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Wie krank macht Primark wirklich?

Textil-Discounter in der Kritik Wie krank macht Primark wirklich?

Kopfschmerzen, Ausschlag, Kameras: Primark ist in die Kritik geraten. Jetzt berichten Angestellte aus der Filiale in Hannover, wie es ist bei einem Textil-Discounter zu arbeiten, der wegen niedriger Preise bei Zehntausenden so beliebt ist – und gleichzeitig bei Gewerkschaften im Fokus steht.

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Gerade bei jungen Frauen sehr beliebt: Seit der Eröffnung von Primark sind die Konzerntüten an jeder Ecke der City zu sehen.

Quelle: Behrens

Hannover. Nicht viel los bei Primark an diesem Mittag. Ein paar Kunden stöbern herum, junge Männer mit Kappen suchen billige Jeans, manches Stück kostet nur 9 Euro. Zwei ältere Frauen mit Kopf­tüchern sichten Blusen mit gewagten Mustern, T-Shirts liegen gestapelt für 4,50 Euro das Stück.

Primark ist der Billigheimer unter den Textilkaufhäusern, Kult besonders bei jungen Mädchen und Gelegenheit für arme Menschen, Geld zu sparen. Seit der Eröffnung scheinen Tüten mit Primark-Logo die Innenstadt zu dominieren. Dann kam heraus, dass die Geschäftsleitung 128 Kameras installiert hatte, um Angestellte zu überwachen. Vor Kurzem ließ die hannoversche Filiale 132 befristete Arbeitsverträge auslaufen. Primark zeigte in Deutschlands größter Filiale das böse Gesicht, von dem man immer schon gehört hatte. Juliane Fuchs, Gewerkschaftsekretärin bei Verdi, sagt über den Konzern: „Wir sind nicht noch fertig mit Primark.“ Das Kaufhaus selbst stellt sich als Konzern dar, der ethischen und sozialen Standards verpflichtet ist.

„Nicht alles ist schlecht“

Lena* und Sarah* haben dort gearbeitet und berichten: „Es ist viel Arbeit, aber nicht alles ist schlecht.“ Die jungen Frauen sind um die 20 Jahre. Sie halfen Kunden an den Umkleidekabinen, räumten Regale ein, falteten an Tischen ewig neu durcheinandergeworfene Klamotten zusammen und füllten Kleiderständer mit neuen Stücken auf. Beide haben sich entschlossen zu erzählen, wie es ist, in einem Kaufhaus zu arbeiten, das wegen seiner extrem niedrigen Preise bei Zehntausenden so beliebt ist - und gleichzeitig wegen mancher Praktiken bei Gewerkschaftsvertretern im Fokus steht.

Ein Treffen in einem Innenstadtcafé, Tee, Handys auf dem Tisch. Sie tragen dezente Pullover, nichts von Primark, dort kaufen sie nicht. Sie erzählen sehr differenziert.

Bei Sarah fingen die Probleme nach kurzer Zeit an. Jeder Tag im Geschäft endete mit Kopfschmerzen. Dazu kam Hautausschlag an den Händen, vom ständigen Kontakt mit den Kleidungsstücken. Ausschlag, den sie nie zuvor gehabt habe. „Das hat gejuckt und gekratzt“, sagt ­Sarah, Kollegen hätten ihr von ähnlichen Hautveränderungen erzählt. Im Laden vermutete man, es liege wohl an Plastik und Chemie in den Produkten. An Tagen ohne Arbeit, etwa an Wochenenden, bildete sich der Ausschlag wieder zurück. Der Arbeitgeber habe Handschuhe angeboten. Worüber sich Lena wundert, die ebenfalls von regelmäßigen Kopfschmerzen berichtet: „Handschuhe bei Verkäuferinnen habe ich noch in keinem Laden gesehen.“ Aber manche Kleidungsstücke hätten doch so „gestunken“, dass sie hofften, kein Kunde würde sie anprobieren. Sie wären es ja, die die Sachen in die Hand nehmen, zusammenlegen und zurück in Regale und Ständer sortieren müssten.

Gewerkschaft berichtet von „mieser Stimmung“

Als Sarah, die mit einem befristeten Vertrag angestellt war, einmal krank wurde, hörte sie nachher von einer Kollegin, dass ihr Kontrakt nun wohl nicht verlängert würde. Wer krank sei, fliege raus, da helfe kein Attest. Der irische Konzern beschäftigt Mitarbeiter in Vollzeit, viele haben befristetete Arbeitsverhältnisse, auch Zeit­arbeitsfirmen vermitteln Jobs. Mit dem Gehalt waren die beiden Frauen immer zufrieden. Lena erhielt schon den Mindestlohn von 8,50 Euro, als er noch nicht gesetzlich vorgeschrieben war. Sarah bekam sogar knapp 10 Euro pro Stunde, als ungelernte Kraft, „so viel zahlen andere nicht“. Beide glauben, dass viele Primark-Mitarbeiter zufrieden seien. Nette Kollegen, ordentliche Bezahlung. Gewerkschafter sähen es indes lieber, wenn Primark nach Tarif bezahlen würde, was bedeuten würde: mehr Urlaub, geregelte Zuschläge, Lohnsteigerungen nach Berufsjahren.

Bei Verdi hat man auch gegenteilige Informationen, was die Laune im Haus betrifft. Sekretärin Juliane Fuchs berichtet von „mieser Stimmung“, der Krankenstand im Haus soll angeblich zwischen 10 und 15 Prozent liegen. Genaue Daten gibt es nicht, Primark liefert keine Zahlen. Bei der Gewerkschaft gilt der Discounter nicht als der schlimmste aller Arbeitgeber im Einzelhandel, aber doch als Konzern, der erhebliche Probleme mit Betriebsräten hat. Gerade streitet man sich, ob Verdi für ein anberaumtes Gespräch einen Anwalt und einen Sachverständigen mitbringen darf. Primark will offenbar nur eine Person zulassen, selbst aber Personal der international agierenden Kanzlei Freshfields aufbieten. Ungleiche Waffen, argwöhnt Fuchs.

Stillschweigen über Löhne gefordert

Zu besprechen gibt es aus Sicht von Verdi vielfältige Themen. Sekretärin Juliane Fuchs moniert „Geruchsbelästigungen“ in den Etagen und Kameras, deren Blickwinkel zum Teil nur durch Klebestreifen eingeengt seien. Nach dem Verzicht auf 132 Aushilfen fürchtet Fuchs zudem eine drastische Arbeitsverdichtung, auch wenn Primark 29 befristete Jobs in dauerhafte Arbeitsplätze umgewandelt hat. Ein Stellenabbau ist es immer noch, „bei gleichem Umsatz“, sagt die Gewerkschafterin. Es dürften spannende Gespräche werden.

Ein Primark-Sprecher erklärte am Freitag auf Anfrage, dass die Verlängerung von Verträgen nichts „mit der Krankheitsquote von Mitarbeitern“ zu tun habe. Lohn werde nur einbehalten, wenn befristet Beschäftigte unentschuldigt fehlten. Dass jetzt befristete Verträge nicht verlängert wurden, habe mit dem abgelaufenen Weihnachtsgeschäft zu tun. Nach Angaben des Sprechers beträgt das Einstiegsgehalt für alle Mitarbeiter 9,63 Euro. Lena, bezahlt mit 8,50 Euro, erinnert sich, wie sie bei der Einstellung aufgefordert wurde, mit niemandem über Löhne zu sprechen.

Und die Kopfschmerzen, der Ausschlag? Es gibt sie. Man sei im ständigen Dialog mit Mitarbeitern, sagte der Sprecher: „Vorfälle, die an uns herangetragen wurden, haben sich als individuelle Unverträglichkeiten herausgestellt.“ 

Umsatz und Kritik

Primark ist eine Tochterfirma des Nahrungsmittelkonzerns Associated British Foods (ABF) mit Sitz im irischen Dublin. Das Unternehmen wurde 1969 gegründet, der Umsatz soll mehr als 3 Milliarden Euro betragen. Nach einer ABF-Mitteilung vom Freitag stagnierte der Umsatz im vergangenen Jahr jedoch in Deutschland, wo es inzwischen 16 Filialen gibt. Primark beschäftigt in Deutschland 6124 Mitarbeiter. In die Kritik geriet das Unternehmen unter anderem als sich herausstellte, dass es Textilien zu Niedriglöhnen in einer Fabrik in Bangladesh herstellen ließ, bei deren Einsturz später mehr als 1100 Menschen ums Leben kamen. Primark zahlte danach einen Millionenbetrag an die Hinterbliebenen.

Die Absicht des Discounters, in Ingolstadt eine weitere Filiale zu eröffnen, wurde dort von SPD und Katholischer Arbeitnehmerbewegung scharf kritisiert. Man verwies auf „katastrophale Arbeits- und Lohnbedingungen“ für Textilarbeiterinnen in Asien und eine „nahezu lückenlose Videoüberwachung“ der Mitarbeiter in deutschen Geschäften. Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki kritisierte, Primark lasse unter Bedingungen des „Manchesterkapitalismus“ produzieren.

* Namen von der Redaktion geändert

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Foto: Unter den Primark-Mitarbeitern ist die Unruhe groß.

Weil die Modekette Primark befristete Verträge von Mitarbeitern nicht verlängert hat, haben sich die Arbeitsbedingungen nach Angaben von Verdi weiter verschlechtert. Schon mit 500 Mitarbeitern in der Filiale sei die Arbeit für die einzelnen Beschäftigten ein Knochenjob gewesen, berichtet Julia Fuchs von der Gewerkschaft.

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