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Wie ein Shanty-Chor aus Hannover Karriere gemacht hat

St. Pauli Wie ein Shanty-Chor aus Hannover Karriere gemacht hat

Popstar für einen kurzen Moment: Ein Seemannschor aus Hannover hat einen Gastauftritt vor 12.000 ausrastenden Fans beim Festival des Hamburger Indielabels Grand Hotel van Cleef. Wie es dazu kam? Die Antwort liegt sieben Jahre zurück. Hier die Geschichte, wie der Seemannschor Hannover eine ungewöhnliche Karriere gemacht hat.

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Stadionkonzert: Der hannoversche Seemannschor zu Gast beim FC St. Pauli.

Hannover. Ein bisschen Popstar. Für einen kurzen Moment. „War schon - toll“, sagt Günter Robohm mit einer Verve, als läge dieses Erlebnis nur Minuten und nicht sechs Wochen zurück. Kein Wunder. Mit Indierocker Thees Uhlmann steht ja nicht jeder auf der Bühne. Als Rentner schon gar nicht.

Die Geschichte klingt in der Tat ziemlich verrückt: Ein Seemannschor aus Hannover hat einen Gastauftritt vor 12.000 ausrastenden Fans beim Festival des Hamburger Indielabels Grand Hotel van Cleef. Warum holt ein Rocker einen Shantychor? Und warum einen hannoverschen, wo es doch in Hamburg in jedem Stadtteil zwei gibt?

Die Antwort liegt sieben Jahre zurück. Damals waren die Hannoveraner nach diversen Auftritten beim Hamburger Hafengeburtstag gefragt worden, ob sie beim Fanfest zum 100-jährigen Jubiläum der Kicker vom FC St. Pauli auftreten würden. Die Idee: Der Chor singt die Lieder der Paulianer Fankurve, und die Ultras singen im Gegenzug Seemannslieder. „Die Ultras sind dann aber nicht gekommen, und nun standen wir da“, sagt Ernst F. Schröder, Bassist, Komponist, Techniker und Arrangeur der Truppe.

Weiche Knie, kräftige Stimme

Mit ziemlich weichen Knien, aber fester Stimme sangen die Männer zum Entzücken von 21.000 Fans ein Medley mit dem krönenden Hit. „Wir sind Zecken, asoziale Zecken, wir schlafen unter Brücken oder in der Bahnhofsmission.“ Mehr als hinterher wird am Millerntor auch bei einem Sieg nicht gejubelt. Und das ausgerechnet für Hannoveraner, mit denen die Pauli-Fans fußballmäßig ob der 96-Fanfreundschaft mit dem Stadtrivalen HSV gar nichts am Hut haben.

Er sei bei den Fansongs zunächst skeptisch gewesen, gibt Schröder zu. „Doch nach mehrmaligem Hören habe ich gemerkt: Da ist Substanz drin. Nur anders als wir sie kennen.“ Thees Uhlmann, selbst Edelfan des FC St. Pauli, erinnerte sich nun dieser denkwürdigen Minuten vom Millerntor und holte den Chor in Hamburg auf die Bühne. Und wieder ging es ab.

Wenn der Chor im Freizeitheim Döhren probt, ist von aller Euphorie nichts zu spüren. Rund 30 Sänger sind an diesem Donnerstagnachmittag erschienen und scharen sich um Manfred Fuhl, der heute für den etatmäßigen Chorleiter Bernd Wittenberger einspringt. Wenn alle kommen, wird es voll: 52 Mitglieder hat der vor 24 Jahren aus einer Marinekameradschaft entstandene Chor, der jüngste ist 45, der älteste 85.

Schröder ist von Haus aus Jazzer, er „hätte niemals auch nur im Traum daran gedacht, dass ich mal in einem Seemannschor mitmachen würde“, sagt er. Dass es doch so kam, liegt an Uwe Schalkowski, den er in den Sechzigerjahren beim Jammen mit der Jugendband Hannover im Freizeitheim Vahrenwald traf. Jahrzehnte später fragte der Akkordeonist seinen Basskumpel, ob er als Pensionär nicht beim Seemannschor einsteigen wolle. „Und ich dachte: Wenn Uwe das sagt, dann gucke ich mir das wenigstens mal an.“ Jetzt begleiten er und Uwe seit fast zwei Jahrzehnten Seite an Seite die Sänger. Bei Auftritten und wie an diesem Tag bei der Probe in Döhren.

Ein Repertoire von 130 Liedern

Bevor sich im Übungsraum die Stimmen erheben, dirigiert Manfred Fuhl erst mal ein paar Atem- und Dehnübungen, um das Zwerchfell locker zu machen. Dann geht es mit dem eigenen Titel „Hallo Hannover“ los. Die Stimmung ist konzentriert, zwischendurch wird immer wieder unterbrochen, um an Feinheiten zu feilen. 130 Lieder umfasst das Repertoire, vom „Hamborger Veermaster“ und „Auf der Reeperbahn“ bis „Aloha Heja he“ und „Fiddlers Green“.

Rund 30 Konzerte gibt der Seemannschor Hannover im Jahr, in Altenheimen der Region, aber auch in Kirchen oder außerhalb auf Stadt- und Hafenfesten. Highlight neben den Fußballgigs war die Taufe des Kreuzfahrtriesen „Mein Schiff 2“ im Jahr 2011, wo sie neben Unheilig und James Last auftreten durften. Im November geht es auf Tour an die Ostsee - ein Trip nach Usedom mit zwei Konzerten.

Zunächst richten die Herren aber ihren Fokus auf das Herbstkonzert - am 14. Oktober um 15 Uhr im Freizeitheim Döhren. Und nächstes Jahr geht’s dann rund - da feiert der Chor sich und sein 25-jähriges Bestehen. Vielleicht kommt ja auch Thees Uhlmann zum Gratulieren vorbei.

Informationen über das Ensemble: www.seemannschor-hannover.de.

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