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Stadt Hannover Wiedersehen mit der Gastschwester nach fast 70 Jahren
Aus der Region Stadt Hannover Wiedersehen mit der Gastschwester nach fast 70 Jahren
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00:17 26.08.2017
Von Simon Benne
„Bis sie kam, hatten wir Angst vor den Deutschen“: Sylvia Supple (r.) plauscht mit Ilse Teerling in deren Haus in Kirchrode. Fotos: Schaarschmidt/privat (3) Quelle: Tim Schaarschmidt
Hannover

Wie gemalt sehen sie aus, wenn sie sich über das Fotoalbum beugen. Zwei elegante ältere Damen beim Abgleich gemeinsamer Erinnerungen. Es gibt Kaffee und Törtchen in Kirchrode. Da, das Bild ist von unserem Ausflug ans Meer. Und das da war doch der dicke Schulkamerad, der so gut singen konnte. Und das da war der Hund der Nachbarn.

Seit 64 Jahren haben die Frauen sich nicht gesehen, da gibt es viel zu erzählen. Dass sie sich damals überhaupt kennenlernen konnten, erforderte ein Stück Pionierarbeit: „Viele Leute brauchten damals viel Mut“, sagt die Engländerin Sylvia Supple: „Unsere Eltern, unsere Lehrer - und wir selbst auch.“

Die 83-Jährige ist mit einer Delegation aus Bristol angereist, um das 70-jährige Bestehen der Städtepartnerschaft mit Hannover zu feiern. Jener Partnerschaft, deren Wert man erst so recht ermessen kann, wenn man Geschichten wie die von Sylvia Supple und Ilse Teerling kennt.

Die damals 18-jährige Ilse gehörte 1949 zu den ersten Jugendlichen aus Hannover, die zum Schüleraustausch nach Bristol gingen. „Bei uns am Moltkeplatz wohnte damals ein britischer Besatzungsoffizier, der meine Eltern fragte, ob ich nicht Lust hätte, für ein halbes Jahr in England zur Schule zu gehen“, sagt die 86-Jährige. Damals besuchte sie die Elisabeth-Granier-Schule, die heutige Ricarda-Huch-Schule. Der Pass kostete Geld, die Reise dauerte lange, und es gab noch niemanden, der so etwas gemacht hatte. Doch Ilse nutzte ihre Chance.

Von Kriegsgegnern zu Freunden

Für die meisten Deutschen war England damals kein Urlaubsland, sondern noch immer der Kriegsgegner. Ein Schüleraustausch war damals keine Sprachreise mit Eventcharakter, sondern ein Aufbruch ins Ungewisse. Ein Wagnis für alle Beteiligten. „Wir wussten nicht, was uns erwartet und wie es mit einer Deutschen im Haus werden würde“, sagt Sylvia Supple.

Ihr Vater litt seit dem Krieg unter Albträumen. Und doch sagte er sofort zu, als die St George’s Grammar School nach Gastfamilien für die Deutschen suchte. So kam Ilse zu ihnen nach Bristol. Als Gastschwester von Marion, Sylvia und Hazle.

„Ich stand da in meinem Mantel, der aus einer umgenähten Wolldecke bestand, und bewunderte die gut gekleideten Engländerinnen“, sagt Ilse Teerling. „Und ich hatte immer Hunger.“ Als Bristols Bürgermeister die vier jungen Deutschen empfing - das ganze Projekt war schließlich ein Politikum -, verputzte sie acht Sandwiches auf einmal: „Das war der Himmel auf Erden.“

Ilse fand schnell Anschluss - und wir hatten ein halbes Jahr lang eine große Schwester“, sagt Sylvia Supple heute. „Die Familie hat mich herzlich aufgenommen - und auch in der Schule war ich nie nur ,die Deutsche’“, sagt Ilse Teerling.

In den Freistunden spielte sie bald Tennis und Rugby mit den jungen Briten. Sie kann von der jüdischen Mitschülerin berichten, die ihr anfangs nicht die Hand geben mochte - und die sie am Ende umarmte, als sie nach Hannover zurückging. Sylvias Vater hatte im Krieg als Mechaniker bei der Royal Air Force jene Lancaster-Bomber repariert, die Bomben nach Deutschland trugen. Zum Abschied trennte er zwei Knöpfe von seiner Uniform ab und schenkte sie Ilse: „Jetzt ist Frieden“, sagte er.

Es ist viel vom Frieden die Rede, wenn die beiden alten Damen im Fotoalbum blättern. „Bis Ilse kam, hatten wir Angst vor den Deutschen“, sagt Sylvia Supple. Schließlich wurde Bristol im Krieg ebenso zerstört wie Hannover. „Als Ilse ging, wusste ich, dass die deutschen Kinder so sind wie wir.“

„Als Ilse ging, wusste ich, dass die deutschen Kinder so sind wie wir.“

Auch Ilse Teerling kehrte verändert heim: „Der Aufenthalt hat meine Haltung gegenüber Fremden geprägt“, sagt sie. Als 19-Jährige hatte sie plötzlich ein Stück Lebenserfahrung im Gepäck: „Wenn Jugendliche aller Nationen sich begegnen würden, gäbe es keinen Krieg mehr“, sagt sie noch heute. Aus ihrem Mund klingt das nicht wie eine angelesene Sonntagsredenweisheit.

Sylvia kam aus Bristol auch einmal zum Gegenbesuch nach Deutschland, 1953, für drei Wochen. „Der Wiederaufbau ging in Hannover schneller voran als bei uns - hier wurde auch bei Dunkelheit gearbeitet, mit Flutlicht“, sagt sie. Eine Zeit lang schrieb man sich noch, dann schlief der Kontakt ein. Bis Sylvia jetzt über die Hannover-Bristol-Gesellschaft wieder nach Deutschland kam - zum ersten Wiedersehen mit ihrer deutschen Gastschwester seit 64 Jahren.

Einer ihrer beiden Söhne ist Schauspieler, einmal hatte er sogar ein Gastspiel in Hannover. Und Ilse Teerlings Nichte lebt in London. Für die Jüngeren ist so etwas selbstverständlich. Sie wissen kaum noch, dass viele Menschen viele Mosaiksteinchen zur Versöhnung und zum Aufbau des gemeinsamen Europas beitragen mussten.

Der Brexit mache sie schon traurig, sagt Sylvia Supple. Sie blickt ins Album. Ein Schwarz-Weiß-Bild zeigt sie als Teenagerin neben der jungen Deutschen. Zwei Mädchen, zwei Nationen, ein Stück gemeinsame Jugend. „Unsere Generation“, sagt sie, „hat Menschen zusammengebracht.“

Hannovers Partnerstädte

Jeder Bürgermeister kann auf kommunaler Ebene ein bisschen Außenpolitik treiben und Völkerfreundschaften ausbauen – dank der Partnerstädte. Die 1947 begründete Partnerschaft zwischen Bristol und Hannover war eine der ersten deutsch-britischen Verbindungen dieser Art. Im Zuge der deutsch-französischen Aussöhnung folgten Partnerschaften mit Perpignan im Jahr 1960 und Rouen 1966. Im Jahr 1967 kam die Partnerschaft mit Blantyre im afrikanischen Malawi hinzu, 1979 die Partnerschaft mit der polnischen Messestadt Posen und 1983 die mit Hiroshima in Japan. Politisch bemerkenswert war die 1987 begründete Partnerschaft mit Leipzig in der damals noch existierenden DDR. Neben den Partnerschaften unterhält Hannover seit 1991 eine Städtefreundschaft mit Iwanowo in Russland. Das früher selbstständige Ahlem pflegt seit 1966 partnerschaftliche Beziehungen zum französischen Petit-Couronne. Und das ehemals eigenständige Misburg schloss zwischen 1961 und 1970 insgesamt sechs Städtepartnerschaften: Bis heute gibt es einen teils regen Austausch mit Shepton Mallet (England), Bollnäs (Schweden), Oissel-sur-Seine (Frankreich), Flekkefjord (Norwegen), Kankaanpää (Finnland) und Morsø (Dänemark).

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