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Stadt Hannover Was wird hier gespielt?
Aus der Region Stadt Hannover Was wird hier gespielt?
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16:04 07.12.2014
Von Stefan Arndt
Wofür soll ein abstrakter Titel wie City of Music, den die Unesco in dieser Woche unter anderem Hannover verliehen hat, eigentlich gut sein? Quelle: dpa
Hannover

Natürlich kann man Zweifel haben. Zunächst grundsätzliche: Wofür soll ein abstrakter Titel wie City of Music, den die Unesco in dieser Woche unter anderem Hannover verliehen hat, eigentlich gut sein? Und was soll man konkret von einer Musikstadt halten, der ein aus der Tradition gewachsenes klares musikalisches Profil weitgehend fehlt? In Wien würde man eine solche Auszeichnung als gleichsam naturgegeben hinnehmen. In Hannover muss der Oberbürgermeister erst mit einer Gitarre posieren, um Stadt und Titel überhaupt zusammenzubringen.

Es ist sicher schon nicht ganz einfach gewesen, ausreichend prominente Unterstützer für die Bewerbung zu finden. Und man sollte besser auch nicht zu genau nachfragen, was einen Künstler wie Thomas Quasthoff, der in Hildesheim geboren ist und seit Langem in Berlin lebt und lehrt, eigentlich so eng mit der Stadt verbindet, an deren Musikhochschule er einst nicht studieren durfte.

Hannover ist keine Musikstadt

Doch vielleicht sind es gerade die offensichtlichen Schwierigkeiten und Ungereimtheiten einer hannoverschen Bewerbung, die am Ende zur Titelvergabe geführt haben: Hannover ist keine Musikstadt. Aber es möchte eine werden. Der Wille zum Glück ist hier das größte Kapital.

Quer durch alle Stile und Genres begrüßen die Musiker der Stadt die Entscheidung. Fragt man sie nach ihren Erwartungen an das Leben und Arbeiten in einer City of Music, herrscht neben der Hoffnung auf kleinere individuelle Fördermaßnahmen auffällige Einigkeit: Alle Musiker wünschen sich größere Aufmerksamkeit für ihr Tun. Egal ob die riesige Staatsoper oder ein einzelner freischaffender Musikant - sie alle wollen mehr und besser gehört werden.

Das ist weder ein ganz neuer noch ein überraschender Wunsch - Applaus ist das Brot des Künstlers -, seine Erfüllung allerdings könnte bis zu einem gewissen Grad realistisch sein. Gerade als Absichtserklärung verstanden kann der Musikstadttitel tatsächlich dabei helfen, den Scheinwerfer neu auf Konzerte und Institutionen zu lenken. Man wird es demnächst nachdrücklicher, häufiger und hoffentlich auch überzeugender hören als bislang gewohnt: Hier ist Musik wichtig! Hört uns an! Da kann man schon hoffen, dass es nicht vollständig verhallt.

Aufmerksamkeit ist stärkste Währung

Schon ein kleiner Schritt in diese Richtung könnte viel bewirken. Folgt man dem Architekten und Philosophen Georg Franck, so ist Aufmerksamkeit eine der stärksten Währungen unserer Zeit. Die Frage nach zusätzlichem Geld, das die Stadt vorerst sicher nicht in ihr Musikleben stecken wird, kann durchaus dahinter verblassen. „Die Aufmerksamkeit anderer Menschen ist die unwiderstehlichste aller Drogen“, schreibt Franck in seiner 1998 erschienenen „Ökonomie der Aufmerksamkeit“. Ihr Bezug steche jedes andere Einkommen aus. „Darum steht der Ruhm über der Macht, darum verblasst der Reichtum neben der Prominenz.“

Natürlich verfügen nur die wenigsten hannoverschen Musiker über Ruhm und Prominenz, daran wird der neue Titel nichts ändern. Er könnte aber helfen, die vielen kleinen Anteile einzelner Akteure zu einer gemeinsamen größeren Bekanntheit aufzusummieren. Das würde sich lohnen, denn Aufmerksamkeit gewinnt laut Franck erst ab einer bestimmten Höhe einen Wert. Wie eng sie mit der Höhe eines tatsächlich einzulösenden Kapitals zusammenhängt, kann man beispielhaft in der Werbung beobachten: Je höher die Reichweite eines Mediums, desto teurer wird die darin platzierte Werbung.

Hohe Dichte von Bläserklassen

Nun ist es so gut wie unmöglich, die zahlreichen musikalischen Akteure der Stadt unter das Dach einer einzigen Marke zu zwängen, und der Markenname City of Music selbst hat viel zu wenig Strahlkraft. Dennoch gibt es durchaus ein verbindendes Element aller beteiligten Kräfte, in dem sich so etwas wie die musikalische Identität der Stadt erkennen lässt: In Hannover kann man die Musik gleichsam aufwachsen sehen. Das beginnt mit einer ungewöhnlich hohen Dichte von Bläserklassen und einer großen Musikschule, führt über die in dieser qualitätsvollen Dopplung einmalige Möglichkeit, im Mädchen- oder Knabenchor zu singen, zur einer wunderbar breit aufgestellten, international renommierten Musikhochschule. Die gestandenen Musiker und Veranstalter der Stadt schließlich sind ganz überwiegend selbst von diesem Milieu geprägt worden und erweisen sich in ihrer Arbeit als ebenso kompetent wie aufgeschlossen.

Das Ergebnis ist nicht etwa eine neue Musikströmung, die sich als „Hannover Style“ leicht verstehen und vermarkten ließe. Es ist vielmehr eine Haltung, die offen, pragmatisch und experimentierfreudig ist. Nicht immer kommt ein großer Wurf dabei heraus. Aber in allen Musikrichtungen unternimmt man hier derzeit kleine Schritte ins Neuland.

Open-Air-Opern der Radiophilharmonie

Die Jazzmusiker bündeln mit nie gekannter Selbstverständlichkeit ihre Kräfte, die Radiophilharmonie erobert sich mit Open-Air-Opern den öffentlichen Raum zurück, die Chöre übertreffen sich mit immer originelleren Aktionen. Selbst eine altehrwürdige Einrichtung wie die Kammermusikgemeinde bietet ein abwechslungsreiches, interessantes und vor allem sehr modernes Programm, das jede Metropole schmücken würde. Allerorten wird zusammengearbeitet, vernetzt und an neuen Präsentationsformen getüftelt.

Das einzige Problem am Neuen jenseits des großen Spektakels: Man kennt es noch nicht. Das senkt den Kurs der Aufmerksamkeit. Vor allem der Reiche wird reicher - das gilt auch für die Währung von Georg Franck. Wenn es in der frisch gekürten City of Music gelingt, die Lust an den kleinen Entdeckungen zu wecken, wenn die Freude, Musik wachsen zu sehen, noch weiter geteilt wird, dann wird man bald nicht mehr erklären müssen, warum ausgerechnet Hannover Musikstadt sein will. Eigentlich ist es nur eine Frage des Willens. Dass der da ist, ist die frohe Botschaft des Unesco-Titels.

Nachgefragt...

Wolfgang Schneider, Professor für Kulturpolitik, über den Impuls der Unesco

Hannover hat den Unesco-Titel City of Music, Sie haben für Kulturpolitik den Unesco-Chair an der Uni Hildesheim. Was macht man auf solch einem Lehrstuhl?
Da geht es um internationale Kulturbeziehungen, etwa zwischen Europa und Afrika, um die Rolle von Kunst und Kultur in Transformationsprozessen, den Vergleich von Kulturpolitiken ...

... und auch um politische Einflussnahme auf die Kulturökonomie? Entsteht die bloß irgendwie? Oder kann sie systematisch aufgebaut werden?
Im Kapitalismus ist alles möglich, was sich verkauft, was einen Markt findet. Das kann man durch Subventionen befördern, das ist Teil der Wirtschaftspolitik. In der Kulturpolitik sprechen wir statt von Subventionen lieber von Investitionen in Ziele, die in der Gesellschaft als wertvoll erachtet werden, auch wenn sie nicht marktgängig sind.

Gibt es Erfolgsbeispiele für Kultur als Wirtschaftsfaktor?
Da kann man Hildesheim nennen, das mit dem Unesco-Welterbe-Label Marketing beim Kulturtourismus betreibt. Oder Frankfurt, das nicht nur Museen, Oper und Schauspiel in rein kommunaler Finanzierung hat. Da hat Kulturdezernent Hilmar Hoffmann schon vor Jahrzehnten Atelierräume gefördert, ganze Straßenzüge zum Quartier für Künstler und Galeristen ausgebaut. Das wirkt sich deutlich auf die Kulturwirtschaft aus ...

… die es dort vor 40 Jahren so nicht gab?
Das kann man so sagen. Und es gibt solche Effekte nicht nur auf kommunaler Ebene: Nordrhein-Westfalen hat es durch weitsichtige Förderinstrumente geschafft, den Fokus vom Montan- auf den Medien- und Kultursektor zu verlagern.

Wird Kultur als harter Standortfaktor ernst genommen?
Nein. Alle meine Forschungen dazu zeigen, dass nur ein paar clevere Bürgermeister das verstanden haben. Aber die breite Masse kürzt und schließt und unterwirft sich dem Diktat der Haushaltskonsolidierung.

Setzt da das Label City of Music jetzt neue Impulse?
Das ist eine große Ehre für die Stadt, aber auch eine Herausforderung. Den Unesco-Titel darf man getrost als Auftrag dazu verstehen, Investitionen in Musikschulen und Musikunterricht, ins musikalische Leben auf den Weg zu bringen, Räume und Netzwerke für die hier Kreativen zu schaffen und zu unterstützen. Und das sollte nicht auf Hannover begrenzt, sondern bewusst interkulturell und international angelegt sein. Dafür hat die Stadt die Auszeichnung bekommen und nicht, um sich auf solchen Lorbeeren auszuruhen.

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