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Stadt Hannover Wie der Steppenwolf-Sänger nach Hannover floh
Aus der Region Stadt Hannover Wie der Steppenwolf-Sänger nach Hannover floh
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12:22 21.01.2017
Von Simon Benne
"Heimat Hannover": Der Steppenwolf-Sänger John Kay 2002 bei einem Konzert in Hannover (links). In diesem Haus (oben rechts) in der Kronenstraße wuchs er auf. Quelle: Behrens/Villegas/HMH Hauschild 012353
Hannover

Der harte, trockene Schlag auf die Snaredrum. Das Kreischen der Gitarrenriffs. Und dann diese heisere, zornige Stimme: „Get your motor runnin’ ...“ Immer, wenn Mathias Greffrath den Song im Radio hört, sieht er sich selbst wieder im Treppenhaus jenes Wohnblocks stehen, in dem seine Familie vor Jahrzehnten lebte. Ein Junge im Hannover der Fünfzigerjahre, der für ein paar Augenblicke die weiße Gitarre des älteren Nachbarssohnes halten darf. Eine Gitarre, die so aussieht wie die von Elvis.

Auf dem Treppenabsatz tauschte er damals mit Joachim aus dem dritten Stock Schallplatten: „Ich mochte eher Pat Boones zahme Version von Tutti Frutti, Joachim liebte die wilde von Little Richard“, sagt Mathias Greffrath, der heute als Publizist in Berlin lebt. Damals waren er und Joachim Flüchtlingskinder, zwei von Tausenden in der Stadt. Der Nachbarsjunge wurde später zum vielleicht bekanntesten Rocksänger, den Deutschland je hervorgebracht hat.

Joachim Krauledat wohnte mit seiner Mutter und seinem Stiefvater – der leibliche war gefallen – in der Kronenstraße 37 (heute Nummer 34) im dritten Stock rechts, Greffraths Familie wohnte im ersten. „In unserem Haus lebten damals viele Flüchtlinge“, sagt Mathias Greffraths Mutter, die 87-jährige Hedwig Greffrath. „Die Wohnungen waren 42 Quadratmeter groß, doch Mitte der Fünfzigerjahre war man froh, eine eigene Wohnung zu haben.“

Joachim war 1944 im ostpreußischen Tilsit geboren worden. Mit seiner Mutter hatte es ihn zunächst in die Sowjetzone verschlagen. Als er fünf war, flohen sie in einer Nacht-und-Nebel-Aktion weiter in den Westen. Der Junge trug einen Rucksack, er hatte Angst in der Dunkelheit. Ein Fluchthelfer sagte: „Halt den Kopf runter, sonst schießen sie.“ Jahrzehnte später verarbeitete er das Erlebnis in seinem Song „Renegade“. Da hatte er seinen Namen längst in John Kay geändert, die Band Steppenwolf gegründet und den Easy-Rider-Soundtrack „Born to Be Wild“ gesungen – jene legendäre Motorradhymne, deren Riffs zur Pflichtübung für Generationen von Nachwuchsbands wurden.

„Als Jungen sprachen wir eigentlich nie über die Flucht“, sagt Mathias Greffrath. Das Leid und die Verbrechen der Vergangenheit wurden in den Wiederaufbaujahren eben nicht nur von den Erwachsenen kollektiv beschwiegen.

Greffraths eigene Familie stammte aus Pommern. Nach dem Krieg, als Millionen Deutsche aus dem Osten vertrieben wurden, waren sie wie Joachim und seine Mutter in Hannover gelandet. Teils lebten entwurzelte Menschen auf Jahre in ärmlichen Flüchtlingslagern. Die Solidarität der Alteingesessenen hielt sich oft in Grenzen. Im September 1950 waren von 443.941 Einwohnern Hannovers 20,9 Prozent Flüchtlinge. Obwohl für die zerstörten Städte teils eine Zuzugssperre galt, stieg ihr Anteil bis 1955 auf 27,3 Prozent. Die Integration der Vertriebenen, die mit ihrem eisernen Aufbauwillen ein Motor des Wirtschaftswunders wurden, ist bis heute eine der größten Erfolgsgeschichten der Bundesrepublik.

Damals bauten sich Mathias, Joachim und die anderen Jungen in den Kriegsruinen Höhlen aus Backsteinen, obwohl das natürlich verboten war. Und sie spielten Fußball auf einem Trümmergrundstück in der Nachbarschaft. „Die Tore malten wir mit geklauter Schulkreide auf die Brandmauern“, sagt Greffrath.

John Kay, der Joachim von damals, ist heute praktisch blind. Stark sehbehindert war er auch damals schon. Vielleicht hatte er deshalb Probleme in der Schule. Vielleicht war er auch deshalb ein Außenseiter. Ein Einzelgänger. Jemand, der sich durchbeißen und auf dicke Hose machen musste. „Einmal erzählte er, dass sein Vater Papst sei“, erinnert sich Greffrath. Ein andermal legte der fiese Rudi dem kurzsichtigen Joachim beim Elfmeterschießen einen Stein unter den Ball, und dieser tat sich prompt am Fuß weh. Er rächte sich Tage später. Mit einem harten Fausthieb verschaffte er sich Respekt. Seine Mutter schickte Joachim schließlich auf die Waldorfschule am Maschsee, die er selbst später in den höchsten Tönen lobte: „Von den Lehrern habe ich Toleranz erfahren“, sagte er einmal, als er längst ein Star war.

Joachims Mutter, Elsbeth Kyczinski, schlug sich damals als Schneiderin durch, der Stiefvater fuhr Tabakwaren mit dem Lieferwagen aus. Und er bastelte Joachim aus Sperrholz die erste Gitarre. „Er saß immer auf der Treppe und spielte darauf“, sagt Greffrath. Über die Soldatensender der Alliierten hatten sie Rock ’n’ Roll kennengelernt. Auf dem Rummel am Welfenplatz stand Joachim oft lange neben der Berg-und-Tal-Bahn und hörte die fremde Musik aus Amerika, die sie dort spielten.

Schon als junger Teenie trug Joachim weiße Schuhe und strich die Haare mit Pomade zurück. „Stundenlang posierte er daheim vorm Spiegel, rockte mit seiner Gitarre und sang Texte, die er nicht verstand“, sagt Greffrath. Einmal gingen die Jungen gemeinsam zu einem Konzert in der Marktkirche. „Als er den Donkosakenchor hörte, musste er weinen – aber das hätte er nie zugegeben.“

Irgendwann im Jahr 1958 war die Patchworkfamilie aus dem dritten Stock dann weg. Ausgewandert, nach Kanada, wo Joachim später seine Band gründete. Ein verlorener Sohn Hannovers. Vor vielen Jahren hat Greffrath seinen alten Kumpel, der heute in den USA lebt, noch einmal besucht. „Den Ehering seines gefallenen Vaters trägt er bis heute“, sagt er.

John Kay selbst spricht nur noch selten über seine Jugendjahre. „Richtig zu Hause habe ich mich nirgends gefühlt“, sagte das erwachsen gewordene Flüchtlingskind einmal in einem Interview mit dem „Rolling Stone“, „aber wenn ich etwas meine Heimat nennen kann, dann ist es Hannover.“

Zeitzeugen gesucht: HAZ plant Serie zu Vertriebenen

Die Stadt lag in Trümmern, Lebensmittel waren knapp – und dennoch strömten nach dem Krieg Zehntausende von Flüchtlingen und Vertriebenen aus dem Osten nach Hannover. Die HAZ sucht Zeitzeugen, die sich daran erinnern: Wie sah die Ankunft der Vertriebenen in Hannover aus? Wie gestaltete sich ihr Alltag zwischen Arbeitssuche und Leben in Notunterkünften? Wie bauten sie sich eine Existenz auf, was half bei der Integration? Und wie gingen Alteingesessene und Flüchtlinge miteinander um?

In der Serie „Fremde Heimat Hannover“ möchte die HAZ in den kommenden Monaten daran erinnern. Im Mittelpunkt stehen dabei weniger die traumatischen Erlebnisse von Flucht und Vertreibung selbst als vielmehr Ankunft und Alltag im Raum Hannover. Wir möchten beleuchten, wie Flüchtlinge Stadt und Umland erlebten – und wie sie selbst wahrgenommen wurden. Dazu möchten wir Ihre Fotos und Erlebnisberichte veröffentlichen. Bitte schicken Sie uns Ihre Erinnerungen an die HAZ-Lokalredaktion, 30148 Hannover, oder per E-Mail an hannover@haz.de, jeweils mit dem Stichwort „Fremde Heimat Hannover“. Wir freuen uns auf Ihre Zuschrift!

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