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Stadt Hannover Stille Nacht, heikle Nacht – für Patchworkfamilien
Aus der Region Stadt Hannover Stille Nacht, heikle Nacht – für Patchworkfamilien
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13:10 23.12.2016
Von Jutta Rinas
„Die Sogwirkung von Weihnachten“: In der Patchworkfamilie von Melanie Brockamp und Oliver Thiele feiern die Kinder Lucia, Laszlo und Jasper zusammen. Fotos: Kutter, von Ditfurth Quelle: Katrin Kutter
Hannover

Diesmal wird es nicht Ente geben, sondern Fisch. Und Gemüse. Die Geschenke werden unter dem reich geschmückten Weihnachtsbaum im Wohnzimmer liegen. Weihnachtskugeln, goldfarbene Vögel, Kerzen. Alles ist schon fertig dekoriert. Dass Weihnachten in der Familie von Oliver Thiele und Melanie Brockamp eine wichtige Rolle spielt, ist nicht zu übersehen, wenn man ihre Altbauwohnung in Hannover-Linden betritt.

Warum aber ist Weihnachten auch im Jahr 2016 noch ein so wichtiges Fest? Dreimal setzt Melanie Brockamp an, um zu beschreiben, was das Fest der Liebe ihr bedeutet. Ein Wort kommt jedes Mal vor: „Familie“. Weihnachten sei für sie ganz eng mit diesem Begriff verknüpft, sagt die hannoversche Kinderbuchillustratorin. Als Kind habe sie nicht nur mit Eltern und Geschwistern, sondern mit Oma, Opa, Tanten und Nachbarn gefeiert: „Das Haus war voll.“

Der Stiefsohn gehört dazu

Was aber bedeutet Familie in ihrem Fall? Schon wenn man das Klingelschild an der Haustür liest, bekommt man eine Ahnung davon, dass die Sache hier etwas komplexer ist. Neben den Namen Brockamp und Thiele, Architekt und Betreiber von „PlatzDa!“, einer Lindener Initiative für lebenswertere öffentliche Räume, kann man hier auch den Nachnamen des großen Sohnes von Oliver Thiele aus einer früheren Beziehung finden. Zählt Jasper (21) mit zur Familie, wenn Weihnachten gefeiert wird? Oder gehören dazu eher die Kleinen, Laszlo und Lucia, die zwölf und sieben Jahre alten Kinder, die Brockamp und Thiele miteinander haben? „Jasper ist ein Geschwisterkind unserer Kinder, eine absolute Bereicherung“, sagt Melanie Brockamp entschieden über den Jungen, für den es im Deutschen kein anderes Wort als das unschöne „Stiefsohn“ gibt. Dass die 43-Jährige das so ohne Wenn und Aber formuliert, hat vermutlich auch damit zu tun, dass sie die Beziehung Thieles zu seinem Großen nie infrage gestellt hat: „Als ich mit meinem Mann zusammenkam, war mir klar: Sein Sohn wird ihm immer sehr wichtig sein.“

Melanie Brockamp und Oliver Thiele sind eine Patchworkfamilie - und leben damit eines der vielen Alternativmodelle, die es heutzutage neben der Normfamilie gibt. Stief-, Adoptiv-, Pflegefamilien gehören dazu, Regenbogenfamilien, in denen Kinder gleichgeschlechtliche Eltern haben. Daneben gibt es die große Gruppe der Alleinerziehenden.

An Weihnachten stehen diese bunten Lebensgemeinschaften oft unter Druck. In Familien, in denen die leiblichen Eltern nicht mehr zusammenleben, stellt sich plötzlich die Frage, an welchem Tag das Kind bei Mama und an welchem es bei Papa feiert. Oft finden sich Ex-Partner für einen Festtag noch einmal zusammen, der Kinder wegen. Auch wenn es manchem schwerfällt, die einstmals geliebten, mittlerweile aber nervenden Gewohnheiten des anderen zu ertragen. Oft ist gerade Heiligabend hart umkämpft. Wie sehr, das gibt im Netz die Antwort eines Familienexperten auf die Frage der neuen Lebensgefährtin eines Mannes wieder: Ob sie sich wünschen dürfe, dass dieser das Fest mit ihr verbringe - und nicht mit dem Sohn und der Ex? Es grenze fast an göttliche Fügung, dass Weihnachten schon mit zweieinhalb Feiertagen ausgestattet worden sei, als sich die Verbreitung von Patchworkfamilien noch nicht einmal am Horizont abgezeichnet habe, sagt er salomonisch. Heute habe diese Regelung endlich praktischen Nutzen.

In der Familie von Lena Krys-Ackenhausen in der List hat der Begriff „Regelung“ noch einen ganz anderen Sinn. Die 48-Jährige hat - wie viele Ex-Eheleute - nach der Trennung von ihrem Mann per Umgangsvereinbarung festgelegt, wer wann die Kinder betreut. Selbst die Frage, wo die beiden gemeinsamen Töchter Weihnachten verbringen, wird schon im Vorhinein geklärt: Die Eltern wechseln sich Jahr für Jahr ab. 2015 waren die Kinder bei ihr, nun wird die Lehrerin an einer IGS ihr erstes Weihnachtsfest ohne Mayah (10) und Jordana (13) verbringen. Und das, obwohl es in ihrer Familie wunderbare Weihnachtsrituale gab. Die große Schwester sei früher mit den beiden Kleinen draußen spazieren gegangen, während man drinnen alles daran setzte, die Illusion vom Weihnachtsmann mit Leben zu füllen, erinnern Mutter Lena und Tochter Mayah sich: „Das ging bis dahin, dass seine Fußstapfen im Schnee imitiert wurden.“ Wie ist das geteilte Weihnachten für die Kinder heute? „Es ist anders, aber nicht das Allerschlimmste“, sagt Mayah weise. Wichtig sei, dass sie „alle irgendwann in der Weihnachtszeit sieht“.

Das Fest zeigt Familienbrüche

Lena Krys-Ackenhausen feiert Heiligabend 2016 mit ihrer ältesten Tochter, Anna, 22, aus einer früheren Beziehung. Einen Weihnachtsbaum aus Metall haben sie sich gekauft, leckeres Essen soll es geben: „Wir werden es uns mit unserem Mädelsabend schon nett machen“, sagt sie. Es werde vermutlich auch ein bisschen komisch werden: „Aber das ist eben eine Konsequenz aus der Trennung.“

An Weihnachten würden oft auch die Differenzen, Brüche, in Familien seismografisch sichtbar, sagt Kurt Brylla, Psychotherapeut des hannoverschen Winnicott-Instituts. Das sei die Kehrseite der Tatsache, dass mit dem Fest ein hoher Anspruch auf Gemeinsamkeit, auf Aufmerksamkeit füreinander einhergehe. Brylla betont den Zauber, der dem Weihnachtsfest allen Konflikten zum Trotz bis heute innewohnt. Der ergebe sich schon aus der christlichen Botschaft, den Werten, für die Weihnachten symbolisch stehe: Frieden, Nächstenliebe, Gerechtigkeit. Wie wirkungsmächtig das Weihnachtsfest sei, machten historische Beispiele deutlich: „Im Ersten Weltkrieg haben die Soldaten an Heiligabend die Waffen ruhen lassen und im Schützengraben Weihnachtslieder gesungen.“

Die „Sogwirkung von Weihnachten“ nennt Oliver Thiele diese Kraft. Für ihn hat sie vor allem etwas mit den Kindern zu tun. Die kindliche Freude auf Geschenke beispielsweise sei einzigartig. Die Wirkung des Festes auf Kinder bewirkt, dass der 47-Jährige trotz der Trennung von der Mutter seines Kindes mit ihr und Jasper Weihnachten in allen erdenklichen Konstellationen feiert. Und das, obwohl er sich selbst als jemanden bezeichnet, dem Weihnachten eigentlich nicht so viel bedeute. „Ich habe das Fest auch schon ganz billig mit einem Kumpel in Prag in einer Bar mit Bier verbracht“, berichtet Thiele. Nachdem Jasper auf der Welt ist, ändert sich das gründlich. Jaspers Mutter zieht beispielsweise in eine Alleinerziehenden-WG mit einer anderen Frau mit Kindern: Weihnachten kommen die Ex-Partner, um mit ihnen und den Kindern zu feiern. Später feiert Thiele mit Ex-Frau, Sohn und ebenfalls getrennten Freunden. „Wir waren Schicksalsgemeinschaften. Das passte gut.“ Lange ist seine neue Lebensgefährtin, Melanie Brockamp, nicht dabei. Sie akzeptiert es, dass er den Festtag mit seinem Sohn verbringen will - und feiert mit den eigenen Eltern und Geschwistern. Als sie mit Oliver Thiele eigene Kinder bekommt, ändert sich das.

In diesem Jahr feiert Thiele mit seiner Frau, mit Laszlo und Lucia, mit Jasper und seiner Freundin - wie schon einige Male zuvor. Selbst Thieles Mutter mitsamt Partner ist dabei. „Die Familienstrukturen werden immer komplexer“, konstatiert er lachend. „Als Vater freut es mich natürlich besonders, wenn alle meine Kinder zusammen sind.“

Statistik zeigt: Der Begriff „Familie“ wird bunter

Die unkonventionellen Familienformen sind eine Gruppe, die ständig wächst. Gab es 2004 nach Angaben des Statistischen Bundesamtes noch 6,7 Millionen Ehepaare mit minderjährigen Kindern, so waren es zehn Jahre später nur noch 5,6 Millionen (minus 17 Prozent). Umgekehrt hat sich die Zahl der Lebensgemeinschaften mit minderjährigen Kindern von 684 000 im Jahr 2004 auf 883 000 im Jahr 2014 erhöht (plus 22 Prozent). Die Zahl der Alleinerziehenden stieg in diesem Zeitraum ebenfalls – wenn auch nicht kontinuierlich – um 66 000 auf gut 1,6 Millionen (plus 4 Prozent).
Auch in Hannover belegen Zahlen, dass der Begriff „Familie“ bunter geworden ist. Bei Familien ohne Migrationshintergrund lag der Anteil der alternativen Lebensgemeinschaften bei einer Repräsentativerhebung der Stadt 2013 bei insgesamt 40 Prozent: Darunter waren 23,5 Prozent Alleinerziehende, 9,8 Prozent nicht eheliche Lebensgemeinschaften, 6,4 Prozent Patchworkfamilien und 0,3 Prozent gleichgeschlechtliche Partnerschaften. Dem standen als übrige 60 Prozent verheiratete Paare gegenüber.

jr

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