverteidigung. Natürlich habe er einen Waffenschein - doch als Poleschikova das überprüfen will, fügt er kleinlaut hinzu: „beantragt“. Während Poleschikova noch mit dem Jugendlichen beschäftigt ist, durchsuchen die anderen Beamten die restlichen Streitlustigen.

"Wir verhaften jeden Einzelnen"

Schon am Nachmittag war die Gruppe auffällig geworden. Eine Streife wurde gerufen, nachdem sie einen anderen Jugendlichen bedroht und dabei auch mit der Schreckschusspistole in die Luft gefeuert haben soll. Akdag reicht es: „Treffe ich euch hier heute noch einmal, dann komm ich meinetwegen auch mit 15 Streifenwagen - und wir verhaften jeden Einzelnen.“ Die Drohung scheint zu wirken. Die Jugendlichen steigen in die nächste Bahn. Sie kommen nicht wieder.

In Hannover fast 18 Prozent Polizisten mit ausländischer Familiengeschichte

Ein Prozent der bundesweit 250.000 Polizeibeamten hat einen Migrationshintergrund. Doch der Anteil steigt – vor allem dort, wo gezielt um Nachwuchs aus Einwandererfamilien geworben wird. Von 1114 Polizeischülern in Niedersachsen haben 137 einen Migrationshintergrund. Unter den Bewerbern hatten in diesem Jahr sogar knapp 19 Prozent einen nicht klassisch deutschen Hintergrund – 2007 waren es nur rund 4 Prozent. Auch im Vollzugsdienst steigt die Zahl der Beamten mit ausländischen Wurzeln: 2016 hatten 836 von den 20?077 Polizeibeamten einen Migrationshintergrund – 4,16 Prozent. In Hannover ist der Anteil von Polizisten mit Migrationshintergrund mit fast 18 Prozent noch höher. 161 der 3137 Beamten der Polizeidirektion haben keine deutschen Wurzeln. „Die Polizeidirektion Hannover verfolgt bei der Einstellung von Beamten mit Migrationshintergrund das Ziel, die weitergehenden Sprachkenntnisse sowie die besondere kulturelle Kompetenz im Zuge der polizeilichen Aufgabenbewältigung zu nutzen“, sagt ein Sprecher. Nicht nur in Hannover, in ganz Niedersachsen wird gezielt Menschen mit Zuwanderungsgeschichte geworben – mithilfe von Kampagnen , direkten Ansprachen und mehrsprachigen Flyern und zweisprachigen Anzeigen auch in fremdsprachigen Zeitungen. Auch werden bei Informationsveranstaltungen und auf Berufsmessen gezielt junge Polizeibeamte mit erkennbarem Migrationshintergrund eingesetzt.

Der 34-jährige Akdag hat sein ganzes Leben in Deutschland verbracht, sein Vater aber kam in den Siebzigerjahren als Gastarbeiter aus der Türkei in den Ruhrpott. „Mit meinem Wissen über die türkische Kultur, Religion und Sprache habe ich oft einen Vorteil - etwa wenn es um häusliche Gewalt in türkischen Familien geht“, sagt Akdag. Er wisse, dass muslimische Männer oft gereizt reagieren, wenn ein männlicher Beamter alleine mit ihren Frauen redet. „Häufig denken sie: ,Wie kann das sein, dass ein Fremder mit meiner Aischa allein in der Küche sitzt’ - das muss man dann erklären.“ Dennoch, als Sondereinsatzkommando „Multikulti“ sehe er sich nicht, auch wenn er oft gezielt zu Einsätzen geschickt wird, bei denen Migranten beteiligt sind.

Schon immer Traumberuf

Das passiert im Einzugsgebiet der Polizeiinspektion West häufig: In Linden-Süd haben rund 45 Prozent der Einwohner einen Migrationshintergrund, in Mühlenberg hat sogar mehr als jeder zweite Anwohner ausländische Wurzeln. Insgesamt sind die beiden für die Sicherheit von etwa 165 000 Einwohnern von Wettbergen und Mühlenberg bis Stöcken und Marienwerder zuständig. „In Mühlenberg ist das Konfliktpotenzial hoch, weil so viele unterschiedliche Menschen auf sehr engem Raum wohnen“, sagt Poleschikova, während Akdag sich die Passanten am Canarisweg anschaut. Sie kam mit zwölf Jahren mit ihrer Mutter nach Deutschland. „Das hört sich jetzt kitschig an - aber Polizistin war schon immer mein Traumberuf“, sagt Poleschikova, für die ihre Berufswahl ein Stück gelebte Integration ist. Man müsse sich ja mit den Gesetzen, dem Land und seiner Verfassung identifizieren. „Was ich hier täglich durchsetze, muss ich auch leben“, sagt sie.

Für die beiden Polizeikommissare geht es erst mal zurück zur Wache. Die Schreckschusspistole, verstaut in einem Plastikbeutel, muss in die Asservatenkammer, das Protokoll muss geschrieben werden. Akdag isst noch zwei Schokoriegel, dann geht es wieder in die Kälte.

Das Funkgerät schweigt. „Eigentlich ist der Tag ruhig“, sagt Akdag. Er nutzt die Zeit, um Falschparker auf der Limmerstraße aufzuschreiben. Das lohnt sich heute - in zwei Minuten trifft es fast zehn Autos. Kurz vor 21 Uhr kommt der nächste Einsatz für das Team: In einer türkischen Backstube am Goetheplatz wurden die Tageseinnahmen gestohlen.

"Es hat geholfen, dass er mich versteht"

Im Inneren des Geschäfts sitzen zwei Kunden, die für die Besitzerin die Polizei verständigt haben. Die 44-Jährige mit dem hellbraunen Kopftuch mit grünem Blumenmuster geht auf und ab und schildert Akdag, was passiert ist. Vor einigen Stunden sei ein Mann in die Backstube gekommen und habe sie unter dem Vorwand, dass überall Müll rumliege, in die Toilette gelockt. Als dann mehr als eine Stunde später die nächsten Kunden kamen und ihre Waren bezahlten, sei ihr aufgefallen, dass die Tageseinnahmen von 520 Euro verschwunden waren. Die Frau stellt sich hinter die Kasse, drückt eine Taste und die Schublade, in der eigentlich das Geld liegen sollte, öffnet sich. Vor ihr stehen Baklava und Mandelgebäck. „Da kriegt man richtig Hunger“, sagt Poleschikova, die von der Unterhaltung nichts versteht. „Da fühlt man sich manchmal dann doch irgendwie nutzlos“, sagt sie. Das Opfer aber bedankt sich bei Akdag: „Es hat sehr geholfen, dass er mich versteht.“ Die Frau berichtet, dass es Videoaufnahmen vom Täter gibt - nur kann sie diese nicht abspielen. Ihr Sohn müsse damit zur Wache kommen. Mehr können Akdag und Poleschikova im Moment nicht für sie tun. Und bald endet auch die Schicht nach zwölf Stunden.

Von Lisa Malecha

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